23. Juli 2021, 21:53 Uhr

Mit Lockenwicklern und Kittelschürze

Die E-Mail mit dem Foto von »Oma Luise« landete am 1. Mai im virtuellen Redaktionsbriefkasten. Das war ein Samstag. Und ein Feiertag. Auch für Redakteure. Die E-Mail wurde deshalb erst am Monta geöffnet. Das wunderbare Bild und auch der kurze Text weckten sofort das Interesse des Redakteurs. »Dieses Foto wurde auf einer Postkarte verewigt und wohl einige Jahre lang in einem Gießener Geschäft verkauft«, stand sinngemäß in der E-Mail. Ein paar Tage später erzählen Urenkelin Alina und ihre Eltern die bewegende Lebensgeschichte von Luise Wismar.
23. Juli 2021, 21:53 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion

Im Mai waren die Inzidenzwerte noch sehr hoch. Und ein Hausbesuch bei Familie Wismar deshalb nicht möglich. Also Videokonferenz. Erich Wismar, Enkel von Luise Wismar, seine Frau Heike und die Tochter Alina (Urenkelin) haben sich auf das Gespräch gut vorbereitet. Vater Erich ist seit 24 Jahren Schlosser im Stadttheater Gießen (»ein toller Beruf und ein wunderbarer Arbeitsplatz«), Mutter Heike arbeitet als Krankenschwester am UKGM (auch sie ist glücklich mit dem, was sie tut). Tochter Alina ist bald Förderschullehrerin. Derzeit ist sie Referendarin an der Martin-Buber-Schule in Gießen.

Auch wenn Luise Wismar schon vor 16 Jahren gestorben ist, sprechen ihre Nachkommen so warmherzig über sie, als wäre sie gestern noch bei ihnen gewesen. Frau Wismars Geschichte wäre ein perfekter Stoff für ein Buch. Kein Groschenheft, kein Rührstück. Ein richtig guter Roman mit Tiefgang. Es wäre die Geschichte eines Lebens, das fast ein ganzes Jahrhundert währte. Die Geschichte einer Frau, die das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das barbarische Nazi-Regime, zwei Weltkriege, den Wiederaufbau nach 1945, die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung erlebt hat. 2005, das Jahr in dem Luise Wismar starb, wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin.

Die »Omi«, wie sie wohl von allen Nachkommen genannt wird, erlebte viel Not und Elend, Leid und Trauer. Aber sie stand immer wieder auf, blieb bis zu ihrem Ende ein fröhlicher, dem Leben zugewandter Mensch. Sie war das Band, das die große Familie zusammenhielt. Und so war ihr Leben trotz aller Schicksalsschläge auch eine Geschichte über Liebe, Familie, Hoffnung und Zusammenhalt. Es wäre eine ernste, ein stellenweise wehmütige, von Melancholie geprägte Erzählung. Aber auch ein Buch mit viel Humor. Alina Wismar sagt: »Für uns bleibt sie für immer die goldige Omi, die so gerne gelacht hat.«

Luise Wismar geborene Strauch war ein Mensch, der zeitlebens für andere da war. Am 13. August 1909 wurde sie in Homberg/Ohm geboren. Mit 17 zog sie im Jahr 1926 nach Gießen, wurde Hausmädchen bei einem Professor in der Moltkestraße, kümmerte sich um Kinder und Haushalt. In Gießen fand sie bald ihre große Liebe: Johann Peter Wismar. Sie heirateten 1930 in der Johanneskirche. Das Paar zog in die Schubertstraße. Luise wurde Mutter einer Tochter, die jedoch noch im Säuglingsalter starb. 1934 wurde Sohn Karl-Heinz geboren, Alinas Großvater. 1944 dann wieder ein harter Schlag: Das Haus der Familie wird bei einem Luftangriff zerstört. Hochschwanger zieht Luise Wismar zurück nach Homberg/Ohm. Einen Monat später wird Sohn Hans-Peter geboren. Es beginnt eine ruhige Phase in »Omis« Leben, die Söhne werden erwachsen und gründen eigene Familien. 1967 stirbt Luises Mann Johann-Peter - wieder ist sie in Trauer. 1973 zieht Frau Wismar mit der Familie des ältesten Sohnes in die Crednerstraße in Gießen. Sie verliebt sich noch einmal - in Albert. 1984, sie ist 75 Jahre alt, fliegt sie mit ihm gemeinsam in die USA zu Verwandten. 1992 wird von der Fotografin Ute Voigt, die noch immer Inhaberin einer Fotoagentur in Gießen ist, die lachende »Omi« im Garten in der Crednerstraße aufgenommen. Die Fotografin lässt das Foto als Bildmotiv auf eine Postkarte drucken. In der Gießener Papeterie »Punkt + Strich« wird die Karte lange zum Preis von 1,80 DM angeboten. Für Luise kommen wieder schwere Zeiten: Sohn Karl-Heinz stirbt, und bald danach muss sie auch von ihrem Lebenspartner Albert Abschied nehmen. Er stirbt bei einer Reise nach Prag. Aber »Omi« Luise steht noch einmal auf. 2003 allerdings lässt die Kraft nach, in der Familie von Sohn Hans-Peter wird sie gepflegt. 2005 stirbt sie im Alter von fast 96 Jahren. Eine Jahrhundertfrau. Zu ihren fünf Enkeln gehört auch Erich Wismar. Zu den direkten Nachkommen zählen außerdem zehn Urenkel, darunter Alina und ihr Bruder Jonas, sowie sechs Ururenkel.

Alina erzählt, dass eine der Postkarten noch heute bei einer Freundin an der Pinnwand hängt. Niemand kann sagen, wo die Karte sonst noch wie ein Schatz gehütet wird. Und wer weiß: Vielleicht sind einige Exemplare sogar um die halbe Welt gereist. Dann wäre Luise Wismar noch immer so etwas wie eine freundliche Botschafterin unseres Landes.

Ein Vorbild ist sie sowieso. Denn sie war eine wahre »Omi«, eine Frau, auf deren Schoß Kinder, Enkel und Urenkel gesessen haben. Eine Großmutter, die Tränen getrocknet, die ihre Nachkommen zum Lachen gebracht, die ihnen vorgelesen und die Hausaufgaben überprüft hat. Sie kochte ihnen Kakao, flickte Löcher in Hosen und Jacken. Wie auch immer wir sie nennen, wie auch immer sie gerne genannt werden möchten - ob Omi oder Oma, Großmutter oder Urgroßmutter - sie sind die Besten. Sie sehen heute anders aus, kleiden sich anders, tragen eher selten eine Kittelschürze wie Luise, und ältere Frauen mit Lockenwicklern sieht man auch nur noch selten. Aber in ihrem Wesen sind sie sich alle ähnlich. Sie geben Liebe, sie helfen da, wo sie gebraucht werden, und sie sind das Fundament der Familie.

Enkel Erich, seine Frau Heike und Urenkelin Alina zeichnen genau dieses Bild auch von Omi Luise. Alina erzählt stolz: »Meine Eltern sagen immer, ›wir hätten dich Alina Luise nennen sollen‹«, denn ich sei ihr sehr ähnlich, da ich auch immer die Letzte bin, die mit dem Essen fertig ist. Auch die Vorliebe für Kartoffeln wurde an mich vererbt.« Ihr Vater erinnert sich dankbar daran, dass seine Oma ihm bei den Hausaufgaben geholfen, ihm hinterhergeräumt, seine Eltern bei der Erziehung, im Haushalt und in der Gastwirtschaft unterstützt hat. »Und das alles hat sie geschafft, obwohl sie eigentlich ja schon mit mir alle Hände voll zu tun hatte«, sagt Enkelsohn Erich und lächelt verschmitzt.

Bleibt die Frage, warum Luise Wismar auf dem Bild so herzlich gelacht hat? Die Fotografin Ute Voigt kann sich gut an den Tag erinnern. Sie sei schon damals oft in der Stadt unterwegs gewesen, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Motiven. »Als ich Luise Wismar in ihrem Gartenstuhl sitzen sah, habe ich sie sofort angesprochen, gefragt, ob ich sie fotografieren darf.« Sie habe ja gesagt und dann gelacht. Vielleicht, weil sie gerade in dem Moment etwas Lustiges in der »Gießener Allgemeinen« gelesen habe.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos