25. August 2021, 21:12 Uhr

Neue Definition für Erfolg finden

Tim Bendzko gelang 2011 mit »Nur noch kurz die Welt retten« ein Riesenhit. In dem Lied wird vorgegaukelt, dass man wichtige Sachen zu erledigen habe, um dann aber in Wahrheit am Computer zu spielen - oder zu chillen, abzuhängen, wie man heute sagt. Eine Gruppe junger Männer aus der Region ist sich bewusst, dass niemand alleine die Welt retten kann. Aber die Jugendlichen möchten ganz konkret etwas tun, möchten Vorbilder sein, andere inspirieren und motivieren. Leon Kreuder gehört dazu.
25. August 2021, 21:12 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Bald wird Leon Kreuder im Studiengang Wirtschaftswissenschaften an der Uni Gießen seinen Bachelorabschluss machen. Um dann noch mal ganz von vorne anzufangen. »Ich will das zu Ende bringen, auch wenn es nicht mehr mein Ding ist. Aber danach werde ich Umweltmanagement studieren. Das ist es!«, sagt der 23-Jährige und schaut zufrieden. Kreuder wohnt in Gießen, geboren ist er in Grünberg. Er hat einen Aushilfsjob in einem Aldi-Warenlager, kommissioniert dort Sendungen für die Filialen. Viel Zeit verbringt er seit Monaten in Mücke-Nieder-Ohmen. Dort engagiert er sich im »Klimafairein« (siehe Text unten). Kreuders Eltern Sabine und Thomas leben in Grünberg, seine Schwester Elena studiert auch in Gießen. Wir haben Leon im Rahmen unserer Serie »Junge Leser« Fragen gestellt. Wie schauen junge Menschen auf die Welt von heute? Was denken sie? Was fühlen sie, was sind ihr Ziele?

Herr Kreuder, Sie sind 23 und lesen Zeitung auf Papier. Wie kommt’s?

Zeitung gehört bei uns zur Familie, die Gießener Allgemeine begleitet mich mein Leben lang. Meine Eltern sind fleißige Leser, ich auch. Online lese ich, was ich bei »Spiegel« und »Zeit« kostenlos im Netz finde.

Welche Medien nutzen Sie sonst noch?

Im guten alten Fernsehen schaue ich mir bei den öffentlich-rechtlichen Sendern die Nachrichten an. Radio höre ich manchmal auch noch. Ansonsten bin ich bei Instagram und Facebook unterwegs, poste aber selbst so gut wie nichts. Ich versuche ansonsten, im Netz Fakenews von echten News zu trennen.

Wie ordnen Sie die Glaubwürdigkeit der Medien ein?

Neben den Tageszeitungen vertraue ich den öffentlich-rechtlichen Medien. Ich will ihnen nicht blindlinks vertrauen, aber bislang hatte ich weder bei den Zeitungen, noch bei ARD und ZDF Grund, ihnen zu misstrauen.

Wie schauen Sie auf die Welt? Wo sehen Sie die größten Probleme?

Ich finde es toll, dass die Menschen so unterschiedlich sind, dass jeder seine eigene Persönlichkeit hat. Ich mag Menschen. Und ich bin dankbar, dass ich hier in Freiheit leben kann. Was mir Angst macht, sind totalitäre Systeme, die diese Vielfalt nicht haben wollen. Sie zwingen ihre Bürger dazu, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Das größte Problem, das kann ich auch für meinen Freundeskreis sagen, ist der Klimawandel. Das ist eine existenzielle Bedrohung.

Haben Sie Vorbilder?

Nein, nicht in dem üblichen Sinne. Aber ich glaube an das Gute im Menschen. Deshalb können viele für mich Vorbild sein. Ich vertraue auch der Wissenschaft. Und ich glaube, dass wir gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort machen können. Vorbilder ganz allgemein sind für mich die Alltagshelden, die Menschen also, die sich beruflich oder auch ehrenamtlich um andere Menschen kümmern, denen es nicht so gut geht, die Hilfe brauchen. Und ich schätze die Arbeit von Organisationen wie Amnesty International. In Gießen gibt es eine Gruppe von Menschen, die kümmern sich um Obdachlose. Das finde ich gut und wichtig. Ganz allgemein: Ich mag, wenn Menschen aus purer Überzeugung anderen helfen wollen.

Worin sehen Sie den Sinn des Lebens?

Den habe ich mit meinem 23 Jahren noch nicht gefunden (lacht). Aber ich denke schon immer mal darüber nach. Im Moment freue ich mich auf das, was kommen wird.

Gehen Sie ab und zu demonstrieren?

Ja, besonders wenn es um Themen wie Klimawandel und soziale Gerechtigkeit geht.

Welchen Stellenwert haben Freundschaften für Sie?

Einen großen - und mein Freundeskreis geht über den Klimafairein hinaus.

Welche Werte und Tugenden sind Ihnen wichtig?

Toleranz, Offenheit, Nächstenliebe. Und ich finde es wichtig, immer wieder mal seine Haltung zu bestimmten Themen zu überprüfen.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Ja, ich wurde auch moderat christlich erzogen. Ich glaube an etwas Großes, dass mich durch mein selbstbestimmtes Leben begleitet.

Ihr größter Wunsch?

Dass wir alle uns für eine Welt starkmachen, in der auch die folgenden Generationen noch gut leben können, dass die Welt überhaupt noch bewohnbar ist. Und ich wünsche mir, dass wir eine andere Definition für Erfolg finden. Eine, die mehr mit Menschlichkeit zu tun hat.

Familie und Kinder - ist das aktuell für Sie ein Thema?

Nein, kann ich mir im Moment nicht vorstellen, aber in einer Partnerschaft zu leben schon.

Ihr Lieblingsort?

Ganz allgemein der Norden, da ist es kühler und einsamer - und es gibt viel Natur. Mein Bild vor Augen: Schöner Bergsee, dahinter ragen die Berge empor, die Sonne geht unter, da möchte ich sein.

Waren Sie schon mal an so einem Ort?

Ja, im Bezirk Yukon im Nordwesten Kanadas.

Ihr Lieblingsessen?

Salat

Ihr Lieblingsgetränk?

Aktuell Mate

Was lesen Sie gerade?

Zurzeit lese ich nur ernste Sachen, Artikel und Kommentare zu den Themen unserer Zeit.

Treiben Sie Sport?

Ja, ich gehe ins Fitnessstudio, aber das kam zuletzt wegen Corona nicht infrage. Fußball ist immer ein Thema, ich spiele aktiv und bin ein Eintracht-Fan. Ich mag auch Basketball, ab und zu schaue ich mir NBA-Spiele an.

Was möchten sie im Leben erreichen?

Also ich möchte nicht reich werden oder so was. Ich möchte den Menschen, die ich mag, ein verlässlicher Partner und Freund sein. Und von all diesen Menschen möchte ich auf meinem Weg niemand verlieren, weil die Freundschaft in die Brüche gegangen ist. Am Ende möchte ich sagen können: Ich habe getan, was möglich war.



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