27. Juni 2021, 19:33 Uhr

Stücke der Stunde gehen unter die Haut

Die Hessischen Theatertage sind am Samstagabend in Marburg zu Ende gegangen. Besonders die Stücke der Stunde ziehen das Publikum in den Bann.
27. Juni 2021, 19:33 Uhr
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Von Marion Schwarzmann

Eine Woche prallvoll mit Theater: Am Samstagabend gingen die 29. Hessischen Theatertage in Marburg zu Ende. Sichtlich erschöpft, aber glücklich wirkten die beiden Gastgeberinnen Carola Unser und Eva Lange bei der abschließenden Preisverleihung im Erwin-Piscator-Haus. Das engagierte Team um die Marburger Intendantinnen hatten alle Kräfte mobilisiert, um das umfangreiche Programm zu stemmen. Zum Schluss gab es nur zufriedene Gesichter.

Ein Highlight des Theatertreffens steuerte das Staatstheater Wiesbaden mit der szenischen Umsetzung von Albert Camus‹ Erfolgsroman »Die Pest« bei. Matze Vogel gelingt eine eindringliche One-Man-Show, die jeden Zuschauer in den Bann zieht und ihm das Fürchten lehrt. Camus‹ Buch aus dem Jahr 1947 feiert in diesen Pandemiezeiten eine regelrechte Wiederauferstehung - eine Zeitlang war es sogar vergriffen. Dabei dient die Schilderung des Ausbruchs dieser Seuche in der nordafrikanischen Stadt Oran dem französischen Literaturnobelpreisträger eigentlich als Parabel auf die Schrecken des Krieges. Doch von Sebastian Sommer klug für die Bühne adaptiert, erweist sich »Die Pest« als Stück der Stunde.

Auferstehung der »Pest« geht weiter

75 Minuten lang ist Matze Vogel gefangen im Inneren eines Hauses, das sich langsam und kontinuierlich wie das Rad der Geschichte dreht (Bühne: Fabian Wendling) und in dem Ratten immer mehr die Flure bevölkern. Mit nie nachlassender Präsenz erzählt er aus Sicht des Arztes Dr. Bernard Rieux von den beängstigenden Ereignissen, die eine lebendige Stadt lähmen, ihre Bewohner in die Isolation und letztendlich in den Tod treiben. Mit jeder Pore seines Körpers lässt Vogel die Machtlosigkeit gegen diese Menschheitsplage spüren. Sein Doktor weiß um die Vernichtungskraft dieser unheilvollen Krankheit, gegen die irgendwann nur ein Impfstoff helfen kann - und er stemmt sich bis zur Erschöpfung gegen sie.

Regisseur Sommer trifft mit seiner rasanten Inszenierung stets den richtigen Ton. Sein Sound-Teppich findet den passenden Rhythmus, schafft Ruhepausen und wühlt auf - wie auch die begleitenden Videos von Astrid Gleichmann zwischen entrückter Schönheit und hektischer Hässlichkeit pendeln.

Ein Stück Zeitgeschichte hat auch das Schauspiel Frankfurt mit nach Marburg gebracht. In »NSU 2.0«, das gerade erst als analoge Vorstellung Premiere hatte, werden die Ermordung von Walter Lübcke in Kassel und der Terroranschlag von Hanau thematisiert, bei dem der Attentäter neun Menschen erschoss. Unter der Maxime »Untertauchen. Auftauchen. Warten. Und dann zuschlagen« beleuchtet das Team um Nuran David Calis rechtsradikale Mechanismen - eine Aufführung, die unter die Haut geht und lange nachwirkt. Das ist der dreiköpfigen Fachjury - Miriam Ibrahim, Esther Holland-Merten und Shirin Sojitrawalla - der Preis in der Kategorie »Kollektiv. Impuls. Vision« wert, der mit 2500 Euro dotiert ist.

Analoge und digitale Angebote

Von Anfang an sind die Theatertage als Mischung von analogen und digitalen Angeboten disponiert. Besonders freie Gruppen nutzen die Chance, sich mit ihren Produktionen online zu präsentieren. Sehenswert: »Rage - A Tennis Western«, ein 55-minütiger Film des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm.

In bester »Spiel mir das Lied vom Tod«-Manier zertrümmern hier mit Schmackes Maria Sendlhofer und Joana Tischkau viele Tennisschläger, hauen sich ihre Wut verbal wie Bälle um die Ohren, huldigen ihrem Vorbild Serena Williams und demonstrieren, dass man auf den Saiten eines Schlägers auch Gitarre und Fidel spielen kann. Beim augenzwinkernden Squaredance für zwei Countrymusic-Fans fehlen weder Cowboyhut noch Taktgefühl. Erstaunlich, zu was ein Tennisschläger alles taugen kann. Dafür gibt es einen Preis in der Kategorie »Raum. Zeit. Fiktion«.



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