01. Juni 2021, 21:00 Uhr

Gartenlust, die erdet

Gärtnern macht angeblich glücklich und bildet einen Ausgleich zur Lohnarbeit. Es bietet aber auch ein einfaches Mittel, um den Hitzewellen und dem Klimawandel in der Stadt zu begegnen. Seit Mai 2020 waren Kuratoren des Stadtlabors unterwegs, haben in Frankfurter Gärten recherchiert und die Ausstellung »Gärtnern jetzt!« erarbeitet.
01. Juni 2021, 21:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Frankfurt soll noch grüner werden - Das ist das Ziel der Ausstellung »Gärtnern Jetzt!«, die den Blick auf die verschiedenen Möglichkeiten lenkt, in der Stadt zu gärtnern. FOTO: STEFANIE KÖSLING FOTOGRAFIE

Welche Motivation steckt hinter dem Gärtnern? Wo steht die Gartenarbeit im Spannungsverhältnis von Lohnarbeit, Aktivismus und Freizeit, Individualismus und Gemeinschaft, Eigentum und Kollektivierung, Idealismus und Pragmatismus? Und: Hilft Grün in der Stadt, Hitzewellen erträglicher zu machen?

Wer an Frankfurt denkt, hat oft Hochhäuser vor Augen. Tatsächlich ist Frankfurt aber eine grüne Stadt, die allein über mehr als 40 Parks verfüge, wie Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bei der Eröffnung der Ausstellung »Gärtnern jetzt!« des Stadtlabors im Historischen Museum hervorhob. Der im Titel enthaltenen Aufforderung, die Stadt noch grüner zu machen, folgen immer mehr Frankfurter. Allein an der Entwicklung der Schau haben sich mehr als 50 Gärtner beteiligt. »Mein Garten ist ein Refugium der Normalität in der Pandemie. Meine Tulpen blühen jedes Frühjahr, egal, was passiert«, zitiert Susanne Gesser, die Leiterin des Stadtlabors, aus einem Gespräch mit einer Hobbygärtnerin. »Gärtnern ist in der Pandemie zu einem Lifestyle geworden«, bestätigt Katharina Böttger, die Kuratorin der Ausstellung.

Und die Frankfurter gärtnern längst nicht nur in ihren eigenen (Klein-)Gärten. Sie bringen sich in Schulgärten und Gemeinschaftsgärten, beispielsweise bei den »Krautgärtnern« in Oberrad ein, sie pflegen sogenanntes Straßenbegleitgrün, wie etwa Gertraude Friedeborn in der Ernst-May-Siedlung, gießen in heißen Sommern Straßenbäume oder werfen als »Guerilla Gardeners« Samenbomben. Das und auch die politische Dimension des Gärtnerns spiegelt sich in der Ausstellung des Stadtlabors, das zugleich ein Ausstellungsformat und eine Forschungsmethode ist.

Doppeljubiläum ist Anlass

Stadtlaboranten, also Frankfurter, finden sich im Stadtlabor für ein bestimmtes Thema zusammen, um ihre Geschichten zu erzählen und ihre Anliegen zu präsentieren. Beim Thema »Gärtnern« war der Andrang groß. Der Workshop, mit dem die Arbeiten für die Ausstellung begannen, musste wegen der großen Teilnehmerzahl gleich zweimal angeboten werden, erzählt Kuratorin Böttger. Und hinter den mehr als 50 Gärtnern, die sich beteiligten, stünden ebenso viele Vereine, Projektgruppen und Initiativen mit vielen Mitgliedern.

»Gärtnern jetzt!« ist Teil einer Ausstellungstrias, zu der die kulturgeschichtliche Ausstellung »Frankfurter Gartenlust« sowie »Umwelt, Klima und Du«, eine interaktive Ausstellung für Kinder und Jugendliche im Jungen Museum des Historischen Museums, gehören. Die beiden letztgenannten Ausstellungen, die bereits im Frühjahr eröffnet wurden, werden bis 10. Oktober verlängert, da sie wegen der coronabedingten Schließung der Museen bislang kaum jemand anschauen konnte, wie Museumsdirektor Jan Gerchow sagt. Sein Haus ist seit Dienstag wieder geöffnet. Anlass für die Ausstellungstrias im Historischen Museum ist ein Doppeljubiläum: Der Palmengarten feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen und der Frankfurter Grüngürtel wurde vor 30 Jahren als einer der ersten städtischen Grüngürtel der Welt begründet.

Wie wichtig Gärten etwa für die Ernährung und Selbstversorgung sind, veranschaulicht in der Stadtlabor-Ausstellung ein Objekt in Form eines Baumes. Unter dem Titel »Alles außer Apfelwein« zeigt die Hobbygärtnerin Hildegard Kammer dort, was sie alles aus den Früchten ihres 100-jährigen Apfelbaumes machen kann. Und das ist ganz erstaunlich viel.

Mit dem Ort auseinandersetzen

Zur Stadtlabor-Ausstellung »Gärtnern jetzt!« im Rahmen von »Die Stadt und das Grün« am Historischen Museum Frankfurt führt Kathrin Dröppelmann, Architektin und Künstlerin, an sieben Orte, an denen beteiligte Stadtlaboranten der Ausstellung gärtnern. An Ort und Stelle hören die Teilnehmer Interviews, atmosphärische Aufnahmen und werden angeregt, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Sie erfahren, welche Bedeutung Grünflächen für die Stadt haben, was das Gärtnern mit städtischer Ernährungssouveränität zu tun hat und wie Städter sich engagieren können.



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