20. Juli 2021, 21:54 Uhr

Über Dinge, die man tun muss

Sie ist 22 Jahre alt, studiert, ist sportlich, freundlich, an vielen Dingen interessiert, und sie hat Humor. Das passt mehr oder weniger auf viele junge Menschen. Aber Jana Theiß hat etwas, was viele andere ihrer Altersgruppe nicht haben: Ein Zeitungs-Vollabo! Ja, sie liest Zeitung. Auf Papier! Sechsmal in der Woche steckt die Gießener Allgemeine in ihrem Briefkasten.
20. Juli 2021, 21:54 Uhr
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Von Burkhard Bräuning
Die Fotos im Uhrzeigersinn von links oben: Jana (r.) und ihre Schwester Angelina; schon von klein auf eine begeisterte Karnevalistin; (fast) immer freundlich: Jana im Jahr 2021; die ganze Familie Theiß; und noch mal Jana (l.) mit ihrer Schwester vor der Golden Gate Bridge. FOTOS: PRIVAT

Jana Theiß hat eine klare Haltung: »In Zeiten, in denen der Begriff ›Alternative Fakten‹ die Runde macht, ist für mich die Tageszeitung die seriöseste Informationsquelle.« Für die neue Serie »Junge Leser« zum 75. Geburtstag der Gießener Allgemeinen erzählt sie von ihrem Blick aufs Leben, von ihren Träumen, Zielen und Wünschen. Jana steckt irgendwo in der Schnittmenge zwischen Generation Y und Generation Z, gehört also zu den Millennials oder den Post-Millennials. Da streiten die Gelehrten. Aber sie möchte sich ohnehin keiner dieser Kategorien zuordnen lassen. Das ist ihr zu pauschal.

Ein paar Fakten: Jana hat 2018 in der Grünberger Theo-Koch-Schule ihr Abitur gemacht. Sie möchte Lehrerin werden. Seit Oktober 2018 studiert sie an der Uni Gießen Lehramt für gymnasiale Oberstufe mit den Fächern Deutsch und Philosophie. Mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester lebt sie in Grünberg-Stangenrod. »Mit meiner Schwester habe ich ein Beste-Freundin-Verhältnis. Wir helfen uns gegenseitig, motivieren uns. Wir hatten in unserem kleinen Dorf eine tolle Kindheit. Unsere Eltern haben uns aber auch früh ein Stück von der Welt gezeigt. Wir waren in den USA, in Ägypten, Spanien. Wir sind interessiert an anderen Ländern und den Menschen, die dort leben.«

Jana hat in der Theo-Koch-Schule und beim TSV Grünberg viele Jahre Basketball gespielt - auf der Center-Position. Sie mag Teamgeist. Den findet sie auch in der Garde, beim Showtanz und im Karnevalsverein. Jana ist eine angenehme Gesprächspartnerin: Sie ist offen, nachdenklich und kritisch. »Ich bin zu allen Menschen, denen ich begegne, freundlich. Aber ich stelle immer häufiger fest, dass die Ellbogenmentalität zunimmt. Viele Menschen sind egoistisch, sie nehmen, was sie kriegen können. Manche haben einfache Wörter wie Danke und Bitte gar nicht mehr in ihrem Vokabular. Da bin ich dann auch nicht mehr so freundlich. Und es gibt Menschen, die sagen Dinge, die nicht tolerierbar sind. Da stehe ich auf und widerspreche. Es gibt gewisse Grundhaltungen, die kann ich einfach nicht akzeptieren. Auch aufgrund unserer Geschichte.«

Zeitung lesen gehört im Haus Theiß zu den Familientraditionen, auch schon bei Janas Eltern und Großeltern. Den Sportteil der Allgemeinen liest sie intensiv, aber auch die Ressorts Politik, Kultur, Region und Panorama. »Ganz klar lese ich auch das Lokale«, sagt sie. »Denn ich möchte mich auch über das informieren, was in meinem direkten Lebensumfeld passiert.« Samstagmorgens versucht sie, zusammen mit ihrem Vater das große Schwedenrätsel im Wochenendteil zu lösen. »Das macht total viel Spaß, ist ein nettes Ritual.«

Jana ist auf einigen Social-Media-Plattformen unterwegs, postet manchmal auch eigene Beiträge. Sie sagt aber: »Man muss genau schauen, was man von sich preisgibt. Ich bin da eher zurückhaltend. Aus meiner Sicht verlassen sich zu viele Menschen auf das, was sie beispielsweise bei Facebook oder Instagram sehen und lesen. Seriös und glaubwürdig ist das oft nicht.« Radio hört sie beim Autofahren. Bei Netflix schaut sie Serien, aber auch Dokumentationen. Die 22-Jährige macht sich Sorgen wegen des Klimawandels, bleibt am Ball, besonders wenn es um Themen wie beispielsweise Überfischung und Verschmutzung der Meere, Rassismus, Diversität und Frauenfeindlichkeit geht. »Aber nicht nur diese Themen bringen mich auf. Es ist schlimm, wie viel Ignoranz es gibt und wie viel Hass.« Fernsehen steht bei ihr eher seltener auf dem Programm, aber montags ist sie bei »Wer wird Millionär« gerne dabei.

Wenn es um die Glaubwürdigkeit der Medien geht, sieht sie Tageszeitungen ganz weit vorn. »Weil die Themen eine große Ernsthaftigkeit haben, weil gut recherchiert wird, weil man Quellen nennt wie Polizei, Feuerwehr, Bürgermeister, Bürgerinitiative und Vereinsvorsitzender und weil man in den Zeitungsverlagen auch Zahlen checkt. Ich habe großes Vertrauen in die Redaktionen der Gießener Allgemeinen. Seriosität sehe ich aber auch bei den meisten überregionalen Blättern.«

Jana macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer Generation. Sie wünscht sich mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft und mehr Hilfsbereitschaft. »Wir können unsere Probleme nur miteinander lösen, aber nicht gegeneinander«, sagt sie. Wenn das Leben allzu stürmisch ist, die Sorgen groß sind, dann weiß sie, wo sie hingehen muss. »Meine Familie und meine Freunde fangen mich auf. Freundschaft und eine vertrauensvolle Partnerschaft sind mir wichtig.«

Einen präzise getakteten Lebensplan hat sie nicht. »Das passt nicht zu mir.« Aber einen Rahmen für ihr Leben hat sie schon. Sie möchte vor allem eine eigene Familie gründen. »Ich habe da meine Kindheit vor Augen. Das Aufwachsen mit der jüngeren Schwester war fast so etwas wie eine heile Welt, nur leicht getrübt von wenigen dunklen Tagen.« Jana hofft, dass sie eine gute Lehrerin wird, »dass ich den Stoff so rüberbringen kann, dass die Schülerinnen und Schüler ihn verstehen. Ich möchte ihnen auch vermitteln, wie wichtig Werte und Tugenden sind. Für mich gehören Toleranz, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Gerechtigkeit, auch im Sinne von sozialer Gerechtigkeit, dazu. Wir haben ja auch einen Erziehungsauftrag. Die Schüler sollten verstehen, dass das Leben mehr ist, als nur sein eigenes Ding zu machen. Ich erwarte aber keine Perfektion. Ich selbst strebe ja auch nicht danach.«

Sie sei mit religiösen Fragen aufgewachsen, glaube auch an Gott. »In die Kirche gehe ich aber eher selten. Nur an Weihnachten.«

Christ zu sein, das bedeute auch, dass man auf andere Menschen zugehe, dass man die Kälte nicht in sein Herz lasse, sagt sie. »Meine größte Angst ist, dass wir Menschen uns wieder zurückentwickeln, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Ich wünsche mir, dass wir vor allem mitfühlende Wesen bleiben. Das ist das, wonach wir streben müssen.« Oder frei nach Astrid Lindgren könnte man auch sagen: »Es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.«



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