08. November 2021, 20:58 Uhr

Regieren sorgt für graue Haare

08. November 2021, 20:58 Uhr
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Aus der Redaktion
Joschka Fischer , ehemaliger deutscher Außenminister und Vizekanzler, wird häufig zu Vorträgen eingeladen - kürzlich nach Frankfurt. ARCHIVFOTO: DPA

- Es gibt ein fast schon ikonisches Bild, das Gerhard Schröder, Oskar Lafon-taine und Joschka Fischer am Abend des rot-grünen Wahlsieges 1998 zeigt. Alle drei sehen darauf noch jugendlich und entspannt aus. Ähnlich wie die ebenfalls noch relativ jungen Vertreter der kleineren Ampel-Parteien Grüne und FDP bei ihrem berühmten Selfie.

Doch Fischer, der von 1998 und bis 2005 Bundesaußenminister war, kann allen, die sich jetzt so aufs Regieren freuen, sagen: »Die Euphorie wird schnell den Sorgen weichen.« Denn mit dem staatsmännischen Blick, den Fischer sich seinerzeit als Minister angeeignet hatte, referierte er dieser Tage über die komplizierte Weltlage, der sich die neue Regierung vom ersten Tag an gegenübersehen werde. Hier seien als Stichpunkte Klimakrise, Pandemie, Migrationsdruck, die Spaltung in der EU sowie der laut Fischer dieses Jahrhundert immer stärker prägende Konflikt zwischen USA und China genannt.

Es war unübersehbar, dass Fischer, der sich einst in Frankfurt als junger Linksradikaler mit der Polizei geprügelt hatte, dann zum Leitwolf der Grünen wurde und später ein guter Außenminister war, inzwischen zum Elder Statesman gereift ist, der auch mal als Festredner gebucht wird. Wie in diesem Fall zum Jahresempfang der Deutschen Kinderhilfestiftung Frankfurt. Der 73-Jährige sagte anerkennend, dass er selten in Erwartung seiner Rede so viel gelernt habe wie an diesem Abend im Hotel Kempinski Frankfurt in Gravenbruch. Denn der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Dr. Michael Henning, hatte zu Beginn der vom Pianisten Georgi Mundrov musikalisch begleiteten Veranstaltung von über 25 geförderten Projekten zugunsten chronisch kranker Kinder mit einem Spendenvolumen von 1,1 Millionen Euro berichtet. Leuchtturmprojekt ist dabei die Psychologische Soforthilfe für Kinder und Jugendliche, die die Stiftung gemeinsam mit der Frankfurter Uniklinik und dem Land Hessen initiiert hat. Die anderen geförderten Projekte sollen meist schwerstbehinderten Kindern und deren Familien das Leben ein bisschen erleichtern.

Zumindest ans Hinterrad klemmen

Vielleicht auch deshalb war Fischer an diesem Abend nachdenklicher gestimmt, als man ihn von früher kennt. Der Ex-Minister, der in Berlin lebt, nannte Frankfurt »meine Heimat«, weil er hier die prägenden Jahre seines Lebens verbracht habe. Heike Fauser, Pressesprecherin der Stiftung, hatte eingangs darauf hingewiesen, dass die Turnschuhe, die Fischer 1985 bei der Vereidigung als hessischer Umweltminister getragen hatte, unweit von Gravenbruch im Offenbacher Ledermuseum stünden. Kurz nach Amtsantritt habe er damals übrigens sein erstes graues Haar bemerkt, erzählte Fischer später.

Der Ex-Politiker, der inzwischen mehrere Industrieunternehmen berät, fürchtete am Schluss seiner Tour d’Horizon durch die komplizierte Weltlage, die 250 Gäste vielleicht etwas zu pessimistisch gestimmt zu haben. Deshalb fügte er noch als Mutmacher hinzu, er sehe Deutschland für die Herausforderungen durchaus gerüstet. Aber die gemütlichen Zeiten seien definitiv vorbei. Immerhin sei Neugierde »das beste Rezept gegen das Alter«.

Mit Blick auf die vielen Wirtschaftsvertreter unter den Gästen der Kinderhilfestiftung Frankfurt sagte er: »Wir Europäer müssen uns zumindest ans Hinterrad der Amerikaner und Chinesen klemmen, um nicht abgehängt zu werden.« Dieter Sattler



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