21. April 2021, 20:58 Uhr

»Fortschritte werden pulverisiert«

21. April 2021, 20:58 Uhr
Engagiert für arme Länder: Thorsten Schäfer-Gümbel ist heute für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit tätig. ARCHIVFOTO: DPA

Eschborn - Kontakte mit Asien hatte der frühere hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel schon im Auftrag der SPD gepflegt, als er noch politische Ämter innehatte, zum Schluss das des kommissarischen SPD-Bundesvorsitzenden. Auch in Flüchtlingslagern im Nordirak verschaffte er sich einen Eindruck von der Not und Armut in der Welt. Vor nunmehr rund anderthalb Jahren wechselte der Licher beruflich in die Entwicklungszusammenarbeit - als Arbeitsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den armen Ländern beobachtet er mit großer Sorge.

Herr Schäfer-Gümbel, wie funktioniert Entwicklungshilfe in Corona-Zeiten?

Unsere Arbeit ging und geht auch während der Pandemie weiter. Doch es wird sehr viel digital gearbeitet - vom Austausch über die Konzeptarbeit bis zur konkreten Zusammenarbeit mit unseren Partnern weltweit. Aber wir sehen auch klar die Grenzen. Denn Entwicklungszusammenarbeit ist vor allem Zusammenarbeit zwischen Menschen. Das heißt: Unsere Arbeit in Projekten und in den Partnerländern findet nach wie vor vielfach analog statt.

Wie gefährlich ist die Arbeit in der Entwicklungshilfe in Corona-Zeiten?

Um das fortlaufend einschätzen zu können, haben wir bereits im Februar 2020 einen Krisenstab eingerichtet. Dort werden aktuelle Entwicklungen besprochen und Entscheidungen getroffen. Wir sind vorsichtig gewesen und haben zum Beispiel entsandtem Personal, das zu Risikogruppen gehört, auf Wunsch eine Ausreise organisiert. Das galt insbesondere in Ländern mit besonderer Sicherheitslage wie Afghanistan, wo die Kolleginnen und Kollegen in einer Compound-Unterkunft sehr eng zusammenleben. Auch ist die medizinische Versorgung in vielen Ländern sehr problematisch. Mit diesem Risiko müssen wir ständig umgehen. Es gab auch medizinische Evakuierungen.

Gibt es Länder, aus denen Sie Ihre Beschäftigten abziehen mussten, weil es gesundheitlich zu gefährlich ist?

Nein. Wir haben zu keinem Zeitpunkt weniger als circa 60 Prozent der entsandten Kolleginnen und Kollegen draußen gehabt, das ist im internationalen Vergleich eine sehr hohe Präsenz.

Welches Ausmaß haben Infektions- und Todesfälle in Ihren Reihen?

Global gab es viele erkrankte Beschäftigte, und es gab leider auch einige Todesfälle bei nationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das hat viele sehr bewegt. Die Pandemie ist deutlich spürbar. Doch verläuft sie je nach Land auch sehr unterschiedlich. Es gibt eine große Ungleichzeitigkeit in den Entwicklungen: Die Situation in Brasilien hat sich wieder sehr zugespitzt, ähnlich in Indien. In anderen Ländern ist die Situation zwischenzeitlich deutlich entspannter, etwa in Vietnam.

Wie erleben Sie vor diesem Hintergrund die deutsche Debatte?

Wir haben bei allen Problemen und Herausforderungen, die ich nicht kleinreden will, im internationalen Vergleich eine behütetere Situation. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem. Wir haben einen Staatshaushalt, mit dem wir große Maßnahmen auf den Weg bringen können. Wir haben ein funktionierendes Gemeinwesen, bei aller Kritik im Einzelnen. In anderen Ländern werden soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungsfortschritte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte dagegen pulverisiert. Die internationalen Herausforderungen der nächsten Jahre werden enorm. Es macht mich immer wieder demütig zu sehen, dass die Probleme woanders wesentlich größer sind.

Sie haben 2019 Ihr Amt angetreten, ein halbes Jahr vor Beginn der Pandemie. Haben Sie Projekte vor Ort besuchen können?

Ich bin kurz nach meinem Antritt nach Afghanistan gereist, nach Kabul und Masar-i-Sharif. Das ist sicher einer der schwierigsten Standorte überhaupt. Im ersten Quartal 2020 war ich zunächst in Myanmar und Indonesien und danach in Guatemala und Kolumbien. Für mich war es ein bewegender Moment, auf der Brücke zwischen Venezuela und Kolumbien in Cúcuta zu stehen, diesem berüchtigten Grenzübergang. Wenn man in diesem Strom von Menschen - man kann das bei 30 000 Menschen täglich nicht anders sagen - steht, relativieren sich Einsichten und Einschätzungen. Meine geplanten Reisen nach Ägypten und Kenia konnten leider pandemiebedingt nicht mehr stattfinden.

Verschieben sich durch die Pandemie die Akzente in der Entwicklungszusammenarbeit?

Teilweise. Das Thema Gesundheitsversorgung spielt inzwischen wieder eine herausragende Rolle. Zugleich sind die sozialen, ökonomischen und kulturellen Folgen gravierend. Wir sehen den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Biodiversität und pandemischem Geschehen. Wir werden sehr viel stärker integrierte und interdisziplinäre Ansätze brauchen. Daran arbeiten wir.

Wie vermeiden Sie es, mit Geld aus der Entwicklungsarbeit autokratische Regime zu unterstützen? Wie kann man etwa in Myanmar, das sich wieder in Richtung Militärdiktatur bewegt, Entwicklungszusammenarbeit fortsetzen?

Die Bundesregierung hat dazu eine klare Orientierung gegeben, die ich für richtig halte. Wir setzen die Maßnahmen aus, die unmittelbar im Regierungszusammenhang stehen. Wir setzen aber diejenigen Maßnahmen fort, die auf Zivilgesellschaft orientiert sind. Das gilt in Myanmar in den Zufluchtstätten der Rohingya.

Sie waren Politiker mit Herzblut. Vermissen Sie es, Einfluss auf die Politik nehmen zu können?

Mein Grundsatz lautet: Ich gebe Ratschläge, wenn ich gefragt werde. Ich bin mit einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus der Politik im Austausch, aber nur nicht öffentlich. Ansonsten bin ich ein sehr interessierter Beobachter. Ich lese drei Tageszeitungen. In der Regel zuerst den Politikteil, und zwar in folgender Reihenfolge: erst den hessischen, dann den Mantelteil, dann den kommunalen. Nur am Montag kommt zuerst der Sport dran. Pitt von Bebenburg

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