20. April 2021, 20:08 Uhr

Schule, Museum oder Alpenverein

Die Kirchenaustritte nehmen zu, immer weniger Menschen gehen zum Gottesdienst. Einigen verwaisten Kirchen geht das an die Substanz. Sie werden umgenutzt oder sogar abgerissen.
20. April 2021, 20:08 Uhr
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Von DPA
Ein Stück einer Kletterwand steht an der profanierten Kirche St. Johannes. Diese wurde von der Wiesbadener Sektion des Deutschen Alpenvereins gekauft und wird in den kommenden Jahren umgebaut. FOTO: DPA

Wo einst gepredigt wurde, wird künftig gelernt, gespielt oder sogar geklettert. In einer Wiesbadener Kirche ist nun der Alpenverein ansässig, in Fulda soll demnächst eine Grundschule die Räumlichkeiten eines Gotteshauses nutzen und auf dem Gelände einer Sakralbaus in Bad Hersfeld ist eine Pflegeeinrichtung geplant. Dutzende Kirchen in Hessen sind in den letzten Jahren umgenutzt oder gleich ganz abgerissen worden.

Nach Angaben des Bistums Limburg haben seit der Jahrtausendwende alleine dort 56 Profanierungen stattgefunden. So wird die Entweihung einer Kirche oder Kapelle bezeichnet, bevor diese aufgegeben wird. Im Bistum Fulda waren es 19 Profanierungen. Bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wurden fünf Kirchen in andere kirchliche Gebäude umfunktioniert, so befindet sich jetzt beispielsweise in einer Frankfurter Kirche das Bibelmuseum.

Insgesamt zwölf Kirchen und Kapellen wurden im Bistum Limburg abgerissen, in sieben Fällen ist demnach der Neubau eines Gotteshauses geplant. Auch in Frankfurt wird aktuell über den Abriss der Kirche St. Christophorus im Stadtteil Preungesheim diskutiert. Dort soll unter anderem eine katholische Kindertagesstätte entstehen.

Seit der Bekanntmachung im September setzen sich viele Menschen für den Erhalt des Gebäudes aus den 1960er Jahren ein. »Die Abgabe eines Kirchengebäudes ist immer schmerzhaft für die Gemeindemitglieder, die eine besondere Beziehung zum Kirchort, zur Gemeinde vor Ort und zum Gebäude haben«, hatte Pfarrer Anto Batinic bereits im September gesagt. Trotzdem seien die Einschnitte mit Blick auf die Fakten unvermeidlich.

Denn der Pfarrei machen vor allem Geldsorgen zu schaffen. »Die finanzielle Zukunft ist nicht mehr länger gesichert«, heißt es dort. Der Jahresetat setze sich hauptsächlich aus Kirchensteuern zusammen. »Doch weil die Mitglieder immer älter werden und auch die Zahl der Kirchenaustritte steigt, sinken die Einnahmen.«

Der endgültige Abriss sei aber eher die letzte Option, heißt es beim Bistum Limburg. Vorher würden beispielsweise Möglichkeiten einer passenden Umnutzung geprüft.

Ein besonderes Beispiel gibt es in Wiesbaden: Die Kirche St. Johannes wurde Ende 2020 an die dortige Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) veräußert. »Ich bin nicht Pfarrer geworden, um Kirchen zu verkaufen«, hatte Pfarrer Frank Schindling von der Gemeinde St. Birgid erklärt. Es falle nicht leicht, Abschied zu nehmen, doch sei man froh, mit dem Alpenverein einen Eigentümer gefunden zu haben, der ähnliche Werte vertrete und Leben in die Kirche bringe. »Was wir Bewahrung der Schöpfung nennen, heißt beim Alpenverein Umweltschutz - im Ergebnis ist es aber doch sehr ähnlich«, sagte Schindling.

Im Dezember war die Kirche im Rahmen eines Profanierungsgottesdienstes offiziell an den Verein übergeben worden. Dieser wird dort mit Büros, Jugendräumen und einer Bibliothek einziehen. Zudem soll eine etwa acht Meter hohe Kletterwand errichtet werden. »Das wird hier keine Kletterhalle, aber es soll Klettermöglichkeiten geben, beispielsweise für unsere Behindertengruppe«, erklärt Jörg Lantzsch vom DAV Wiesbaden. Der Kaufpreis des denkmalgeschützten Baus habe bei etwa 200 000 Euro gelegen, etwa die dreifache Summe müsse noch einmal in den behutsamen Um- und Ausbau gesteckt werden. Beim Verkauf einer Kirche werde sorgsam hingeschaut, »das muss schon stimmig sein«, sagte Stephan Schnelle, Sprecher des Bistums Limburg. In den allermeisten Fällen seien es soziale oder kirchliche Träger, die die Gebäude nutzten. Leider sei die Anzahl der Kirchen nicht mehr zeitgemäß. »Die Gebäudestruktur, die wir haben, ging von einer Million Gläubigen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre aus. Diese Anzahl hatten wir nie«, sagte Schnelle. »Jetzt liegen wir bei 600 000 und die Zahlen werden weiter zurückgehen.«



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