11. Mai 2021, 20:14 Uhr

Mehr Unterstützung notwendig

Es kann von einem Tag auf den anderen passieren, durch einen Schlaganfall, einen Sturz oder einen Unfall. Plötzlich braucht ein Angehöriger Pflege. Dann stehen Familien vor der großen Frage, wie die Pflege zu organisieren ist und wer sie stemmen kann.
11. Mai 2021, 20:14 Uhr
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Von DPA
82 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Für die Angehörigen bedeutet das eine enorme Belastung. Nicht immer kennen sie alle Hilfsangebote. FOTO: DPA

Während in der öffentlichen Wahrnehmung das Hauptaugenmerk auf den stationären Pflegeeinrichtungen liegt, wird die weitaus überwiegende Mehrheit der pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt. 82 Prozent der Betroffenen werden in Hessen und Thüringen in Privathaushalten gepflegt - insgesamt 253 000 Menschen - Tendenz stark steigend.

Um sich ein besseres Bild von den Sorgen und Nöten in der häuslichen Pflege zu verschaffen, hat der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen zum heutigen internationalen Tag der Pflege eine umfangreiche Studie durchgeführt.

Das Ergebnis: »Pflegende Angehörige brauchen mehr Unterstützung«, erklärt der VdK-Landesvorsitzende Paul Weimann. Das formuliert er deutlich als Auftrag an die Politik. Vor allem müssten die Pflegestützpunkte besser ausgebaut werden. Die meisten Menschen würden allein durch Familienmitglieder und andere nahestehende Personen gepflegt, denen in vielen Fällen wichtige Informationen über Hilfsangebote fehlten.

Wer selbst schon einmal einen Antrag auf Unterstützung aus der Pflegeversicherung ausgefüllt hat, weiß, wie kompliziert und undurchsichtig die Materie ist. Die erste Orientierung durch den Pflegedschungel erfolgt meist durch ein Gespräch mit der Krankenkasse oder einem Pflegedienst. Diese böten aber kein unabhängiges Informationsbild, kritisiert der VdK in seiner Studie. So entgingen pflegenden Angehörigen oft Unterstützungsangebote und auch finanzielle Zuschüsse.

Rund 60 Prozent der Befragten hätten nicht gewusst, dass sie eine Reha-Maßnahme beantragen können. Auch von der Möglichkeit, Kurse zur häuslichen Pflege zu besuchen, hätten etliche noch nie gehört. Dasselbe gilt für den Entlastungsbetrag von 125 Euro im Monat, der jedem Pflegebedürftigen zusteht - nicht einmal die Hälfte der Befragten habe dieses Geld beantragt. »Diese Zahlen zeigen uns: Die Pflegestützpunkte in Hessen und Thüringen müssen weiter ausgebaut werden«, sagt Paul Weimann.

Meist sind es Lebenspartner und Töchter im Alter von 51 bis 70 Jahren, die sich in der häuslichen Pflege engagieren, wie aus der Umfrage hervorgeht. Die individuelle Belastung hänge natürlich stark vom Pflegegrad ab. Knapp 90 Prozent der Betroffenen wurden in Pflegegrad zwei bis vier (fünf ist die höchste Stufe) eingestuft. So entstehe ein wöchentlicher Pflegebedarf von 20 Stunden im Mittel. Mehr als die Hälfte der Pflegenden stemme die Aufgabe alleine, ein Drittel ziehe einen ambulanten Pflegedienst hinzu. Das ist oft auch eine finanzielle Hürde, weil die Kassen in der häuslichen Pflege geringere Beträge erstatten als in der stationären Pflege.

Angehörige helfen oft im Haushalt

Die Aufgaben, die meist an einen Pflegedienst abgetreten werden, wenn er mit im Boot ist, betreffen laut der Studienergebnisse am häufigsten die körperliche Pflege, besonders körperbetonte und anstrengende Arbeiten also. Die häufigste Tätigkeit, die Angehörige selbst übernehmen, ist Hilfe im Haushalt. Gerade dabei wünschen sich allerdings viele Pflegende mehr Unterstützung. Je höher der Pflegegrad, umso umfangreicher seien die weiteren Tätigkeiten, die anfielen.

Für die Kooperation mit den Pflegediensten seien von den Befragten durchweg positive Noten vergeben worden - einzig die Zeit, welche diese aufbringen für ihre Hausbesuche, sei als zu knapp bewertet worden. »Dies ist eine der Auswirkungen des strukturellen massiven Personalmangels in der ambulanten Pflege, der nach wie vor auf eine Lösung wartet«, schließt der VdK aus diesem Ergebnis.

Tendenziell helfen laut der Umfrage selbst dann, wenn vornehmlich der Pflegedienst die häusliche Pflege sicherstellt, zusätzlich Familienangehörige wie Kinder oder Lebenspartner in fast 70 Prozent der Fälle mit. Bei denjenigen, die alleine pflegten (ohne Pflegedienst), sei die Zahl der helfenden Familienangehörigen etwas niedriger (58,3 Prozent). Bei den allein pflegenden Angehörigen handele es sich überwiegend um Lebenspartner und weniger um Eltern oder Kinder. Berufstätige Kinder tendierten eher zu einem Pflegedienst.

Um dieser Gruppe die Doppelbelastung zu erleichtern, setzt sich der VdK für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ein. »Deshalb fordern wir für Pflegende den Rechtsanspruch auf eine teilweise oder vollständige Freistellung von der Arbeit, analog zur Elternzeit. Und wie beim Elterngeld sollten sie in dieser Zeit als Lohnersatz ein Pflegepersonengeld erhalten«, erklärt Weimann.



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