07. September 2021, 20:48 Uhr

Sinnbild einer Zeitenwende

Die Anschläge vom 11. September 2001 werden oftmals als Zäsur bezeichnet. Doch was unterscheidet das Davor eigentlich von dem Danach? Was hat sich verändert? Und wie fällt nun, nach 20 Jahren militärischer Intervention in Afghanistan, die Bilanz für den damals ausgerufenen »War on Terror« aus?
07. September 2021, 20:48 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Die Bilder vom 11. September 2001 sind Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. ARCHIVBILD: EPA(/DPA

Am Samstag ist es 20 Jahre her. Doch fast jeder weiß noch, wo er gewesen ist und wie er am 11. September 2001 von den Anschlägen in den USA erfahren hat. Laut Prof. Dr. Helmut Breitmeier, Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen, liegt das an der »neuen Dimension der Brutalität« des Anschlags mit fast 3000 Todesopfern. Aber nicht nur: Als das zweite Flugzeug in das World Trade Centers einschlug, war ein weltweites Fernsehpublikum live dabei.

Die Zuschauer sahen, wie Menschen auf der Flucht vor dem Feuer in den Tod sprangen und beobachteten, wie die Türme in sich zusammenstürzten - Aufnahmen, die in den folgenden Stunden wieder und wieder gezeigt wurden. »Diese Bilder haben die kollektive Wahrnehmung und die Erinnerung an das Ereignis auf Dauer geprägt«, sagt Breitmeier. »Der Einsturz der Twin Towers ist quasi eine Versinnbildlichung des Zusammenbruchs der Erwartungen, die der Westen an die goldene Zeit der Globalisierung hatte.«

In diesem Zusammenhang ist oft von einer Zäsur die Rede. Doch welche Erwartungen sind durch die Anschläge geplatzt? Und wie unterscheidet sich das Vorher von dem Nachher? Die Antwort scheint banal, ist in ihren Auswirkungen jedoch komplex. »9/11 hat gezeigt, wie verwundbar offene Gesellschaften sind«, sagt Breitmeier und spricht von einer »Zeitenwende«, die die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit in den Fokus gerückt habe. »Dass man sich Freiheit eben auch mit Verwundbarkeit erkauft, ist eine der großen Antinomien, in denen wir uns in den letzten zwei Jahrzehnten bewegt haben«, sagt er. So habe man Maßnahmen und Gesetze zur Herstellung von Sicherheit beschlossen, die bisweilen auch einen starken Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen bedeuteten. »In der Forschung sprechen wir von Versicherheitlichung«, sagt Breitmeier angesichts der großen Bedeutung, die dem Thema Sicherheit in der Politik heutzutage zuteil wird. »Die globale Zäsur zeigt sich also daran, dass die relativ offene Welt abgelöst wird durch Grenzen und Unterscheidungen.«

Hiermit meint der Experte für Internationale Beziehungungen auch die Unterscheidung zwischen dem Wir und dem Anderen. »Es wird ein kultureller Gegensatz behauptet, ein vermeintlicher Cultural Clash, zwischen dem Westen und der Welt des Islam«, sagt Breitmeier. Dies führe leider dazu, dass Muslime vermehrt Anfeindungen und Verfolgungen ausgesetzt seien.

Auch die Außenpolitik zahlreicher Staaten beeinflusst 9/11 bis heute, denn nach den Anschlägen hatte die NATO den »Bündnisfall« ausgerufen - zum ersten und bisher einzigen Mal. Damit wurde der von George W. Bush ausgerufene »War on Terror« zu einer internationalen Angelegenheit, die auch Deutschland bis heute beschäftigt. So war die Bundeswehr 20 Jahre lang in Afghanistan im Einsatz.

Doch trotz aller Bemühungen scheint das »Terrorismus-Problem« in unserer Gesellschaft präsenter denn je. Angesichts von Anschlägen in London, Madrid, Paris, Nizza oder Berlin stellt sich gar die Frage, ob 9/11 als Startschuss des modernen Terrorismus gesehen werden kann. Breitmeier verneint das. »Ich glaube, 9/11 war eher die Sichtbarmachung einer bereits seit Längerem schwelenden Entwicklung«, sagt er unter Verweis auf frühere Anschläge, gerade in den 1990er Jahren. Zudem gebe es ja nicht nur islamistisch-fundamentalistischen Terrorismus, sondern auch Anschläge von Rechtsextremen und anderen politischen Gruppierungen. »Aber man kann in der Geschichte des modernen Terrorismus sicherlich von einer Zeit vor und nach 9/11 sprechen, weil viele Gewalttaten, die nach 2001 begangen wurden, explizit auf die Motive der Attentäter und den 11. September selber Bezug genommen haben«, so Breitmeier. Inwiefern der »War on Terror« den islamistischen Terrorismus bisher eindämmen konnte oder ob er ihn gar befeuert hat, wird viel diskutiert. Dabei geht es unter anderem um den Irak-Krieg, den die USA mit vermeintlichen Massenvernichtungswaffen sowie einer angeblichen Verbindung zum Terrornetzwerk El Kaida begründete - was beides nicht belegt werden konnte. Dieser Krieg, der von der sogenannten »Allianz der Willigen« ohne UN-Mandat geführt wurde und zu einer Ausgrenzung der sunnitischen Minderheit im Land führte, gilt als Auslöser für die Gründung der islamistischen Terrormiliz IS.

Hinzu kam nun der unrühmliche Abzug aus Afghanistan und der Siegeszug der Taliban, der die westlichen Regierungen offenbar kalt erwischt hat, obwohl die Entwicklung laut Breitmeier vorhersehbar war. »Die Loyalität gegenüber dem Westen war nie besonders groß«, sagt er. Da dürfe es nicht verwundern, dass mit dem Truppenabzug des Westens der Widerstand gegen die mächtigen Taliban gebrochen sei. »Der Westen hat nach 2001 auch Fehler gemacht«, bilanziert Breitmeier. »Er hat den ›War on Terror‹ vor allem militärisch geführt, aber zu wenig versucht, die Köpfe der Menschen zu erreichen.« Dabei gehe es um Perspektiven für wirtschaftliches und soziales Wohlergehen und demokratische Teilhabe.

Inwiefern von Afghanistan künftig Gefahr für die internationale Sicherheit ausgeht, bleibt abzuwarten. Breitmeier hofft jedenfalls auf einen Lerneffekt. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben seiner Meinung nach zu einer größeren Skepsis gegenüber militärischen Interventionen mit unkonkreten Plänen geführt. »Außerdem ist das Bewusstsein für die Komplexität der Probleme in der Ära nach 9/11 gewachsen«, sagt er. »Der transnationale Terrorismus ist nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern die Ursachen liegen viel tiefer«, sagt er. »Es is ein großes Problem, dass wir in einer Welt leben, die sozial und ökonomisch tief gespalten ist.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos