07. Mai 2021, 21:27 Uhr

»Nur eine Arbeit in Hauptfächern«

Bevor die Aufholprogramme starten können, müssen erst wieder alle Kinder in den Schulen zurück sein, sagt Kultusminister Alexander Lorz. Dabei fordert er einen langen Atem, der über das laufende Jahr hinausreichen müsse.
07. Mai 2021, 21:27 Uhr
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Aus der Redaktion
Kultusminister Alexander Lorz ist sich sicher, dass Schulen einer der sichersten öffentlichen Orte sind, an denen man sich derzeit aufhalten kann. FOTO: DPA

Seit Donnerstag gehen fast überall in Hessen auch die Klassen sieben bis elf wieder in die Schule. Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) macht den Schülern Hoffnung auf nicht ganz so viele Klassenarbeiten wie befürchtet.

Wie ist der Neustart angelaufen?

Nach allem, was ich höre, gut. Die Schulen haben sich lange auf den Wechselunterricht vorbereitet, weil klar war, dass es der erste Schritt sein würde, um die Schüler zurückzubringen. Ich bin sehr froh, dass es jetzt endlich so weit ist.

Gemeinsame Corona-Tests im Klassenraum, Abstandsregeln auf dem Schulhof - ist es überhaupt realistisch die Hygieneregeln im Schulbetrieb umzusetzen?

Man kann nicht erwarten, dass es bei den Tests überall auf Anhieb reibungslos klappt, da muss sich erst eine Routine entwickeln. Die anderen Regeln haben sich aber gut eingespielt. Die Schulen sind vermutlich einer der sichersten öffentlichen Standorte, an denen man sich derzeit aufhalten kann.

Welche Regeln gelten für klassengemischte Gruppen, zum Beispiel in Religion oder der zweiten Fremdsprache?

Da lässt sich das Trennungs-Konzept natürlich nicht hundertprozentig durchhalten. Genau deswegen sind die Testungen so wichtig. Das Angebot wird in diesen Fächern zunächst noch eingeschränkt sein. Wir konzentrieren uns zuerst auf die Kernfächer.

Sie standen dem Wechselmodell lange skeptisch gegenüber, welche Nachteile befürchten Sie?

Mein Ziel war und ist, immer so viel Präsenzunterricht wie möglich und infektiologisch vertretbar anzubieten. Im letzten Herbst, als wir noch geregelten Präsenzunterricht machen konnten, wollte ich nicht vorschnell auf Wechselunterricht umstellen. Ich wollte nicht, dass wir landesweit allen Schülern pauschal Unterricht wegnehmen, den wir eigentlich halten konnten. Aber wenn Distanzunterricht die Alternative ist, ist Wechselunterricht grundsätzlich besser. Natürlich freue ich mich noch mehr, wenn wir aus dem Wechselbetrieb wieder in den eingeschränkten Regelbetrieb übergehen können. Und ich feiere den Tag, wenn alle wieder ganz normal jeden Tag in die Schule gehen können.

Einige Lehrer schalten den Rest der Klasse, der zu Hause lernen muss, zum Unterricht digital hinzu, haben aber Schwierigkeiten mit dem Spagat zwischen den Schülern im Klassenraum und denen zu Hause. Ist das sinnvoll?

Es gibt noch keine verbindlichen Vorgaben dafür. Wir sind noch immer dabei, Erfahrungen mit diesen hybriden Unterrichtsformen zu sammeln und müssen diese erst noch pädagogisch auswerten.

Wie werden in diesem Schuljahr die Leistungen gemessen? Stehen jetzt noch zwei Arbeiten in allen Fächern bevor oder wäre es sinnvoll, sich auf die Hauptfächer zu konzentrieren?

Absolut. Dazu werden wir auch in Kürze entsprechende Leitlinien herausgeben. Die sind gerade in der letzten Abstimmung. Was Klassenarbeiten angeht, werden wir als Grundregel vorgeben, dass wir in den Hauptfächern vor den Sommerferien nur noch eine Arbeit schreiben und in den Nebenfächern auf alternative Formen der Leistungsbewertung setzen.

Zählt diese eine Arbeit in den Hauptfächern dann 50 Prozent oder fällt die mündliche Note stärker ins Gewicht?

Die Leitlinien werden den Lehrern einen gewissen Spielraum in ihren pädagogischen Entscheidungen geben. Eine Arbeit kann alleine nicht so aussagekräftig sein wie das normale Spektrum an Leistungskontrollen.

Nach neuesten Studien verbringen die Schüler seit Beginn der Pandemie deutlich weniger Zeit am Tag mit Lernen als zuvor. Warum verteilen die Lehrer nicht mehr Arbeitsaufträge?

Es ist nicht so einfach, die richtige Balance zu finden. Wir dürfen die Kinder nicht überfordern mit zu vielen Stunden am Tag vor dem Bildschirm. Man merkt ja auch selbst im Homeoffice, dass acht Stunden Videokonferenzen extrem ermüdend sind. In der Schule gibt es viel mehr Abwechslung und Bewegung. Möglicherweise hat die eine oder andere Lehrkraft die Balance aber auch noch nicht perfekt gefunden. (schmunzelt)

Sehen Sie noch eine Chance, die entstandenen Lücken zu schließen? Die Opposition wirft Ihnen beim Aufholprogramm Zögern vor…

Das ist der übliche, altbekannte Vorwurf der Opposition. (lacht) Realistisch betrachtet können wir die Förderprogramme aber erst dann an die Kinder heranbringen, wenn sie wieder in der Schule sind. Die erste Priorität ist deshalb, die Kinder wieder in die Schule zurückzubringen und ihnen Struktur und Rhythmus zu geben. Dann reden wir darüber, was es aufzuholen gibt. Da brauchen wir einen langen Atem. In diesem Jahr wird das nicht getan sein. Wir sehen auf jeden Fall das Schuljahr 2021/22 als erforderlich für diese Kompensation, wahrscheinlich sogar noch darüber hinaus. Sie können den Schülern auch nicht unbegrenzt Zusatzarbeit zumuten, wenn sie wieder einen normalen 30-Stunden-Wochenplan haben. Dort kann man nicht einfach mal eben zehn Stunden draufpacken. Also reden wir vielleicht über zwei bis vier Förderstunden pro Woche. Das muss über einen längeren Zeitraum erfolgen. Daran arbeiten wir gerade und werden das entsprechende Programm auch in Kürze vorstellen.



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