29. März 2021, 19:47 Uhr

Haftstrafe nach Gleissabotage

Seine übersteigerte Geltungssucht hat einen heute 52-Jährigen dazu gebracht, Hunderte Schrauben aus einer Schienenbefestigung zu drehen - an einer ICE-Schnellstrecke. So wollte er seinen absurden Forderungen an die Bundesregierung Nachdruck verleihen.
29. März 2021, 19:47 Uhr
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Von DPA
Schienen hoch oben über dem Teißtal: Rund ein Jahr nach der Sabotage an der ICE-Schnellstrecke Frankfurt - Köln wurde heute das Urteil gegen einen 52-Jährigen verkündet. FOTO: DPA

Es hätte verheerend werden können: Ein Mann hat vor rund einem Jahr an der ICE-Strecke Frankfurt - Köln über 250 Schrauben der Schienenbefestigung gelöst - hätte dies niemand bemerkt, wäre ein Zug entgleist. Zu Schaden kam letztlich dank aufmerksamer ICE-Lokführer keiner; der Täter wurde gestern vom Wiesbadener Landgericht unter anderem wegen versuchten Mordes zu einer Haftstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt.

Immer wieder sagte der Vorsitzende Richter bei seiner Urteilsbegründung zwei Worte: »übersteigerte Geltungssucht«. Diese hatte nach Überzeugung des Gerichts den heute 52-Jährigen, bei dem ein Psychiater in dem Prozess eine dissoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hatte, zu der Tat getrieben. Aus dieser Sucht heraus schickte der grauhaarige Mann, der wegen einiger seiner 22 Vorstrafen schon einige Jahre im Gefängnis gesessen hat, bereits 2018 etliche Schreiben unter anderem an das Bundeskanzleramt, in denen er laut Richter »wilde Geschichten« schilderte.

Terroristen hätten ihm mitgeteilt, sie planten einen Anschlag auf eine ICE-Strecke, schrieb er. Nur er könne die Tat verhindern. Dafür verlange er 88,385 Milliarden Euro zuzüglich unter anderem lebenslanges kostenloses Bahnfahren sowie diverse »weibliche Gespielinnen«. Nicht auf ein einziges seiner Schreiben erhielt er eine Antwort, und so wollte er nach Überzeugung des Wiesbadener Landgerichts seinen Forderungen mit einer Tat Nachdruck verleihen. Wie die Ermittlungsbeamten später feststellten, recherchierte er im Internet, wie Gleisarbeiten ausgeführt werden und wann auf der ICE-Strecke Frankfur - Köln Züge fuhren. Den später betroffenen Streckenabschnitt bei Niedernhausen nahe Wiesbaden schaute er sich auf einer virtuellen Landkarte ganz genau an.

Jeweils mitten in der Nacht war dort für jeweils vier Stunden Ruhe auf den Gleisen. Der Mann mietete sich in einem Hotel in der Nähe unter falschem Namen ein und nutzte die Nacht, um am Gleis mit einem Vierkantschlüssel insgesamt 254 Schrauben zu lösen, was laut Richter »erschreckend einfach war«. Die Konsequenzen seines Tuns waren ihm laut Richter dabei völlig klar. Strafmildernd wertete das Gericht, dass er nach der Tat zumindest versucht hatte, die Behörden zu warnen. Die Katastrophe wurde schließlich dadurch verhindert, das am 20. März 2020 Lokführer ein seltsames Verhalten ihrer ICE meldeten. Die Strecke wurde sofort gesperrt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 400 Züge mit einem Tempo von bis zu 300 Kilometern pro Stunde über die lose Schiene gedonnert. Ein Sachverständiger berechnete, dass es nur noch wenige Züge gebraucht hätte, bis ein ICE entgleist wäre - und das in der Nähe einer Brücke und einer Tunneleinfahrt.



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