11. Mai 2021, 20:16 Uhr

»Es ist, als wären wir nicht da«

Absagen oder weiterplanen? Für Festivalveranstalter stellt sich derzeit diese Frage. Viele haben sich schon entschieden - für die Absage. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und übersehen. Ein Aktionsbündnis soll jetzt für mehr Aufmerksamkeit sorgen.
11. Mai 2021, 20:16 Uhr
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Von Katrin Hanitsch
Solche Bilder wird es wohl auch in diesem Jahr nicht geben. Die hessischen Festivalveranstalter wollen endlich wissen, ob und unter welchen Bedingungen sie Konzerte organisieren können. Damit ihre Botschaft in der Politik ankommt, haben sie sich zusammengeschlossen. ARCHIVFOTO: HARALD FRIEDRICH

Sie sind ratlos, wütend und verzweifelt. »Die Lage jetzt ist keine andere als im vergangenen Jahr«, fasst Merlin Jost vom Trebur Open Air zusammen. Die Veranstalter wissen nicht, ob und unter welchen Bedingungen sie im Sommer Festivals ausrichten können. Entsprechende politische Verordnungen gibt es nicht, Verträge laufen aber und müssen rechtzeitig gekündigt werden. Sonst bleiben die Veranstalter auf den Kosten sitzen. Um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, hat Jost das Aktionsbündnis »Festivals in Hessen« initiiert. Innerhalb weniger Wochen haben sich 42 Festivals zusammengeschlossen und ein Positionspapier entworfen, durch das sie mit der Politik ins Gespräch kommen wollen.

Die Voraussetzungen sind ganz unterschiedlich, es sind große Veranstaltungen dabei wie das Open Flair in Eschwege, aber auch ganz kleine; solche, die auf erwirtschaftete Gewinne angewiesen sind, und solche, die komplett ehrenamtlich organisiert werden. Auch musikalisch ist die Bandbreite groß. Eines ist ihnen allen gemeinsam: »Wir fordern Planungssicherheit«, sagt Sabine Glinke, Veranstalterin von Gleiberg rocks.

Dafür hat das Bündnis drei Forderungen gestellt. Zum einen verlangen die Veranstalter Transparenz von der Politik. Dazu zähle ein regelmäßiger Austausch, konkrete Ansprechpartner, Rückmeldungen auf Hygienekonzepte, das Einbeziehen der Veranstalter in die Erstellung von Richtlinien und eine eindeutige Sprache. Beispielsweise sei noch immer völlig unklar, was genau eigentlich eine »Großveranstaltung« ist, sagt Jost.

Zum Zweiten fordern die Bündnispartner Planungssicherheit mit klaren Rahmenbedingungen, etwa zum Öffnungsablauf und den notwendigen Maßnahmen. Zudem wollen sie Ausgleichszahlungen in Höhe von 90 Prozent für die restliche Saison erreichen, um geringere Einnahmen und bereits angefallene Planungskosten auffangen zu können.

Der dritte Punkt, der den Veranstaltern wichtig ist, betrifft nachhaltige Förderprogramme. Beim aktuellen Programm des Landes Hessen mit dem Titel »Ins Freie« fallen die etablierten Festivals durch das Raster, sagt Jost. Gerade bei Festivals, die auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen angewiesen sind, sei ein mehrwöchiges Konzept, wie es hier gefordert wird, nicht durchführbar. »Das geht an der Realität von uns allen vorbei.« »Wir müssten ein komplett neues Konzept auflegen«, stimmt Rike Kochem vom Tropen Tango Festival in Lorch zu. Und Dirk Klinner vom Besser als nix im Rheingau ergänzt, er habe in Zusammenarbeit mit zwei Vereinen versucht, das Konzept umzusetzen, aber »selbst wenn man das plant, funktioniert das nicht«. Zu hoch sind die Hürden.

Jost betont, es gehe nicht darum, an der Notwendigkeit von Einschränkungen und Hygienevorschriften zu zweifeln. Es gebe sehr viele Ansätze, die Hygieneverordnungen umzusetzen, angefangen von Tests für die Besucher bis zur Aufteilung des kompletten Festivalgeländes, um die Gruppen kleiner zu halten. »Jeder geht mehr oder weniger seinen eigenen Weg, deshalb wäre es so wichtig, dass die Konzepte gelesen werden.« Klar sei aber auch: »Die Hygienemaßnahmen bringen weniger Umsätze und höhere Kosten.«

»Es ist, als wären wir nicht da«, sagt Glinke. Die wirtschaftlich orientierten Veranstalter werden nicht als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen, die ehrenamtlichen Festivals nicht als erhaltenswerte Kunst. Das soll sich jetzt ändern. Das Positionspapier sei an die Landtagsabgeordneten verschickt, es gebe erste Gespräche, berichtet Jost.

Die Veranstalter hoffen jetzt auf schnelle Zusagen. Denn ihnen läuft die Zeit davon. Für die Festivals, die im August stattfinden sollen, bleiben noch etwa drei Wochen, sagt Jost. Dann muss eine Entscheidung getroffen werden. Im Zweifel wohl für die finanzielle Schadensbegrenzung.



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