01. August 2021, 18:31 Uhr

Teure Leiharbeit in der Pflege

Übertarifliche Bezahlung und flexiblere Arbeitszeit: Für Pflegekräfte kann Leiharbeit ein attraktives Arbeitsmodell sein. Für Krankenhäuser in Hessen aber kann die Arbeit auf Zeit aber eine teure Angelegenheit werden.
01. August 2021, 18:31 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA
Weil viele Pflegekräfte an Covid-19 erkrankt oder in Quarantäne waren , mussten Leiharbeitskräfte diese Lücke schließen - und die sind teuer. FOTO: DPA

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hat die Kreis-Klinik Groß-Gerau eine Menge Geld gekostet, wie Geschäftsführerin Erika Raab vorrechnet: Allein im Januar 2021 lagen die Personalkosten in ihrem Krankenhaus um etwa 300 000 Euro höher als zu Vorpandemie-Zeiten. Für das laufende Jahr kalkuliert die Juristin und Medizin-Controllerin insgesamt Mehrkosten von etwa einer Million Euro.

Während der zweiten Welle waren viele Pflegekräfte an Covid-19 erkrankt oder mussten sich in Quarantäne begeben. Diese Lücke mussten Leiharbeitskräfte schließen - und die sind teuer.

Viele denken bei Leiharbeit an niedrige Löhne. In der auf Fachkräfte angewiesenen Pflege ist dies jedoch anders, da hat sich die Leiharbeit anders entwickelt. »Durch den Fachkräftemangel hat sich das Bild gedreht«, erklärt Wolfram Linke vom Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ). Die Arbeitnehmer können die Bedingungen stellen, zu denen sie arbeiten möchten. Das betrifft natürlich auch die Entlohnung.«

Gehalt liegt häufig über Tarif

Häufig liege das Gehalt über dem Tarif. Auch die Arbeitszeiten für Beschäftigte in Zeitarbeitsfirmen sind oft flexibler als in Kliniken, wie Linke sagt. Bei einigen Leiharbeitsunternehmen könnten Beschäftigte ihre Einsätze selbst koordinieren und dadurch eine bessere Work-Life-Balance herstellen. »Wir bieten nur die Bedingungen, die die Pflegebranche eigentlich bieten sollte.«

Für die Krankenhäuser können dadurch aber hohe Kosten entstehen. »Ich sehe die Gefahr, dass es zu relativ umfangreichen Abwanderungen von Personal aus den Krankenhäusern kommen kann, wenn man jetzt nicht dagegen steuert«, sagte Reinhard Schaffert, Geschäftsführer des Klinikverbunds Hessen mit Sitz in Wetzlar. Bereits vor der Corona-Pandemie schätzte Schaffert die Mehrkosten aufgrund von Leiharbeit bei einem Krankenhaus mit etwa 300 Betten auf mehrere Hunderttausend Euro jährlich. Während der Pandemie sei die Größenordnung »sicherlich nicht gesunken«, sagt er.

Erika Raab aus Groß-Gerau sieht vor allem das Fallpauschalensystem als Ursache für die Problematik. Ein Krankenhaus wird nur für jeweils erbrachte Leistungen bezahlt. Für eine Operation oder das Waschen eines Patienten gibt es feste Pauschalen. »Um Kosten zu sparen, sparen die meisten am Personal, da das Personal mit 60 bis 80 Prozent der Kosten natürlich den höchsten Anteil ausmacht«, erklärt Raab. Mögliche Spitzen, wie beispielsweise bei einer Grippewelle, kann ein Krankenhaus deshalb meist nicht durch eigenes Personal abdecken - und muss oft auf teurere Leiharbeitskräfte zurückgreifen. Das sei auch in bestimmten Phasen der Pandemie in mehreren hessischen Krankenhäusern ein Problem gewesen, bestätigt Schaffert.

»Ich hätte auch einfach die Arbeitszeit meiner Beschäftigten verlängern können, das ist in Ausnahmefällen möglich«, sagt Erika Raab. »Ich war aber dagegen, Zwölf-Stunden-Schichten einzuführen. Es ist mir wichtig, bei regulären Schichten zu bleiben, um meine Mitarbeiter nicht auszubrennen.« Raab engagierte daher Leiharbeitskräfte, um die Patientenversorgung zu sichern.

Für kurzzeitige Spitzen eine Hilfe

Für kurzzeitige Spitzen sei Leiharbeit »eine absolute Hilfe«, sagt die Geschäftsführerin. »Das wäre alles kein Problem, wenn wir genügend Fachkräfte auf dem Markt hätten.« Raab fordert daher, attraktivere Bedingungen für Pflegende zu schaffen.

Im Dezember 2020 waren 2,1 Prozent der Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege als Leiharbeiter beschäftigt. Aufgrund der guten Konditionen könnte aber vermehrt Krankenhaus-Stammpersonal in die Leiharbeit wechseln, fürchtet Schaffert. »Ich sehe die Gefahr schon, dass es zu relativ umfangreichen Abwanderungen von Personal aus den Krankenhäusern kommen kann, wenn man jetzt nicht dagegen steuert.« Doch der Kostendruck im Gesundheitssystem werde weiterhin dazu führen, dass nicht genügend Personal eingestellt werde und daher Leiharbeit weiter nötig sei, sagt Raab. »Dieses Dilemma wird nicht aufgelöst, sofern wir nicht grundlegend an die Finanzierungssystematik rangehen.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos