26. April 2021, 19:43 Uhr

Silberstreif am Theaterhorizont

Es wäre zu schön, um wahr zu sein: Das Landestheater Marburg will Ende Juni die 29. Hessischen Theatertage live vor Ort ausrichten. Getreu dem Motto nach Ödön von Horváth »Man darf die Hoffnung nicht sinken lassen« präsentierten gestern die Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange das umfangreiche Programm in einer Videokonferenz.
26. April 2021, 19:43 Uhr
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Von Marion Schwarzmann

Wir halten an der Hoffnung fest, bis sie stirbt«, proklamiert gleich zu Anfang Intendantin Carola Unser und verspricht: »Dann übertragen wir das Festival eben in den digitalen Raum.« Bis zum 1. Juni gibt sich das Leitungsteam für diese Entscheidung Zeit und arbeitet - unter Einbezug von aktuellen Hygienekonzepten - an kreativen Lösungen vor Ort. Zu lange schon müssen sowohl Künstler wie auch Zuschauer auf die persönliche Begegnung verzichten. Denn, wie Marburgs zugeschalteter Oberbürgermeister Thomas Spies betont: »Kultur ist essenziell für unser Gemeinwesen, genauso wie Wasser und Brot zum Menschsein gehören.«

Wie lebendig das Theater in diesen zermürbenden Corona-Zeiten dennoch ist, beweist schon die Fülle der zur Auswahl stehenden Produktionen aus Hessen. Allein 52 Bewerbungen gab es aus der freien Szene, von denen elf Performances ins Hauptprogramm eingeladen wurden. Dabei sind auch vier Studenten aus Gießen, die - wie Philipp Schulte von der Hessischen Theaterakademie erklärt - sich in »Tactile Prototypes« verblüffend mit der Entwicklung von neuen Musikinstrumenten beschäftigen. Ein Klangerlebnis der ganz anderen Art.

Darmstadt eröffnet am 20. Juni

Eröffnet werden die 29. Hessischen Theatertage, die normalerweise alle zwei Jahre stattfinden, am 20. Juni mit einer Vorstellung aus Darmstadt. Unter dem Titel »Staatstheater represent (Wo ist Emilia G.?)« setzen sich acht Mitspieler in dieser Uraufführung streitbar und satirisch mit Lessings Drama »Emilia Galotti« auseinander. Auch sonst werden bis zum 26. Juni Klassiker in ungewohnten, abgespeckten Versionen auf der Bühne im Erwin-Piscator-Haus zu sehen sein. So präsentiert das Staatstheater Kassel am 25. Juni eine auf drei Personen reduzierte Fassung von Shakespeares »Sturm«, während das Staatstheater Wiesbaden für die Bühnenadaption von Albert Camus’ Roman »Die Pest« (22. Juni) gar nur einen Darsteller braucht. Das Schauspiel Frankfurt schickt seine brandaktuelle Stückentwicklung »NSU 2.0« nach Marburg (23. Juni). Das Stadttheater Gießen gastiert einen Tag später dort mit seiner Tanztheaterproduktion »Carmen«.

Zwei Festivals in einem

»Eigentlich sind es ja zwei Festivals in einem«, erläutert Jürgen Sachs, der als Dramaturg für das traditionelle Kinder- und Jugendtheaterfestival KUSS verantwortlich zeichnet. Zweimal schon musste dieses beliebte Treffen pandemiebedingt ausfallen. Jetzt sollen im Rahmen der Theatertage wenigstens die fünf ausgewählten Werke aus dem Raum Hessen zu sehen sein. Das Ensemble des Theaterhauses Frankfurt ist mit »Ophelias Schattentheater« von Michael Ende ebenso dabei wie die Gastgeber mit »Mein ziemlich seltsamer Freund Walter« von Sibylle Berg.

Den Mitwirkenden winken vier dotierte Preise, den Zuschauern das einmalige Erlebnis einer Livevorstellung. Dabei soll sich neben dem Theater am Schwanhof als Spielstätte das Erwin-Piscator-Haus zum Zentrum des Festivals entwickeln. »Wenn möglich ab 17 Uhr mit Loungemusik«, wünscht sich Carola Unser. Und wenn dennoch die Reißleine gezogen werden muss, gibt es für etliche Stücke schon eine digitale Variante. »So oder so, die Hessischen Theatertage finden in Marburg statt«, verkündet Kollegin Lange mit selbstbewusstem Optimismus.



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