08. Juni 2021, 20:17 Uhr

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Früher waren Zeus, Thor oder Donar und Kollegen für Blitz und Donner zuständig. Heute ist es die Physik.
08. Juni 2021, 20:17 Uhr
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Aus der Redaktion
Blitz(licht)gewitter: Immer wieder ein Schauspiel. FOTO: DPA

Was Blitze, Kühe und Bauern verbindet

Als Junge verblüffte mich ein Zeitungsfoto, auf dem eine ganze Herde Kühe zu sehen war, die tot auf der Weide lag. »Vom Blitz getroffen«, war die Schlagzeile. Der Bauer jedoch stand quicklebendig inmitten seiner toten Herde, obwohl er beim Blitzeinschlag direkt bei seinen Kühen war. Jenseits der Tatsache, dass ein mittelhessischer Bauer mehr vertragen kann als eine Kuh, muss es eine weiterreichende Erklärung dafür geben.

Ein Blitz ist nichts anderes als ein plötzlicher kurzer Strom (ein Fluss von elektrischen Ladungen) aus den Wolken zum Erdboden. Das können innerhalb einer Millisekunde gut und gerne mal 10 000 Ampere sein, 1000-mal mehr als Ihre Hauptsicherung im Haus absichert.

Ein einziger Blitz enthält eine elektrische Leistung von etwa 300 Kilowattstunden (kWh). Das ist so viel Energie, wie ein durchschnittlicher Haushalt in einem Monat verbraucht. Sie brauchen also eigentlich bloß einen Blitz pro Monat einzufangen, um Ihre Wohnung ständig mit elektrischer Energie zu versorgen. Abgesehen davon, dass eine brillante Idee fehlt, wie so etwas wohl zu realisieren wäre, bräuchten Sie dafür in unseren Breiten eine »Blitz-Erntefläche« von immerhin fast 10 Quadratkilometern.

Auf der ganzen Erde haben wir etwa 40 000 Gewitter mit 5 Millionen Blitzen am Tag. Auch das vollständige Ausnutzen dieser »globalen Blitzenergie« würde unseren weltweiten Energiehunger leider nicht mehr als zu etwa 1 Prozent stillen. Wenn der Blitz irgendwo auf dem Erdboden einschlägt, dann verteilt sich in Sekundenbruchteilen der Strom vom Ort des Einschlags in alle Richtungen. Nahe des Einschlagsorts fließt viel Strom im Boden - je weiter weg umso weniger.

Stellen Sie sich jetzt eine Kuh vor, die zum Zeitpunkt des Blitzes in Richtung zum Einschlagsort steht, jedoch in einiger Entfernung dazu. Sie wird also nicht direkt vom Blitz getroffen. Der Strom, der sich von der Stelle des Einschlags im Erdboden verteilt, erreicht nun die Vorderbeine der Kuh. Er kann nun sowohl weiterhin durch den Erdboden bis zu den Hinterbeinen der Kuh fließen, als auch längs durch die Kuh hindurch. (Lebens-)wichtig für die Kuh ist: Wie viel Strom durch ihren Körper fließt, hängt vom Abstand der Vorderbeine zu den Hinterbeinen ab. Der Bauer, der direkt daneben steht, hat natürlich keine Vorder- und Hinterbeine, aber er hat zumindest ein linkes und ein rechtes Bein. Deren Abstand ist jedoch in der Regel sehr viel geringer als Vorder- und Hinterbein der Kuh. Daher kann der Bauer den gleichen Blitzschlag überleben, die Kuh jedoch leider nicht. Die Natur kann ziemlich ungerecht sein!

Was haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun von dieser Erkenntnis? Wenn Sie demnächst mal unverhofft in freier Natur in ein Gewitter geraten, unabhängig davon, ob Eichen oder Buchen in der Nähe sind: Breitbeinig in der Gegend herumstehen, ist eher schlecht. Beine zusammen ist schon besser, auf einem Bein stehen noch besser. Auf einem Bein in die Hocke gehen ist wie eine Tarnkappe gegen Blitze - allerdings auf Dauer etwas anstrengend, wenn auch ein gutes Training. Aber seien Sie wenigstens froh, dass Sie keine Kuh sind.

Prof. Breckow ist Experte für Medizinische Physik und Strahlenschutz an der THM Mittelhessen.



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