15. September 2021, 21:06 Uhr

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Für manche ist es einfach Pech, andere halten es für Statistik. Dabei ist es nur eine Frage der Physik.
15. September 2021, 21:06 Uhr
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Aus der Redaktion
Handle with care: Vorsicht mit dem Worschtbrot... FOTO: DPA

Warum fällt ein Brot immer auf die Wurstseite?

Nach einer herrlichen Etappe unserer Wanderung auf dem neuen Glücksweg rund um Grünberg machen wir Rast mit weitem Panorama auf die Stadt. Mein Freund Ernst-Armin legt mir eine deftige Scheibe Brot dick belegt mit ahle Worscht auf den Tisch. Ich ziehe das Brot bis zur Tischkante zu mir heran, greife ungeschickt zu und das Brot liegt auf dem Erdboden - mit der Wurstschicht nach unten auf dem Sand mit Ameisen und Fichtennadeln. »So’n Pech aber auch«, entfährt es mir. »Nein«, entgegnet Ernst-Armin, »das ist einfach nur Physik!«

Wenn der Schwerpunkt des Brots über die Tischkante rutscht, fällt das Brot nicht einfach nur platt und gerade nach unten, sondern es vollführt auch noch eine Drehbewegung um sich selbst. Für eine vollständige Drehung benötigt das herabfallende Brot etwa eine Sekunde. Unser Tisch ist etwa 90 cm hoch. Aus dieser Höhe braucht das Brot weniger als eine halbe Sekunde, um herabzufallen. In dieser Fallzeit kann es also nur knapp eine halbe Drehung vollziehen, sodass die Wurstoberseite sich gerade nach unten gedreht hat, wenn das Brot den Boden erreicht.

Ernst-Armin: »Du kannst das ruhig 100-mal ausprobieren und feststellen, dass das Brot fast immer mit der Wurstseite nach unten landet.« Meine Experimentierlust ist allerdings nicht besonders ausgeprägt. »Kann ich dieses missliche Ergebnis nicht irgendwie abändern?«, will ich stattdessen wissen. »Ja, das geht - abgesehen davon, dass du dich etwas geschickter anstellen solltest.«

Die Drehgeschwindigkeit des Brotes hängt von seiner Größe und Form ab. Wenn man ein kleineres Brot oder nur ein Brotstückchen hat, dreht dies sich beim Herabfallen schneller. Mit einem »Brot-Durchmesser« von etwa 3 cm kann es in der Fallzeit von einer halben Sekunde eine vollständige Umdrehung machen. Dann landet es mit der Unter seite auf dem Boden und das Malheur ist nicht ganz so groß.

Auch die Form spielt eine Rolle. Wenn ein längliches Brötchen oder ein Baguette mit seiner Längsachse (quasi der »Brötchenachse«) über die Tischkante gezogen wird, wird es sich beim Herabfallen langsamer drehen, als wenn es mit der Querachse (also die Brötchenachse parallel zur Tischkante) über den Tisch geht. »Aha«, lautet meine Erkenntnis. »Wenn ich die Wurstseiten-Katastrophe vermeiden will, muss ich entweder mein Brot in kleine Stücke schneiden, oder ich muss mein Langbrötchen parallel zur Tischkante zu mir heranziehen. In beiden Fällen würde sich bei einem Unglücks-Fall eine vollständige Umdrehung ergeben und die Wurstseite würde nach oben weisen.« »Richtig!«, pflichtet mir Ernst-Armin bei. »Wenn du aber unbedingt meine originale Scheibe Brot unverändert behalten willst, dann gibt es noch eine andere Möglichkeit, um eine Wurst-Katastrophe zu vermeiden.« Ich: »?« Ernst-Armin: »Du musst dir einen Tisch mit einer Höhe von mindestens 4 Metern suchen. Dann hat auch die Original-Brotscheibe genug Fallzeit für eine vollständige Umdrehung!« Mein Blick fällt auf einen nahen Hochsitz. Einen Augenblick lang scheint mir, als sähe ich auf seiner Kante eine deftige Scheibe Brot liegen, dick belegt mit ahle Worscht...

Prof. Breckow ist Experte für Medizinische Physik und Strahlenschutz an der THM Gießen.



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