23. Juni 2021, 21:32 Uhr

Notruf wirft weitere Fragen auf

Vili Viorel Pauns Anrufe beim Notruf der Polizei waren in der Terrornacht von Hanau trotz einer offenbar freien Leitung vergeblich. Auch auf der 112 konnten zum fraglichen Zeitpunkt nicht alle Notrufe entgegengenommen werden. Ein Polizist übt Kritik.
23. Juni 2021, 21:32 Uhr
Mehrfach hatte Vili Viorel Paun versucht, den Notruf zu erreichen - vergeblich. Dann wurde er vom Attentäter in seinem Wagen erschossen. FOTO: DPA

Die Anrufer stehen unter Schock. Einige weinen, haben Panikattacken und geben dennoch so viele Informationen wie möglich, um den Schützen aufzuhalten. Zum Teil konnten sie sich vor dem rassistischen Attentäter gerade noch in Sicherheit bringen, andere, wie Said Etris Hashemi, wurden lebensgefährlich verletzt. Ein Zeuge berichtet, wie sein Freund erschossen wurde und jetzt regungslos am Boden liegt. Ein anderer sagt, er habe sich im Getränkeraum einer Bar verschanzt, und die Notrufleitung sei lange belegt gewesen.

Die »Frankfurter Rundschau« (FR) hat in einer Dokumentation der Notrufe recherchiert. Die Worte der Anrufer sind voller Fassungslosigkeit und Verzweiflung. Gleichzeitig werfen die Unterlagen weitere drängende Fragen auf. So fällt auf, dass nach den vorliegenden Informationen in den entscheidenden zehn bis fünfzehn Minuten nach dem ersten Schuss, den der Täter gegen 21.50 Uhr abgab, nur wenige Anrufe angenommen wurden. Bei der Hanauer Polizei waren es demnach in diesem Zeitraum über die 110 drei Anrufe, bei der Rettungsleitstelle über die 112 sechs. Vermutlich hätten mehr erfolgreiche Notrufversuche wichtige Informationen etwa zur Richtung geliefert, in die der Täter fuhr, oder eine schnellere Ankunft der Rettungskräfte am zweiten Anschlagsort, dem Kurt-Schumacher-Platz, ermöglicht.

Darüber hinaus lässt sich aus den Dokumenten schließen, dass es bei der Polizei nur zwei Annahmeplätze gab und eine der Leitungen minutenlang frei war - auch, als Vili Viorel Paun vergeblich versuchte, den Notruf zu erreichen. Am Heumarkt, dem ersten Tatort, hatte er den Mörder aus seinem Auto heraus beobachtet und versucht, ihn aufzuhalten. Der Rassist schoss in Pauns Richtung, doch der Hanauer folgte ihm. Am Kurt-Schumacher-Platz erschoss der Attentäter erst Paun, gegen 22 Uhr, kurz darauf Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic.

Prüfverfahren eingeleitet

Das erste Mal wählte Paun die 110 den Angaben zufolge um 21.57:54, das zweite Mal um 21.58:42, das dritte Mal um 21.59:17 Uhr. Laut Mitschnitten war die zweite Leitung in der Zeit - nach einem zirka 16-sekündigen Notruf gegen 21.57 Uhr - frei. Gab es zu wenig Personal oder auch ein technisches Problem? Bei der 112 standen zumindest zeitweise ebenfalls zu wenige Annahmeplätze zur Verfügung. Kurz vor 21.59 Uhr heißt es: »All operators are busy at the moment.«

Die Hinterbliebenen, die sich in der Initiative 19. Februar zusammengeschlossen haben, sind überzeugt, dass die Polizei Paun von der Verfolgung abgehalten und von ihm wertvolle Angaben bekommen hätte. Pauns Eltern haben mittlerweile Anzeige erstattet.

Zahlreiche Zeugen berichten, sie seien ebenfalls nicht durchgekommen. Wie viele, weshalb und ob auch diese Versuche registriert wurden, ist ebenfalls unklar. Eine Minute nach 22 Uhr berichtet ein Anrufer, ein Anwohner, detailliert von Schüssen am Kurt-Schumacher-Platz und wird mehrfach gefragt, ob er sich sicher sei. Ob es nicht doch am Heumarkt sei.

Wegen des Vorwurfs der Nichterreichbarkeit hat die Staatsanwaltschaft Hanau Ende Januar 2021 ein Prüfverfahren eingeleitet. Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte erst nach Medienberichten Engpässe beim Notruf eingeräumt, andere Vorwürfe bestritt er. Die Polizei habe bestens gearbeitet. So sei sie etwa ein bis zwei Minuten nach dem Notruf am ersten Tatort eingetroffen. Dies trifft zu. Eine Polizistin setzte rasch einen Funkspruch ab. Das Polizeipräsidium Südosthessen entgegnet auf Nachfrage: »Eine Weiterleitung von vielen gleichzeitig eintreffenden Notrufen war zum Zeitpunkt der Tatnacht in Hanau technisch nicht möglich.« Die eingegangenen Anrufe seien allerdings »durch die verfügbaren Kräfte« bearbeitet worden.

Eklatante Schwäche offengelegt

Mit dem Umzug des Präsidiums in den Neubau würden alle »Notrufe des Zuständigkeitsbereichs« in der Leitstelle zentralisiert. Eine frühere Zentralisierung - an anderen Orten schon länger umgesetzt - sei »aufgrund der unzureichenden Räumlichkeiten im alten Polizeipräsidium« nicht möglich gewesen. Um sicherzustellen, dass mehr Notrufe bei »einer herausragenden polizeilichen Lage« entgegengenommen werden können, greife seit 24. Februar 2021 ein »Weiterleitungskonzept«.

Ein Polizist, der die Strukturen in Hanau kennt, übt im Gespräch mit der FR deutliche Kritik an der bisherigen Notruforganisation. Im Normalbetrieb reichten die Kapazitäten in der Regel aus, sagt der erfahrene Beamte, doch ein Ereignis wie der Anschlag lege die eklatanten Schwächen, die verheerende Folgen haben könnten, gnadenlos offen.

Anfang der 2000er Jahre wurde mit der Polizeireform die für Hanau und den Main-Kinzig-Kreis zuständige Polizei dem Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach untergeordnet. Doch der Notruf blieb in Hanau. Dort gab es schon damals Stimmen, die eine Weiterleitung in die Zentrale forderten, besonders wegen der besseren technischen und personellen Ausstattung in Offenbach.

Polizisten, erklärt der Informant, müssten sich im Dienst stets um eine ganze Reihe von Dingen kümmern und könnten sich nicht nur auf den Notruf konzentrieren. Auch und vor allem bei einer Lage wie dem Anschlag stünden dafür wenige Beamte zur Verfügung. Dann bleibe kaum jemand in der Dienststelle, von wo aus zudem der Einsatz zu koordinieren sei. Hinzukämen eventuell technische Probleme. So könne es trotz großen Einsatzes zu Engpässen kommen. Die Verantwortlichen, sagt er, »hatten etwa 20 Jahre Zeit, um das zu ändern. Doch es passierte lange nichts«.

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