07. Juli 2021, 22:17 Uhr

Platz zum Gehen schaffen

Homeoffice, Ausgangssperre, keine Freizeitangebote: In der Pandemie haben viele Menschen ihre nahe Umgebung mangels Alternativen neu entdeckt. Und dass es zum Auto attraktive alternative Fortbewegungsmittel gebe, sagt die Expertin Katalin Saary.
07. Juli 2021, 22:17 Uhr
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Aus der Redaktion
Die Pandemie sei ein echter Gewinn für den Rad- und Fußverkehr, sagt Katalin Saary. Denn viele Menschen haben wieder mehr Wege ohne das Auto zurückgelegt. FOTO: DPA

Katalin Saary ist Expertin für Fuß- und Radverkehr. Im Interview spricht sie über Vorteile des Gehens, Aha-Erlebnisse während des Lockdowns und Kinder ohne innere Landkarte

Frau Saary, in der Pandemie boomte das Spazierengehen. Was bleibt hängen?

Während der Pandemie ist der Anteil des Fußverkehrs am Modal Split (Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel, Anm. d. Red.) in Hessen von 24 auf 30 Prozent gestiegen. In den Großstädten liegen wir sogar bei rund 40 Prozent. Und zu Fuß gehen liegt zu Recht im Trend. Es ist ein wichtiges Verkehrsmittel. Es ist in aller Regel frei verfügbar, kostet nichts, braucht wenig Platz und ist auch noch gesund und umweltfreundlich.

Aber zu Fuß zu gehen ist doch natürlich und normal. Jeder macht es. Wozu braucht es eine Lobby wie den Fußverein?

Uns braucht man, weil wir uns dafür einsetzen, dass auch der Platz zum Gehen da ist. Dass die Ausgestaltung der Infrastruktur für alle funktioniert. Für gesunde Erwachsene ist es in der Regel einfach. Sie finden irgendwie ihren Weg oder holen sich ihr Recht. Für Kinder ist das anders. Sie bekommen beigebracht, auf dem Gehweg zu laufen. Und wenn sie dann das erste Mal alleine zur Schule gehen, stehen plötzlich Mülltonnen im Weg, und sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen.

Vielleicht haben die vielen Corona-Spaziergänge manchem ja auch die Augen dafür geöffnet, dass es mit der Qualität der Wege mitunter hapert.

So ist es. So muss sich der Fußverkehr zum Beispiel auch viele Flächen mit dem Radverkehr und zunehmend mit den E-Scootern teilen. Probleme bereiten nicht nur die rollenden Fahrzeuge, sondern auch die abgestellten, die den Gehweg zu einem Hindernisparcours werden lassen. Für Seheingeschränkte ist das eine echte Gefahr. Und wenn zu Fuß gehen keinen Spaß mehr macht und als Gefahr wahrgenommen wird, aktiviert das Menschen.

Merken Sie das?

Als Verein verzeichnen wir tatsächlich einen starken Mitgliederzuwachs. Die Menschen nehmen die Probleme der Fußgängerinnen und Fußgänger neu und deutlicher wahr. Wir hatten vor fünf Jahren noch rund zehn Ortsgruppen, inzwischen sind es bundesweit 40.

Wird der Rückenwind anhalten?

Ich glaube schon. Es gibt einen Schneeballeffekt. Die sensibilisierten Menschen öffnen die Augen ihrer Freunde und Nachbarn. So gibt es immer mehr, die sich für das Thema interessieren, was auch das Verhalten verändert. Für den Rad- und Fußverkehr ist die Pandemie ein echter Gewinn.

Inwiefern?

Viele haben sich mit der aktiven Mobilität befasst, sich mehr zugetraut. Haben gemerkt, wie einfach es ist, mit dem Fahrrad zum Bäcker zu fahren. Solche Aha-Erlebnisse sind wichtig. Nur durch das eigene Handeln kriegen wir Veränderung hin.

Umgekehrt gibt es ein Rollback. Die Autobahnen rund um Frankfurt sind zur Rushhour wieder voll.

Das bereitet uns in der Tat Sorgen. Der ÖPNV hat massiv an Kunden verloren und die kehren nur langsam zurück. Seit Jahren herrscht ungebremstes Wachstum bei den Autos, das betrifft sowohl die reine Anzahl als auch die Größe. 1970 gab es 19,8 Millionen Autos, 2020 waren es 48,2 Millionen. In den letzten 20 Jahren sind sie durchschnittlich um sieben Prozent breiter und um 25 Prozent höher geworden. In Zeiten des Klimawandels ist das kontraproduktiv. Und in den Städten werden so immer mehr Flächen belegt, die dann dem Rad- und Fußverkehr sowie für den Aufenthalt fehlen.

Sind Sie Autogegnerin?

Nein, ich will nicht das Autofahren verbieten. Für viele Wege gibt es keine gute Alternative zum Auto. Zum Beispiel, wenn der Weg einfach zu weit ist, es kein passendes Nahverkehrsangebot gibt oder die Radverbindung nicht ausgebaut ist. Aber man muss sich selbst die Frage stellen, ob dazu das eigene Auto immer größer werden muss oder die eigenen Füße sich mal wieder in Gang setzen sollten.

Bei der Mobilitätsenquete im Landtag habe Sie als Expertin gesprochen. Was haben Sie den Abgeordneten auf die To-do-Liste geschrieben?

Beruflich beschäftige ich mich viel mit der Schulwegsicherheit. Das war denn auch mein Vortragsthema. Die politisch Verantwortlichen müssen die Belange von Kindern auf dem Schulweg ernster nehmen. Wege, die nicht breit genug sind, um ungehindert auch von mehreren Kindern gleichzeitig genutzt zu werden, fehlende Querungsangebote, zugeparkte Straßen und Straßenecken, Mülltonnen und unklare Baustellen sind für Kinder ein echtes Problem. Und auch gefährlich. Grundschulkinder sind kleiner als Autos, deren Höhe inzwischen auf bis zu zwei Meter gestiegen ist. Das zusammengenommen verunsichert die Eltern, ein Teufelskreis entsteht.

Ein Teufelskreis?

Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto, es entstehen mehr Verkehr und Gefährdungssituationen vor der Schule, was wiederum weitere Eltern verunsichert und so weiter. Für die Kinder ist das fatal, sie brauchen für ihre gesunde Entwicklung die Freiheit, selbstständig mit ihren Freunden Wege sicher zu Fuß und mit dem Fahrrad zurücklegen zu dürfen. Neben der sozialen Komponente hilft die Bewegung vor der Schule auch bei der kognitiven Entwicklung. Um vorwärts rechnen zu können, muss ich rückwärts balancieren können. Die Erwachsenen müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Das Mama-Taxi als schlechtes Vorbild?

Nicht nur das. Es fehlt den Kindern auch die innere Landkarte, sie können sich schlechter im Raum orientieren, sie weisen auch motorische Defizite auf. Zum Beispiel beim Einschätzen der Geschwindigkeit: Es hilft Kindern, wenn sie ihre eigene Geschwindigkeit zuerst zu Fuß, mit dem Roller und dem Fahrrad erfahren, bevor sie später als junge Erwachsene mit einem Auto fahren.



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