23. August 2021, 22:03 Uhr

Schwierige Vorhersagen

Die US-Präsidentenwahl von 1936 wurde zur Mutter aller Meinungsumfragen. Damals befragte die Zeitschrift »The Literary Digest« ihre Leser und sah danach den Republikaner Alfred M. Landon vorne. Dagegen sagte George H. Gallup auf Grundlage einer viel schmaleren Datenbasis richtigerweise den Wahlsieg des demokratischen Amtsinhabers Franklin D. Roosevelt voraus.
23. August 2021, 22:03 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Wo werden die Deutschen am 26. September ihr Kreuzchen machen? Demoskopen versuchen, das vorauszusagen. Doch die Aussagekraft solcher Umfragen ist meist begrenzt. FOTO: DPA

Wie viele zufällig ausgewählte Menschen braucht man, um ein repräsentatives Abbild zu erhalten? Auf Bundesebene möglichst 1500, sagt Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Hochschule Hohenheim. Um zu verhindern, dass durch den Zufall zum Beispiel eine Bevölkerungsschicht oder eine bestimmte Region überrepräsentiert ist, müssen die Rohdaten gewichtet werden. Die Teilnehmer werden deshalb zum Beispiel nach Einkommen, Alter, Familienstand und nach etwaiger religiöser Bindung befragt.

Gewaltiger Datenschatz

Bei einer eingeräumten Fehlertoleranz von 2,5 Prozent haben die Institute einen gewissen Interpretationsspielraum. So ist etwa Forsa-Chef Manfred Güllner durchaus meinungsfreudig. Er galt in der Schröder-Zeit als SPD-nah, jetzt als SPD-fern, obwohl er noch Parteimitglied ist. Aber da er über einen gewaltigen Datenschatz und viel politische Erfahrung verfügt, liegt er mit seinen Trends selten falsch. So hatte er 2016 bei der Frankfurter Kommunalwahl überraschend aber richtig ein Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU und SPD vorausgesagt.

Prinzipiell ist das Wählerverhalten immer schwerer vorauszusagen, besonders in den neuen Bundesländern. Das zeigte sich im Juni in Sachsen-Anhalt: Hier prognostizierten Civey und Insa ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD, wodurch sich viele Wähler anderer Parteien verpflichtet sahen, bei der Landtagswahl Ministerpräsident Reiner Haseloff zu unterstützen. Im Ergebnis lag dessen CDU weit vorne. Noch nie zuvor haben Umfragen eine Wahl so beeinflusst. Güllner, der mit Civey auch schon vor Gericht gestritten hat, unterstellt dem Institut, dass dessen Online-Umfragen kaum repräsentativ seien. Da zum Beispiel AfD-Sympathisanten sich dazu aufforderten, mitzumachen, seien sie überrepräsentiert. Deshalb auch der Irrtum vor der Landtagswahl, der, falls es so war, für die AfD ein Eigentor war.

Civey widerspricht solchen Vorwürfen. »Wir sind auf rund 25 000 Internet-Seiten verlinkt und bekommen so eine breite Basis für unsere Umfragen«, sagt Civey-Sprecherin Judith Klose, die früher für den langjährigen hessischen SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel tätig war. Aus allen verifizierten Teilnehmerantworten ziehe Civey eine quotierte Stichprobe. Die gesammelten Daten würden ähnlich wie bei den traditionellen Umfrageinstituten gewichtet, sodass nicht eine bestimmte Gruppe überproportional vertreten sei. Civey weist darauf hin, dass es aufgrund der Online-Befragungen genauso gut in der Lage ist, ein Abbild der Gesellschaft zu bekommen wie die traditionellen Institute.

Diese hätten jedoch die Herausforderung, dass sie bei ihren Telefonaten wegen schwindender Festnetz-Anbindung immer weniger Menschen erreichen, während die Online-Nutzung steige. Brettschneider, der mit Forsa kooperiert, räumt ein, dass nur etwa jeder zehnte bei Telefonbefragungen mitmacht. Sind das dann nicht vor allem politisch Interessierte? Nein, mit Geduld bei der Befragung und Erfahrung bei der Auswertung seien immer noch repräsentative Ergebnisse möglich, so Brettschneider.

Warnung vor »Spaßumfragen«

Dennoch ist zumindest bei einigen Umfragen etwas Vorsicht geboten. Damit wird nicht nur auf großer, sondern auch auf kommunaler Bühne manchmal leichtfertig Politik gemacht. So warnte Christian Erhardt, Chefredakteur von »kommunal«, unlängst davor, »Spaßumfragen« zur Grundlage für politische Entscheidungen zu machen. Ein Beispiel dafür ist der »Umfragemonitor«, mit dem der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) in Zusammenarbeit mit Civey das Image der 403 Stadtwerke in Deutschland testet. Rechnet man die 10 000 Teilnehmer auf die einzelnen Betreiber herunter, wären im Schnitt 25 Bürger pro Stadtwerk befragt worden. Laut Brettschneider »wirft eine solch schmale Datenbasis Fragen auf«, denn selbst auf kommunaler Ebene brauche es ungefähr 500 Befragte, um sichere Trends zu haben. Deshalb müssen sich etwa auch die Stadtwerke im Rhein-Main-Gebiet, Gießen und Kassel, die beim Monitor eher bescheiden abschnitten, deshalb keine allzu großen Sorgen machen. Die befragten drei Stadtwerke weisen denn auch auf eindeutig positive Ergebnisse in auf sie gemünzte Umfragen hin. Vom »Umfragemonitor«, der wohl eher modellhaft Ergebnisse nach Wahrscheinlichkeiten überträgt (wie ähnliche Einkommen- und Alterstruktur), statt vor Ort zu fragen, fühlen sie sich kaum angesprochen.

Angesichts der Konkurrenz der Institute um die Deutungshoheit sollten Entscheider, Konsumenten und auch Wähler Umfragen eher im Sinne des alten TV-Hits »Sport, Spiel Spannung« betrachten, als sie zur Grundlage von Entscheidungen zu machen.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos