23. Februar 2021, 21:10 Uhr

Schüsse, die bis heute nachhallen

Es sind die letzten Tage eines aus deutscher Sicht längst sinnlos gewordenen Krieges, als SS-Angehörige am Morgen des 26. März 1945 in einem Wald bei Hirzenhain 87 Menschen ermorden. Sechs Jahre später findet in Gießen der Prozess gegen einen der Täter statt, die Aufarbeitung ist damit aber keineswegs beendet.
23. Februar 2021, 21:10 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler

Am 2. März 1951 schreibt die »Gießener Freie Presse«: »Mit der Urteilsverkündung wurde gestern morgen der größte Nachkriegsprozeß vor dem Gießener Schwurgericht abgeschlossen. Der Angeklagte Emil Fritsch wurde für schuldig befunden, 87 Menschen im Zusammenwirken mit anderen vorsätzlich und grausam getötet zu haben. Er wurde deshalb wegen Mordes in 87 Fällen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.« In einer Art Vorahnung schreibt der Autor weiter: »Noch sind damit nicht die 81 Frauen und Mädchen sowie sechs Männer (in Wirklichkeit waren es 76 Frauen und elf Männer, Anm. d. Red.) [...] gesühnt.«

Heute, 70 Jahre nach Ende des Prozesses, wird das Bild von einer der schlimmsten Gräueltaten des Krieges (siehe Artikel rechts) in der Region »immer runder«, wie es Michael Keller ausdrückt. Der ehemalige Bürgermeister von Friedberg beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit den Geschehnissen in den letzten Kriegstagen in der Wetterau und der Umgebung. Die alliierten Streitkräfte treiben die letzten deutschen Einheiten vor sich her, während diese weiter fanatisch Widerstand leisten und noch Dutzende töten. »Es sind Vorkommnisse, die Aufschluss über das Gesamtsystem in den letzten Tagen zwischen brutalster Machtentfaltung und Ohnmacht geben«, sagt Keller. Hirzenhain sei daher kein Einzelfall: »Es ist ein Organisationsverbrechen eines Staates, der in sich kriminell ist.«

Dass wir heute vergleichsweise viel darüber wissen, ist einem Zufall zu verdanken. Denn obwohl die für Kriegsverbrechen zuständige Stelle der US-Armee den Fall einen Monat später aufnimmt und Teile der Hirzenhainer Bevölkerung befragt, passiert lange nichts. Erst ein Rechtsanwalt erstattet 1947 Anzeige. Er arbeitet im Auftrag von Angehörigen des einzigen Opfers, dessen Leichnam identifiziert wurde: Emilie Schmitz, eine Luxemburgerin, die wegen Unterstützung des Widerstands verhaftet und nach Deutschland verschleppt worden war.

Nur ein Urteil

Es kommt schließlich zu Beginn des Jahres 1951 zum Prozess am Gießener Landgericht. Angeklagt ist SS-Hauptscharführer Fritsch, der in Berlin untergetaucht war. Er soll die Erschießungen beaufsichtigt und sich selbst daran beteiligt haben. Von den anderen jungen volksdeutschen SS-Männern ist nichts bekannt - wohl aber von Fritschs Vorgesetzten, die auch allesamt in Gießen als Zeugen aussagen - mit Ausnahme von SS-Oberführer Hans Trummler, der bereits 1948 wegen der Ermordung von Kriegsgefangenen hingerichtet wurde. Fritsch wird nach einem sechswöchigen Verfahren verurteilt. Er stirbt 1959 in der Haft. »Natürlich gibt Fritsch den Ausführungsbefehl, aber die Befehlskette über ihm ist klar«, sagt Keller heute. »Neben ihm hätten vier, fünf andere mit auf der Anklagebank sitzen müssen. Die Straffreiheit für diese Männer ist einerseits ein Skandal, andererseits wissen wir heute ungleich mehr als 1951.«

Im Auftrag des Wetteraukreises hatte der studierte Historiker Keller einst mit der Forschung begonnen, veröffentlichte 1991 ein Buch, das 2000 in zweiter Auflage erschien. »Ich bin da immer noch dran, könnte praktisch eine dritte Auflage schreiben«, sagt er. Denn auch heute gibt es immer noch neue Erkenntnisse - über die letzten Tage des Krieges, die noch so viel Tod und Leid brachten, und über die Erfahrungen der Täter von Hirzenhain im Vernichtungskrieg im Osten, den sie schließlich in ihre Heimat brachten.

Späte Ruhe

Währenddessen mussten die Toten aus Hirzenhain lange auf eine entsprechende Würdigung warten: Erst rund vier Wochen nach dem Mord zwingen US-Truppen Teile der Hirzenhainer Bevölkerung die Opfer auszugraben, gegenüber dem Breuer-Werk zu bestatten und ein Denkmal zu errichten. Anfang März 1959 werden die Toten ins Kloster Arnsburg umgebettet, wo 447 Opfer der beiden Weltkriege ihre letzte Ruhe gefunden haben - allerdings im Falle der Hirzenhainer Opfer als »unbekannte Kriegstote« und unter Angabe eines falschen Sterbedatums.

Der Umgang des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit den Opfern aus Hirzenhain führte zu Beginn der 1980er Jahre zu einer politisch aufgeladener Debatte. Das Ergebnis: Seit 1993 hängt eine Gedenktafel am Kriegsopferfriedhof der Landkreise Gießen, Büdingen und Alsfeld, inzwischen erweitertet durch zusätzliche Informationstafeln und Stelen, auf denen die Geschichten der dort Begrabenen erzählt werden. Auch das Denkmal in Hirzenhain, das nach der Auflösung der Gräber zunächst am Rande des örtlichen Friedhofs einen Platz gefunden hatte, steht seit 1991 am Ort der Tat von einst. »Der Umgang mit den Toten aus Hirzenhain im Kloster Arnsburg war ein gewaltiger Fortschritt für den Volksbund - auch wenn es ein schwieriger und teilweise zäher Prozess war«, bilanziert Keller heute. »In Hirzenhain könnte ich mir aber noch eine andere Gestaltung vorstellen - und das hätte die Sache auch verdient.« Dafür will sich der 71-Jährige weiterhin engagieren.

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Das Buch »›Das mit den Russenweibern ist erledigt‹ - Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Gestapo-KZ, Massenmord einer SS-Kampfgruppe und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit am Tatort in Hirzenhain wie auf dem Kriegsgräberfriedhof im Kloster Arnsburg 1943 - 1996« ist über den Friedberger Geschichtsverein (Tel. 0 60 31/9 32 86) zum Preis von 10 Euro inklusive Porto erhältlich.



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