22. Oktober 2021, 21:36 Uhr

Feuchte CO2-Speicher

Moore sind viel mehr als eine feuchte Wiese. Sie leisten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. In Hessen sollen Moore künftig besser geschützt werden.
22. Oktober 2021, 21:36 Uhr
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Von DPA
Gummistiefel gehören zur wichtigsten Arbeitsausrüstung von Moorforscher Christian Heller. Der Wissenschaftler sammelt Bodenproben in hessischen Mooren. Durch ihre Fähigkeit, CO2 zu binden, leisten intakte Moore einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. FOTO: DPA

Auf einer beschaulichen Wiese mitten in der hügeligen Landschaft nördlich von Marburg herrscht ungewöhnlich reger Betrieb. Mehrere Menschen haben sich rund um ein quadratisches Loch im Boden gruppiert. In dem Loch steht Christian Heller. Nur sein Kopf schaut heraus, das Grundwasser schwappt an den Sohlen seiner Gummistiefel hoch. Der Wissenschaftler arbeitet für das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) und nimmt Bodenproben bis in zwei Meter Tiefe. Denn was für den Laien nur wie eine feuchte Wiese aussehen mag, ist für den Experten eine hochinteressante Fläche: ein Niedermoor.

Moorböden speichern überdurchschnittlich viel des Treibhausgases Kohlendioxid und sind daher im Kampf gegen den Klimawandel besonders schützenswert. »Während ein durchschnittlicher Ackerboden umgerechnet etwa 200 Tonnen CO2 pro Hektar speichert, ist es in einem Moor oft mehr als das Zehnfache«, erläutert Heller. Wird allerdings ein Moor trockengelegt, dann gelangt das klimaschädliche Gas in die Umwelt.

Die Proben, die die Wissenschaftler hier am Rande des mittelhessischen Burgwaldes nahe Oberrosphe aus dem Boden holen, sollen unter anderem Aufschluss geben über die Zusammensetzung und Größe des Niedermoores und dessen gespeicherter CO2-Menge. Mit den Daten sollen die Niedermoore des Landes neu kartiert werden. »Es ist wichtig, mehr über die Flächen zu erfahren, um sie besser schützen zu können«, sagt der Bodenkundler.

Die Experten setzen unter anderem eine Moorklappsonde zur Bohrung ein. In der Probe ist der tiefdunkle Moorboden aus Torf deutlich von den helleren mineralischen Bodenschichten aus Sand zu unterscheiden. Man kann ihn ausdrücken wie einen Schwamm und sieht Pflanzenfasern und kleine Holzstöckchen, die nahezu unversehrt sind.

Hessen zählt wegen seiner Geologie neben Thüringen zu den Bundesländern mit der geringsten Moorfläche, wie Heller erläutert. Rund 0,2 bis 0,3 Prozent der Landesfläche seien von Mooren bedeckt, viele liegen außerhalb von Naturschutzgebieten.

Experten unterscheiden zwischen den vom Regen gespeisten Hochmooren und Niedermooren, die ihre Feuchte auch aus dem Grundwasser beziehen. In Hessen gibt es überwiegend Niedermoore. Sie sind gefährdet, wenn beispielsweise Wiesen mit Gräben entwässert werden.

Beim Naturschutzprojekt »60 hessische Niedermoore« ist inzwischen für mehr als ein Dutzend Standorte eine Renaturierung konkret geplant, wie das Umweltministerium erklärt. Das von der Naturschutzbund-(NABU-)Stiftung Hessisches Naturerbe betreute und vom Ministerium finanzierte Vorhaben ist Teil des Klimaschutzprogramms des Landes. Seit Projektbeginn im Mai 2020 konnten bislang rund 14 mögliche Standorte für eine Renaturierung identifiziert werden. Ziel ist es, möglichst viele Standorte durch Revitalisierung zu erhalten.

»Saure Niedermoore haben vier wichtige Funktionen für den Klima- und Artenschutz«, heißt es beim NABU. Neben der langfristigen Speicherung von Kohlendioxid halten sie das Wasser wie ein Schwamm in der Landschaft - etwa als Puffer für Wetterextreme. Außerdem sorgten sie als »Nieren der Landschaft« für sauberes Grundwasser und beherbergen viele Tier- und Pflanzenarten, die zu den Verlierern des Klimawandels zählen.

Trotz dieser großen Bedeutung, drohen diese Lebensräume in Hessen verloren zu gehen. Von den ursprünglich 155 in Hessen erfassten sauren Niedermoorflächen waren laut einer vom NABU zitierten Studie aus dem Jahr 2017 bereits ein Viertel der Gebiete vollständig verschwunden, mehr als die Hälfte gefährdet.



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