15. Juli 2021, 20:30 Uhr

»Es war klar, dass ich Friseur werde«

Manche Menschen haben Glück im Leben. Viele nehmen das bescheiden und demütig als Geschenk. Andere sind der Meinung, dass sie sich dieses Glück verdient haben. Aber bekommt jeder wirklich das, was er »verdient«? Im Guten wie im Schlechten? Sicher nicht. Günter Seth sagt über sich, dass er ein sehr gutes, ein erfülltes Leben hatte. »Besser, als ich es verdient habe.« Klingt wohltuend ehrlich. Wie das genau war mit dem Glück in Seths Leben, davon handelt diese Geschichte.
15. Juli 2021, 20:30 Uhr
braeuning_bb
Von Burkhard Bräuning

Günter Seths Lebensweg war nicht bis ins Kleinste vorgezeichnet. Aber es war früh klar, was er beruflich einmal werden würde: Friseur. Seine Eltern Karl und Luise Seth hatten 1930 in Großen-Linden einen Salon eröffnet. Acht Jahre später wurde Sohn Günter geboren. An das Ende der Kriegszeit kann er sich gut erinnern. Viele Männer aus seiner Familie seien an der Front gewesen, auch sein Vater. »Dass alle nach Hause kamen, war für uns ein Geschenk Gottes. Oder auch Glück, wie man es sehen will«, sagt Seth. »Es war auch uns Kindern klar, was Krieg bedeutet. Wir spürten die Not am eigenen Leib, aber unsere Eltern haben alles dafür getan, dass es uns gut ging, dass wir genug zu essen hatten.« Seth schweigt einen Moment, dann sagt er: »Wir hatten kein gekauftes Spielzeug, aber wir hatten Abenteuerspielplätze. Die waren draußen, vor allem in der Natur. Unsere Spielplätze waren die Straßen, die Felder und Wälder. Wie oft haben wir Fußball gespielt.«

Am Ende des Krieges machte das Glück in Seths Leben eine Pause. Mit furchtbaren Folgen. Soldaten hatten in der Gemarkung ihre Waffen weggeworfen. »Mit denen haben wir dann auch gespielt«, sagt Seth. Aus dem Spiel wurde Ernst: Ein Freund kam beim Hantieren mit einer Panzerfaust ums Leben. Ein Schock.

Ein Jahr vor Kriegsende war Seth eingeschult worden - »in einer Rumpelschule«, wie er sie nennt. Er sei ein schmächtiger Junge gewesen. »Aber die Schulzeit war schön, und das Lernen ist mir leichtgefallen. Ich hatte immer gute Zeugnisse.« Eine Lehrstelle musste er sich nicht suchen. Er absolvierte eine Ausbildung im Salon der Eltern. Nach dem Ende der Lehrzeit schaffte Seth auch schnell die Meisterprüfung. »Es hätte ja ganz anders sein können, aber mir machte der Friseurberuf tatsächlich Freude.« Zwischen all dem leistete er 1960 in der Gießener Bergkaserne seinen Pflichtdienst bei der Bundeswehr ab. Zunächst eher widerwillig. Dann aber mit viel Freude - als Sanitäter im Lazarett.

Nach dem Ende der Bundeswehrzeit arbeitet er in der Friseurinnung an vorderster Stelle mit. Seth war im Prüfungsausschuss, dann im Vorstand und schließlich wurde er Chef der Innung. »Zehn Jahre habe ich das gemacht, in der Zeit haben wir unter anderem zum 100-jährigen Bestehen der Innung ein großes Fest organisiert und Hessenmeisterschaften in Gießen in der Kongresshalle ausgerichtet. Ja, ich konnte einiges bewegen.« Wie Seth das sagt, klingt es eher bescheiden, kein bisschen nach Eigenlob. Haare geschnitten hat er trotz dieser vielen Aufgaben auch, war immer nah an der Praxis. Gleichwohl habe er als Friseur »nicht jede Mode mitgemacht. Es ist doch klar: Nicht jede Frisur passt zu allen Menschen. Köpfe und Gesichter sind eben unterschiedlich, es ist ja auch bei Kleidung nicht jede Mode für jeden tragbar«.

Es kursieren viele Klischees über Friseure und Friseurinnen. Manche Menschen sagen, Friseure seien Seelsorger und Geheimnisträger. Andere sind der Meinung, Friseure seien schlecht verdienende Psychologen. Für Seth gehört das alles ins Reich der Fantasie. »Ja, ich höre zu, aber ganz ehrlich: Es geht meist um Belangloses. Und mein Vater hat mir oft gesagt: Mit Kunden darfst du nicht über andere Leute reden. Diesen Rat habe ich befolgt.«

Er sei kein schüchterner Mensch, aber die Liebe seines Lebens habe er erst relativ spät gefunden, erzählt Seth. »Meine Schwester hat das ein bisschen forciert.« Und es hat geklappt: Bei der Übergabe von Gesellenbriefen war es eine der ausgezeichneten jungen Frauen, die sein Herz gewann. Bald wurde geheiratet. Die Familie wurde schnell größer. »Heute schauen wir stolz auf unsere zwei Kinder, vier Enkel und einen Urenkel.«

»Zu meinen großen Leidenschaften gehörte der Chorgesang. Da habe ich seit 1954 bis einschließlich Corona beim Gesangverein Harmonie in Großen-Linden einiges mitgestaltet und vorangetrieben.« Er war 2. Vorsitzender, Sänger, Leiter von Kinderchor und Jugendgruppe, dazu Motivator von Nachwuchsgruppen im Umfeld. Ähnlich engagiert war er im Karnevalverein Großen-Linden - als Sänger, Büttenredner und Vorstandsmitglied. Er war einer der maßgeblichen Gründer und Förderer des Kinderkarnevals im Karnevalverein »Harmonie« - und im Shanty-Chor sang er auch

Ja und dann war da noch eine ganz andere Geschichte. Es klingt eher leidenschaftslos, als Seth sagt: »1962 fing das mit den Rebläus an.« Und er fasst kurz zusammen, was eigentlich Stoff für tagelange Erzählungen bieten würde. »Die Rebläus waren eine Musikgruppe. Wir waren zwölf Personen, neun Männer und drei Frauen. Und wir haben alles gemacht, was es im Bereich Popmusik gab.« Seth schweigt einen Moment. Dann legt er richtig los: »Wir waren dreimal in den USA, sind in wirklich großen Hallen aufgetreten, waren im ABC Frühstücksfernsehen. Wir waren in New York, in San Francisco, standen an den Niagarafällen, und wir staunten im Yosemite-Nationalpark. Hier zu Hause absolvierten wir unzählige Auftritte und haben, als Helmut Schmidt in Gießen war, 20 000 Menschen unterhalten. Und wir waren jahrzehntelang das Flaggschiff des Großen-Lindener Karnevals.« Seth macht eine Pause, atmet tief durch. Das mit den Rebläus war also ein richtig großes Ding. »Auch hier war Glück dabei«, sagt Seth. »Zur kleinen Anfangsformation kamen nach und nach talentierte Musiker und Sänger hinzu. Und dann waren wir irgendwann eine richtig gute Musikgruppe.«

Seth war oft unterwegs - für die Innung, die Vereine, mit den Rebläus und auch privat. »Reisen ist schön, aber am liebsten bin ich hier zu Hause, in Großes-Linden.« Dort suchte und fand er Gesellschaft, hatte stets Kontakt zu Freunden, aber auch die Familie war ihm wichtig. Trotzdem habe er sie oft vernachlässigt. Und das führte dann auch zu Problemen. »Unterm Strich hat aber alles besser geklappt, als ich es verdient habe. Vielleicht half mir meine positive Lebenseinstellung.« Und sein Glaube an Gott. »Ich bin sicher, dass es ihn gibt. Aber ich akzeptiere natürlich auch andere Religionen.«

Heute schaue er auf »ein langes und schönes Leben« zurück. »Dafür bin ich dankbar. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, viele meiner Träume haben sich erfüllt.« Nun möchte er gesund bleiben und »noch ein paar Jahre leben«. Den Tod fürchte er nicht. »Mit 82 muss man keine Angst mehr vor dem Tod zu haben«, sagt er und erzählt schnell noch einen Witz über Friseure. Wie er war? Wirklich lustig. Aber er bleibt für immer ein Geheimnis zwischen Friseur und Redakteur. Denn beide hören viel, erzählen auch gern, aber sie reden nicht schlecht über andere Leute. Wirklich? Nein, war nur ein Scherz.

»All das«, sagt Seth, »hätte ich nie geschafft ohne meine Ehefrau. Wir haben uns, wie schon erwähnt, erst spät gefunden, aber ich bin sicher: Wir waren füreinander bestimmt. Sie war und ist mein größtes Glück.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos