28. Juni 2021, 19:44 Uhr

Neustart im Rotlichtviertel

Rote Neonlichter an den Fassaden, schummrige Beleuchtung in den Table-Dance-Bars. Im Frankfurter Bahnhofsviertel gingen an diesem Wochenende nach langer Corona-Pause die Lichter wieder an. Viele haben das Ende des Lockdowns herbeigesehnt.
28. Juni 2021, 19:44 Uhr
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Aus der Redaktion
Der Table-Dance-Club »Pure Platinum« im Frankfurter Rotlichtmilieu hat dieser Tage zum ersten Mal seit Monaten nach dem Corona-Lockdown wieder geöffnet. FOTO: DPA

Wummernde Bässe aus den Striptease-Bars, Freier, die vor dem Bordellbesuch ihre Kontaktdaten hinterlegen, Maskenzwang auf dem Weg zu Zimmern und Tischen: Seit Freitag dürfen die Rotlichtbetriebe im Frankfurter Bahnhofsviertel wieder öffnen angesichts der Lockerungen in Hessen. Alles wie früher? Nicht ganz. Bei vielen, die hier ihr Geld verdient hatten, ist wegen der Krisenerfahrungen eine neue Nachdenklichkeit aufgekommen.

Zu denen, die es kaum noch abwarten können, wieder vor Live-Publikum an der Stange und auf der Bühne zu tanzen, gehören Kate und Angie. Die beiden Tänzerinnen stehen zwar nicht gemeinsam auf der Bühne, sind aber gut befreundet. Aus der Zeit der Lockdowns nehmen sie nicht nur einiges an Frust mit, sondern auch Pläne für alle Fälle und ein zweites Standbein in der virtuellen Welt. »Wir freuen uns natürlich, dass es wieder losgeht. Aber man weiß ja auch nie, wann wieder so etwas kommt«, erklärt Angie aus der Nähe von Höchst im Odenwald und zupft an ihrem langen schwarzen Haar.

»Corona hat die Möglichkeiten durch das Internet gezeigt«, sagt die blonde Kate. Den beiden Frauen schwebt ein Youtube-Kanal vor mit Video-Talk. Ein bisschen nach dem Motto: Was Sie schon immer über das Rotlicht wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten. Auch mit Stereotypen wollen die beiden exotischen Tänzerinnen aufräumen: »Für viele ist das, was wir machen, ja schon das Sprungbrett zur Prostitution. Das stimmt aber überhaupt nicht«, betont Kate.

Schnupperkurs Pole-Dance

Auch über das Frauenbild und das Selbstverständnis von Frauen, die in Rotlichtbetrieben arbeiten, würden die Tänzerinnen ihren Followern gerne mehr erzählen - und natürlich auch Möglichkeiten suchen, sich mit Bildern oder Videos ein wenig zu vermarkten. »Wir werden uns aber sehr genau informieren, was erlaubt ist und was nicht«, sagt Kate.

Dass es Interesse gibt, gerade auch von Zuschauerinnen - davon sind Kate und Angie überzeugt. »Wir haben auf dem Bahnhofsviertelfest festgestellt, wie die Frauen voll abgehen, wenn sie eine halbe Stunde einen Pole-Dance-Schnupperkurs besuchen«, erzählt Angie. »Wenn die sich im Spiegel sehen - das gibt Energie, ein ganz neues Selbstbewusstsein«, ergänzt Kate, die in einem virtuellen Standbein eine Möglichkeit sieht, sich beruflich zu erweitern und trotzdem bei dem zu bleiben, was ihr Spaß macht. Getanzt werde aber weiter.

In der Frankfurter Striptease-Bar »Pure Platinum« sind Tänzerinnen und Angestellte am Freitagabend eine Stunde nach Öffnung noch weitgehend unter sich. Eine junge Frau dreht eher lustlos eine Runde an der Stange im während des Lockdowns umgebauten Lokal. Umbaumaßnahmen anderer Art bemerken auch die Tänzerinnen, die nach langer Zeit wieder ihre Kolleginnen treffen: »Um wie viel hast du größer machen lassen?« wurde in einer der Nischen nach kurzem Blick gefragt. »Von C auf E!«, erwidert die Besitzerin einer neuen Oberweite.

Bislang wenig Reservierungen

»Bis jetzt haben wir nicht so viele Reservierungen, aber das ist normal - die Leute müssen sich erst mal dran gewöhnen, dass wieder auf ist«, sagt Christian Eckerlin, der Betriebsleiter der Bar, die am ersten Abend mit zwölf Tänzerinnen wieder startet. »Wir müssen abwarten, ob es wieder zurückkommt zu den alten Zeiten.« An einem warmen Abend am Wochenende gehe es ohnehin erst spät richtig los, und auch EM und Urlaubszeit könnten sich zunächst auf die Besucherzahlen auswirken.

Auch wenn es Corona-Hilfen gegeben habe, sei das »nur ein Tropfen auf dem heißen Stein« gewesen, »damit die Leute ihre Familien über die Runden bringen können. Das ist nicht annähernd das, was hier umgesetzt wird«, so Eckerlin. Er hofft auf eine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb. Es werde wohl alles seine Zeit brauchen.

Vor dem Laufhaus »Sex Inn« in der Frankfurter Taunusstraße stehen zu dieser Zeit bereits Freier, die bereitwillig Ausweise zücken und Zettel für die Kontaktdatendatennachverfolgung ausfüllen. Acht Frauen haben wieder ihre Zimmer bezogen, eine von ihnen ist erst zwei Tage zuvor aus Rumänien an ihren alten Arbeitsplatz zurückgereist. Andere hätten Probleme, weil sie verschuldet bei den Hotels seien, in denen sie während des Lockdowns gewohnt hätten, erzählt die Betreiberin Nadine Maletzki. »Die Nachfrage ist auf jeden Fall groß - aber tagsüber hatte zunächst nur eine einzige Frau gearbeitet. Das war dann schon schwierig.«

Am Nachmittag habe die Polizei noch einmal geprüft, dass alle Corona-Auflagen erfüllt würden, sagt Maletzki, die mit ihrer Forderung nach einer Öffnung der Bordelle im vergangenen Jahr sogar vor den Hessischen Verwaltungsgerichtshof gezogen war.

Noch allerdings haben am Freitag nur wenige Bordelle geöffnet, auch das normale Nacht- und Partyleben ist noch nicht zurückgekehrt. Stattdessen warten in den Straßen Prostituierte auf dem während des Lockdowns entstandenen illegalen Straßenstrich auf Kunden, kauern Drogenabhängige in Hauseingängen oder liegen auf dem Bürgersteig. Das Elend, das während des Lockdowns so offenkundig geworden war, prägt zunächst noch immer das Bild. »Die Partygäste sind weg und der Spaß«, so hat Tänzerin Angie das Bahnhofsviertel im Lockdown beschrieben. »Und wenn das fehlt, siehst du die Realität.« dpa



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