20. August 2021, 21:12 Uhr

Selbst ist die Frau

Aus einem 300-Seelen-Ort in der Rhön machte sie sich einst als junge Frau auf in die Welt und arbeitete 46 Jahre lang - trotz Kind, Haushalt und Garten. Heute ist sie eine glückliche Rentnerin, Ehefrau, Mutter und Großmutter. Das Porträt von Edith Karl, einer mutigen Frau.
20. August 2021, 21:12 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler

Eine Frau mit höherer Schulbildung, Führerschein, einem Kind und 44 Jahre Erwerbsleben - klingt normal? Heute vielleicht, doch Edith Karl ist bereits 75 Jahre alt. Das Gerede darüber, dass sie das alles als Frau gemacht habe, »hat mich nie interessiert«, sagt die heutige Beienheimerin. »Wenn ich aber damals all die Bedenken gehabt hätte, die ich heute bei meiner Enkelin habe, wäre ich vermutlich nie vors Haus gekommen.«

Karl wird im Mai 1946 als Schwester eines sieben Jahre älteren Bruders in einem kleinen Ort in der Rhön geboren - im Zonenrandgebiet. Sie absolviert die dortige Volksschule bis zur achten Klasse - als Einzige in ihrem Jahrgang, die Schüler sämtlicher Klassenstufen werden gemeinsam in einem Raum unterrichtet. Ihre Eltern betreiben eine Gaststätte, die bei Karl auf ebenso wenig Gegenliebe stößt wie die Landwirtschaft im Nebenerwerb. »Für mich stand fest: Sobald ich kann, verlasse ich die Rhön, auch wenn sie landschaftlich schön ist.« Karl darf als Erste aus ihrem Dorf zwei Jahre die Handelsschule in Fulda besuchen, auch wenn sie dafür pro Strecke zwei Stunden mit dem Bus fahren muss: »Das war nicht wirklich bequem, aber ein Führerschein oder gar ein Auto waren damals noch eine Seltenheit.«

Spagat zwischen Familie und Beruf

Sie beginnt im Anschluss eine Lehre als Bürokauffrau im benachbarten Tann, schreibt nach deren Ende etliche Bewerbungen und macht sich im Alter von 18 Jahren mit einer Zusage im Gepäck auf nach Bad Homburg. Dort arbeitet sie in der Abteilung Organisation und Verwaltung der »Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation«, einer Firma, die Aussiedlerhöfe plant und baut. Doch die Umstellung vom Dorfleben mit Gaststätte auf ein möbliertes Zimmer in der Taunus-Kurstadt ist groß. »Gerade die Einsamkeit war am Anfang schon hart«, sagt die heute 75-Jährige. Aber: Ihre Vermieter hatten einen großen Hund, »und wir haben uns von Anfang an geliebt«.

Es dauert kein Jahr, da lernt Edith Karl ihren Mann Dieter, einen waschechten Beienheimer, kennen, der in der Bauabteilung ihrer Firma arbeitet, 1966 heiraten sie und erwarten schon bald danach Sohn Marcus. Wie es der Zufall will, wird Edith Karls Mann Anfang April 1967 zur Bundeswehr eingezogen, ihr Sohn kommt am 6. April zur Welt. »Ich hatte noch Glück«, sagt sie, denn das Hausmeister-Ehepaar fährt sie ins Krankenhaus, eine ältere Arbeitskollegin unterstützt sie in den ersten Tagen. »Mit Betreuung war damals nix«, erzählt sie. Und so zieht die junge Familie zurück in die Rhön. »Meine Eltern haben sich natürlich riesig gefreut, schließlich haben sie ihren Enkel jeden Tag gesehen und ihn heiß und innig geliebt, aber arbeitsmäßig war es nicht so toll.« Mit der Gaststätte ist viel zu tun und Privatleben selten, ihr Mann muss zum Arbeiten bis nach Fulda pendeln. Immerhin: Auch Edith Karl findet in ihrem Ausbildungsbetrieb wieder eine Halbtagsstelle. »Das hat uns finanziell gutgetan.«

Doch lange geht das nicht gut: Ihr Mann findet schließlich einen Job in Frankfurt, wohnt in dieser Zeit bei seiner Mutter im Reichelsheimer Stadtteil Beienheim - und 1971 folgen Frau und Kind ihm. Zwei Jahre später kommen sie zufällig an ein Grundstück und beginnen zu bauen. »Der Grundstückspreis war damals schon viel Geld, entsprechend Glück hatten wir, dass es auf Erbpacht lief«, sagt Karl. »Aber acht Prozent Zinsen und zwei Prozent Tilgung waren hammerhart.« Bis heute glaubt sie, dass der Bankmitarbeiter »gegen sämtliche Vorschriften verstoßen« hat, als er ihnen den Kredit für den Hausbau gewährte. »Aber wir haben jeden Pfennig zurückgezahlt«, sagt Karl heute.

Es beginnt eine stressige Phase in Edith Karls Leben: Der Kindergarten hat nur zwischen 8 und 12 Uhr geöffnet, die Großmutter muss selbst arbeiten gehen, Vater und Mutter arbeiten inzwischen in Bad Nauheim. »Ich musste mich immer beeilen«, sagt Karl mit Blick auf Job, Kind, Haus und Garten. Doch 1974 findet Karl ihr berufliches Glück: Als ihre Firma bankrottgeht, findet sie eine Anstellung bei der damaligen Fachhochschule, der heutigen Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Friedberg. »Nach hartem Anfang war es im Nachhinein gesehen ein Glücksfall«, sagt Karl, die nach kurzer Zeit von der Verwaltung in einen Fachbereich wechselt. »Dort musste ich sehr selbstständig sein, alles organisieren, aber ich hatte gute Chefs und nette Kollegen, habe mich gut reingefunden -- es war sehr schön.«

Die Zahl der Studierenden an der THM wächst stetig, Karl und ihre Kolleginnen versuchen, damit Schritt zu halten und die Digitalisierung voranzutreiben. »Das hat sich so bewährt, dass andere Fachbereiche Dinge von uns übernommen haben«, sagt Karl nicht ohne Stolz. Das Motto sei stets gewesen: »Selbst ist die Frau.«

Ein Motto, das in den 1970er Jahren offenbar nicht bei jedem angekommen war. So erzählt Edith Karl von einem Vorstellungsgespräch, nachdem sie aufgrund der Arbeitszeiten den ihr angebotenen Job habe ablehnen müssen - er war schlicht nicht mit den Zeiten des Kindergartens kompatibel. »Der Chef sagte zu mir: ›Das muss ihr Mann entscheiden, ob sie diesen Job annehmen oder ablehnen können‹, woraufhin ich gesagt habe, dass ich das immer noch selbst entscheide - schließlich arbeite ich ja auch selbst.«

Doch der Job alleine bringt kein Glück: Ihr Mann wird Ende der 1970er Jahre schwer krank, was den Spagat zwischen Familie und Beruf noch verschärft. Sohn Marcus muss früh selbstständig werden. »Das war für uns beide ein Lernprozess«, sagt Edith Karl heute. »Aber ich konnte mich immer auf ihn verlassen.« Schließlich ziehen ihre Eltern nach Beienheim, kurz darauf stirbt der Vater, die Mutter wird im hohen Alter pflegebedürftig und stirbt im 96. Lebensjahr. Zwischenzeitlich arbeitet Karl wieder in Vollzeit. »Ich bin der Meinung, dass es besser ist, in Vollzeit zu arbeiten, wenn viel zu tun ist«, sagt Karl. »Und dadurch ging es uns auch finanziell wesentlich besser.«

2008 geht sie schließlich nach 46 Berufsjahren in Rente. »Ich bin sehr gerne arbeiten gegangen, aber zum Schluss musste ich aufpassen, dass ich auf dem Heimweg nicht im Zug einschlafe«, sagt Karl, die »seitdem jeden Tag genossen« hat: Später aufstehen, in Ruhe frühstücken und die Zeitung, die sie seit dem Einzug in ihr Haus abonniert haben, studieren. »So kriege ich mit, was bei uns im Ort, aber auch in der Nachbarschaft passiert«, sagt Karl. »Die Themen in der großen Politik nehme ich zur Kenntnis, schüttele öfter mal den Kopf und kann es doch nicht ändern.« Auch das Lösen des Sudokus und des Kreuzworträtsels gehören zur täglichen Routine. Außerdem liest sie gerne, pflegt mit ihrem Mann den Garten, trifft sich mit ehemaligen Arbeitskolleginnen, kümmert sich um Hund Alec und verbringt Zeit mit ihrem Sohn und ihrer Enkelin, deren Mutter vor drei Jahren verstorben ist.

Karl engagiert sich seit ihrer Verrentung auch bei den Heuchelheimer Landfrauen und in der Nachbarschaftshilfe Reichelsheim. »Ich bin immer arbeiten gegangen, deshalb hatte ich jahrelang wenige Kontakte, keine Mütter-Community, zumal ich nicht in Beienheim aufgewachsen bin«, sagt Karl. Immerhin: Mit den Nachbarn verstehen sie sich seit dem ersten Tag gut.

So kommt Karl auch zu einem Pilates-Kurs nach Bad Nauheim, dem sie bis heute treu ist. »So etwas gab es damals in so kleinen Orten wie bei uns noch nicht, aber inzwischen bin ich immer noch dabei - bei derselben Kursleiterin«, erzählt Karl. »Ich gehöre mittlerweile zu den Uralten, aber es macht Spaß und ist für meine Gesundheit dringend notwendig, auch wenn ich manchmal auf der Matte bin und mir denke: ›Was mache ich hier eigentlich?‹«, sagt sie mit einem Lachen.

Erinnerungen schaffen

Mit demselben Enthusiasmus ist sie begeisterte Smartphone-Nutzerin: »Vor allem die Sache mit den Fotos ist schön. Ich finde es fantastisch, dass das geht«, sagt Karl, die sich ab und an etwas Hilfe bei ihrem Sohn oder ihrer Enkelin holt. »Alleine würde ich es wahrscheinlich nicht machen.« Überhaupt sei die Zeit mit Sohn und Enkelin »unwahrscheinlich schön. Das habe ich vom ersten Tag genossen«. Sie könne nur jedem raten, die Zeit mit der Familie zu verbringen - und Erinnerungen schaffen, wie etwa der gemeinsame Familienausflug nach Berlin mit dem Besuch des Musicals »Tanz der Vampire« zu ihrem 70. Geburtstag.

Heute sei sie mit ihrem Leben »vollkommen zufrieden«, sagt Edith Karl, zumal etwas passiert sei, was sie sich nie hätte zu träumen gewagt: Ihr Sohn und ihre Enkelin wollen wieder nach Beienheim ziehen, sodass sie dann zu viert gemeinsam am malerischen Feldrand von Beienheim wohnen werden.



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