04. Mai 2021, 21:58 Uhr

Medizinethiker fordert Ausgleich für junge Leute

04. Mai 2021, 21:58 Uhr
Prof. Stephan Sahm

Offenbach - Der Medizinethiker Professor Stephan Sahm kennt als Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus die Lage auf einer Covid-Intensivstation. Wir haben mit ihm über die Debatte um Lockerungen für Geimpfte und Gerechtigkeit gesprochen. Er plädiert dafür, künftig diejenigen stärker zu entlasten, die während der Pandemie große Opfer gebracht haben.

Wie ist bei Ihnen die Lage auf der Intensivstation?

Die Intensivstation ist voll belegt. Wir hatten in den letzten Tagen sogar Engpässe, die wir durch Verlegungen in andere Kliniken lösen konnten. Covid-Patienten, die nicht medizinisch behandelt werden müssen, überschwemmen uns allerdings nicht. Das ist im ganzen Rhein-Main-Gebiet so, vielleicht sogar bundesweit.

Wie stehen Sie aus medi-zinethischer Sicht zu Lockerungen für Geimpfte?

Wir sind uns immer mehr sicher, dass die Gefahr für andere, die von Geimpften ausgeht, immer mehr zu vernachlässigen ist. Dafür spricht viel. Es gibt noch eine Grauzone, aber im entsprechenden Maß, wie die Sicherheit des Urteils steigt, muss man für Geimpfte auch Lockerungen zulassen. Aus zwei Gründen: Verfassungsrechtlich gesehen können Sie Grundrechte nicht einschränken, wenn man niemand anderen gefährdet. Medizinethisch ist es meiner Ansicht nach auch gerechtfertigt, denn es wäre eine unreife Beurteilung, zu sagen: Jetzt, wo die Älteren geimpft sind, müssen sie warten bis auch die Jüngeren dran waren.

Was meinen Sie mit »unreif«?

Aus einem intuitiven Gerechtigkeitssinn heraus zu sagen, die Geimpften müssen warten, bis alle das Vakzin bekommen haben, wäre fast schon eine pubertäre Sicht der Dinge. Wir sollten vielmehr überlegen, wie wir im Nachgang der Pandemie die mittlere Generation sowie Kinder und Jugendliche fördern können, die zum Schutz der Älteren sehr große Opfer gebracht haben. Hier müssen wir einen Ausgleich schaffen. Und sei es nur, dass unsere Kinder nicht allein die finanziellen Bürden der Krise tragen müssen. Das wäre Gerechtigkeit.

Was meinen Sie konkret?

Die Rentner in Deutschland sind nicht alle arm. Diese Generation müsste vielleicht auf die eine oder andere Urlaubsreise verzichten, und Abgaben für die Jugend leisten. Zum Beispiel für mehr Lehrkräfte, mehr Nachhilfestunden, mehr Investitionen in Digitales, damit die jungen Leute nachholen können, was sie während der Pandemie versäumt haben. Ich denke aber auch an alleinerziehende Mütter und Menschen, deren Geschäft Pleite gemacht hat. Es wäre eine Sache der Fairness, dass man die, die jetzt Opfer gebracht haben, in Form von staatlicher Unterstützung bedenkt. Diese Menschen haben ganz viel ertragen und brauchen nach der Krise unsere Unterstützung. Auch die Jugendlichen feiern längst nicht nur Corona-Partys - sie müssen sehr viel ertragen. All diese Einschnitte zu kompensieren, wäre eine Frage der Fairness und eine der Gerechtigkeit förderliche Sozialpolitik.

Sie fordern also eine langfristig ausgerichtete Gerechtigkeitsdebatte?

Ja, eine reife Gesellschaft sollte nicht infrage stellen, dass Menschen, die keine Gefahr mehr für andere darstellen, ihre Rechte zurückbekommen. Wir müssen nur schauen, wie sie es nachweisen, damit die Regeln für Geimpfte nicht missbraucht werden.

Sehen Sie die Gefahr einer sozialen Spaltung in Deutschland?

Nein, das Ungerechtigkeitsempfinden wird nur von kurzer Dauer sein. Wir reden ja wahrscheinlich nur über zwei bis drei Monate, bis alle ein Impfangebot bekommen können. Wichtig ist, dass wir im Nachgang einen Ausgleich schaffen für diejenigen, die zum Schutz der älteren Generation große Opfer gebracht und sehr viel Rücksicht genommen haben. Das könnte zum Beispiel auch eine Starthilfe für Sportvereine umfassen, damit dieses Land wieder vorwärts kommt und ein jugendliches Aussehen bekommt.

Wie schnell sollten die Lockerungen für Geimpfte in Kraft treten?

Das ist eine politische Frage. Natürlich gibt die Wissenschaft viele Hinweise. Es wäre eine eher vorsichtigere Haltung, noch ein paar Wochen zu warten. Man kann aber auch auf Basis der bisherigen Erkenntnisse kurzfristige Lockerungen vertreten. Es wäre unangebracht, daraus eine Moralkeule zu zimmern. Christiane Warnecke

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