20. August 2021, 22:32 Uhr

Krebsmedikament macht Hoffnung

Der zusätzliche Einsatz eines in der Krebsmedizin erprobten Medikaments wirkt sich laut einer Studie von Uni-Medizinern aus Marburg im Kampf gegen Corona bei schwer kranken Patienten lebensverlängernd aus.
20. August 2021, 22:32 Uhr
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Beatmungsgeräte sind unerlässlich für die Behandlung schwerer Fälle von Covid-19. Jetzt kommt eine medikamentöse Unterstützung in Sicht. FOTO: THOMAS WIESMANN

Wer so schwer an Covid-19 erkrankt ist, dass ein Lungenversagen auftritt, könnte durch Verabreichung des Krebsmedikaments Ruxolitinib länger überleben. Das ist das Ergebnis einer Studie, in der sich Ruxolitinib als vielversprechender Kandidat für weitergehende klinische Studien erwiesen hat, wie jetzt ein Team aus Kassel und Marburg in der Fachzeitschrift »Leukemia« berichtet.

Diese Studie sei ein positives Beispiel für die gute Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachrichtungen bei der Erforschung neuer Therapiewege, sagte der Krebsmediziner Prof. Andreas Neubauer bei einem Pressegespräch im Marburger Uni-Klinikum.

Neubauer hatte im April 2020 die Idee dazu, das für entzündungshemmende Wirkungen bekannte Medikament aus der Krebsbehandlung zusätzlich zu der derzeitigen Standard-Medikation bei schwer kranken Covid-Patienten zu erproben. Das Medikament hemmt Enzyme im Körper, die an überschießenden Entzündungsreaktionen beteiligt sind. Da eine solche Immunantwort oft mit erhöhter Sterblichkeit bei einer Covid-19-Erkrankung einhergehe, untersuchte das Team, ob eine Verabreichung des Medikaments das Überleben von Patienten verlängert, die künstlich beatmet werden müssen.

Jetzt liegen die ersten vielversprechenden Ergebnisse der Studie vor. Damit die Studie ins Laufen kam, war laut Neubauer die Zusammenarbeit der Krebsmediziner mit den Intensivmedizinern der Uni-Klinik in Marburg und des Klinikums Kassel unerlässlich.

Das Tückische an der Erkrankung sei, dass die schweren Symptome wie das akute Lungenversagen in einer relativ kurzen Zeitspanne nach dem Auftauchen der ersten Symptome auftauchen, sagt der Marburger Intensivmediziner Privatdozent Dr. Thomas Wiesmann, Mitverfasser der Studie. Bei einem schweren oder tödlichen Verlauf erfolge eine Überschwemmung des Körpers mit Substanzen, die das Immunsystem anregen, erläutert Professor Neubauer.

Bereits vor einem Jahr hatte ein Team um Andreas Neubauer vom Erfolg einer Ruxolitinib-Verabreichung bei einer schwer erkrankten Covid-19-Patientin berichtet, die künstlich beatmet wurde. »Wir waren damals sehr aufgeregt. Aber dann gab es eine dramatische Besserung bei einer schwer kranken Patientin«, erzählt Wiesmann.

»Natürlich war die Anzahl der Patienten, die wir in unsere Studie eingeschlossen haben, zu klein, um endgültige Aussagen über die Wirksamkeit von Ruxolitinib bei Covid-19 zu treffen«, schränkt Neubauer zwar ein. Außerdem verzichtete das Team auf den Vergleich mit einer Kontrollgruppe, um niemandem die Behandlung mit dem Medikament vorzuenthalten. Mittlerweile laufe aber bereits eine größere klinische Studie.

Jedenfalls ist das die Bilanz der Marburger Studie: Von den 16 künstlich beatmeten Covid-Patienten im Alter zwischen 35 und 92 Jahren, die das Medikament vier Wochen lang erhielten, hatten nach 28 Tagen 13 Patienten überlebt. Das entspricht einer überdurchschnittlich großen Überlebensrate von 81 Prozent. »Im Vergleich mit anderen publizierten Behandlungen schneidet die zusätzliche Ruxolitinib-Verabreichung gut ab«, erklärt Dr. Caroline Rolfes von der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Kassel, Co-Autorin der Studie.

Auch aus Sicht von Neubauer ist das eine echte Erfolgsgeschichte: »Wir haben mit dieser Studie wahrscheinlich die Therapie verändert«, bilanziert er.



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