01. Juni 2021, 17:58 Uhr

»Iss so, habe ich im Internet gelesen«

Vor 75 Jahren wurden in Deutschland die ersten Nachkriegszeitungen gegründet. Darunter auch die »Gießener Allgemeine«, die damals noch »Freie Presse« hieß. Die Probleme waren 1946 ganz andere als heute. Den Begriff »Lügenpresse« kannte man zwar schon. Gleichwohl waren die Tageszeitungen das glaubwürdigste Medium. Zeitungen haben - trotz aller Anfeindungen - immer noch einen guten Ruf. Das bestätigt auch Prof. Claus Leggewie von der Uni Gießen in einem Gespräch über die Lage der Print-medien.
01. Juni 2021, 17:58 Uhr
Claus Leggewie

Herr Leggewie, wie viele Zeitungen lesen Sie?

Jede Menge, als Bürger, Kulturinteressierter und Politik-Junkie: Am Vorabend SZ online, zum Frühstück FAZ und »taz« aus dem Briefkasten, FR und GAZ online, zwischendurch »Spiegel« und »Zeit« online, »New York Times« und »Washington Post« online, und nicht zuletzt den »Perlentaucher«, ein Online-Magazin mit einer nationalen und internationalen Presseschau. Ich will nicht angeben, das meiste überfliege oder sammele ich für berufliche Auswertung.

Welche Medien nutzen Sie, um sich über aktuelle Themen zu informieren?

Vor allem Deutschlandradio, beide Sender.

Welchen Stellenwert oder welchen Rang hat die Tageszeitung im Ranking der von Ihnen genutzten Medien?

Ganz oben.

Glauben Sie grundsätzlich das, was in der Zeitung steht?

Natürlich nicht. Das ist aber keine Frage des Glaubens, sondern des Vertrauens in bewährte Redaktionen, und der Wahrheitsgehalt kann durch Überkreuzlektüre mehrerer Blätter abgeschätzt werden. Als Mitherausgeber der »Blätter« weiß ich, wie sorgfältig die Redaktion Texte redigiert und Faktenchecks macht. Online glaube ich bis auf die Angebote, die eng mit der Print-Redaktion verbunden sind, erst einmal so gut wie nichts.

Warum so misstrauisch?

Das ist nicht misstrauisch, sondern normal skeptisch. Man weiß doch, wie die Wahrnehmung ein und desselben Ereignisses oder Prozesses auseinanderklafft, ohne dass unbedingt die eine Position richtig liegt, zu der man spontan selbst tendiert. Und man weiß auch, wie aufwendig investigative Reportagen sind, und dass die meisten Redaktionen immer weiter ausgedünnt worden sind. Oft fällt die wichtige Trennwand zwischen Information und Kommentar, vor allem im Fernsehen, das für die meisten Menschen noch die Hauptinformationsquelle ist, wo die Grenze zwischen Journalismus und Unterhaltung verschwimmt. Und man weiß auch, dass im Netz übelste Fehlinformationen und Lügen gleichrangig mit hochwertiger Information stehen, weil es niemanden gibt, der das verifiziert und selbst als vertrauenswürdige Instanz zertifiziert ist. Viele sagen nur: ›Iss so, habe ich im Internet gelesen‹.

Es gibt Menschen, die auch Zeitungen wie dieser oder überregionalen Blättern vorwerfen, zu lügen oder mit »Lücken« zu arbeiten, also wichtige Informationen zu unterschlagen. Das war früher anders. Woher kommt das?

Journalisten und Politiker haben schon lange ein schlechtes Ansehen, werden als Angehörige der »Elite« oder »politischen Klasse« gesehen. Das Körnchen Wahrheit ist die tatsächliche Verstrickung, wodurch auch im Lokaljournalismus viel Berichtenswertes ausgelassen wird. Das größere Problem ist neuerdings, wenn Populisten von Trump über osteuropäische Potentaten bis zur AfD zum Sturm auf »die« Medien blasen, während sie sich selbst ihre eigenen Kanäle geschaffen haben, um eine durch und durch verlogene Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Für Einfluss und Macht wollen sie alle wahrheitsverbürgenden Institutionen madig machen und ausschalten, die ihnen im Weg stehen: zuerst unabhängige Gerichte, neuerdings Kunst und Wissenschaft, und seit Langem die Medien. Das geht bis zu Verhaftungen und Ermordungen, wie man an dem slowakischen Journalisten Ján Kuciak und der maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia gesehen hat und was sich auch in tätlichen Angriffen der »Querdenker«-Bewegung auf Berichterstatter niederschlägt. Deswegen hat Reporter ohne Grenzen, deren Mitglied ich bin, die Lage der Pressefreiheit bei uns nur noch »zufriedenstellend« beurteilt.

Müssen wir uns auch in Europa um die Pressefreiheit mehr Sorgen machen? Auch, weil unter dem Druck manche Journalisten den Mut verlieren …

Und ob! Man muss sich die Entwicklungen in Polen und Ungarn genau anschauen. Caruana Galizia und Kuciak sind in EU-Ländern ermordet worden - wegen ihrer Recherchen über Korruption. In ihrem Geist sollte Journalismus überall praktiziert werden.

Es ist ja so, dass viele Leute, die auf die »Lügenpresse« schimpfen, kein Problem damit haben, an »alternative Fakten« zu glauben. Wie kann man dieser Entwicklung begegnen?

Parallel zur Propaganda gegen die Lügenpresse - bekanntlich ein Nazi-Begriff von Joseph Goebbels, von dem diese Leute viel gelernt haben - verbreiten sich Verschwörungsmythen, die sich in Krisenzeiten noch verstärken. Die Sprecher der »Querdenker« sind im Kern Antisemiten. Sei es, weil sie, wie leider auch Herr Maaßen (CDU), das Grundmuster des Antisemitismus, das gefälschte Protokoll der Weisen von Zion, als Skript nehmen oder eine Verschwörungstheorie wie die von der »Umvolkung« des deutschen Volkes zirkulieren lassen. Eine Hauptaufgabe des Journalismus ist, diese Aussagen fundiert und geduldig zu widerlegen.

Das ist ja immer unsere Aufgabe, aber wir haben das Gefühl, dass wir - da sind wir nicht allein - viele nicht mehr erreichen. Sie lesen nur noch das, was zu ihrer Meinung passt …

Dann müssen Zeitungen, pardon, eben noch besser werden. Die Erfolge der US-Qualitäts-presse in der Ära Trump zeigen, dass es auch anders geht. Das viel größere Problem ist Häppchen-Journalismus auf Twitter-Niveau und eine »Debatte«, die auf solchen Schnipseln aufbaut.

Es gibt Leser, die kritisieren uns hart, wenn wir zum Beispiel beim Thema Corona Zuschriften von Menschen abdrucken, die das Handeln von Bund und Ländern massiv kritisieren, weil sie sich ihrer Rechte beraubt sehen. Wie weit kann Ihrer Ansicht nach Meinungsfreiheit gehen?

Sehr weit. Es gibt wahre Trolls, Miesmacher, die früher an der Leserbriefredaktion gescheitert sind und heute im Netz alles ungekürzt herauskotzen können. Und sich dabei fühlen wie die Geschwister Scholl. Trotzdem müssen wir extreme Meinungen aushalten, solange sie nicht volksverhetzend und beleidigend sind. Voltaire wird das Bonmot zugeschrieben: »Sire, ich teile Ihre Meinung nicht, werde aber alles dafür tun, dass Sie sie äußern können.« Diese Meinung teile ich, auch wenn es schwerfällt.

Was denken Sie, wenn Sie sehen und hören, dass Kinder von ihren Eltern auf eine Bühne gestellt werden, um ins Mikrofon zu sagen, dass sie sich wie Anne Frank fühlen, weil sie ihren Kindergeburtstag nicht feiern konnten?

Dann bin ich fassungslos über diesen Geschichtsverlust und die Bereitschaft, sich zum Opfer zu machen. Und muss geduldig erklären, wer Anne Frank war.

Die »Gießener Allgemeine« ist eine Lokalzeitung, die sich in 75 Jahren immer wieder neu aufgestellt hat. Sie sind Leser der »Allgemeinen«. Würden Sie, wenn Sie entscheiden könnten, den Kurs der Zeitung massiv verändern?

Kursänderung nicht, aber Mut zu kritischen Recherchen. In der Stadt sind oft Geschichten im Umlauf, die ich gerne kritisch-investigativ überprüft in der GAZ lesen würde, die wohl mit Rücksicht auf wen auch immer nicht veröffentlicht werden. Und man müsste stärker bemerken, dass Gießen eine Universitätsstadt ist. Es kommen in diesem Jahrzehnt große politische Herausforderungen wie Nullemissionen bis 2035 auf uns zu, die sich auch lokal auswirken, die Machtkartelle aufbrechen und Routinen unterbrechen. Die Zeitung kann das spiegeln und als Forum der Diskussion am Wandel mitwirken.

Können Sie für die Geschichten, die im Umlauf sind und über die wir Ihrer Meinung nach nicht kritisch-investigativ berichten, Beispiele nennen?

Ich bin kein Whistleblower und würde sagen: Hinweise aus der Bevölkerung sind willkommen.

Was den Wandel in der Stadt betrifft, sind wir am Ball und kommentieren auch kritisch. Aber klar ist auch: Es gibt in keiner Redaktion nur die eine Meinung. Und die Vielfalt macht das Blatt doch auch erst attraktiv. Oder?

Keine Frage, gerade in solchen Fragen ist die Auseinandersetzung ums beste Argument oder Verfahren absolut notwendig. Generell hat sich die Kluft zwischen den Erwartungen der älteren traditionellen Leserschaft und den Haltungen einer deutlich Richtung Grün gegangenen jüngeren Generation und deren Themenerwartungen verbreitert.

Nun lesen nicht alle Menschen so viele Zeitungen wie Sie. Sie nutzen beide Kanäle: Print und Online. Jüngere Menschen setzen da eher auf das Digitale. Hat die gedruckte Zeitung überhaupt noch eine Zukunft?

Ich bin kein Prophet, sehe aber bei jüngeren Menschen eine große und wachsende Distanz. Die Auguren sind gespalten, ihre Prognosen reichen von Untergang (mehrheitlich) bis Renaissance (wenige), ein Mittelweg nahe am Abgrund dürfte hinkommen.

Claus Leggewie kam 1989 als Professor für Politikwissenschaft an die JLU, wo er jetzt die Ludwig- Börne-Professur innehat. Während des Studiums in Köln arbeitete er als Lokaljournalist und publiziert in Tages- und Wochenzeitungen und im Rundfunk. Reportagen führten ihn u. a. nach Bosnien und Algerien. In diesem Herbst ist er Thomas Mann Honorary Fellow in Los Angeles.

Lieber Leserinnen und Leser, die wie die Wetterauer Zeitung im Verlag MDV erscheinende Gießener Allgemeine Zeitung wurde vor 75 Jahren gegründet. Die Kollegen in Gießen schauen in einer Serie zurück auf die Nachkriegsgeschichte. Beiträge, die über das Gießener Lokalgeschehen hinausgehen, drucken wir auch in der WZ ab.



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