08. September 2021, 20:45 Uhr

Es gackert, muht und grunzt

Der Hessenpark ist kein Streichelzoo, auch wenn auf dem 65 Hektar großen Gelände nahe Neu-Anspach nicht nur mehr als hundert historische Häuser stehen, sondern auch allerlei Tiere leben, die einst für die Region typisch und wichtig waren. Doch viele von ihnen wurden im Laufe der Zeit verdrängt. Davon erzählt Jenny Rehs in ihrer Führung »Das liebe Vieh«.
08. September 2021, 20:45 Uhr
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Aus der Redaktion

Drei Esel trotten gemächlich hinter dem Gesträuch hervor. Eigentlich wurden sie erst an den Windmühlen erwartet, just aber drehen sie eine Runde im Hessenpark, Mitarbeiterinnen des Freilichtmuseums führen sie am Halfter, eines der Tiere trägt einen Packsattel. Einst waren Esel in Deutschland gängige Last- und Zugtiere, trittsicher schleppten sie Getreide- und Mehlsäcke auch durch unwegsames Gebiet. Derlei Plackerei bleibt den Stuten Maja, Lena und Lisa erspart, doch ein bisschen Übung kann ja nicht schaden. Vorsichtig nähern sich die Kinder den Eseln und kraulen sie an Hals und Schopf. »Oh, wie weich«, stellen sie fest. Und: »Wie süß.«

Possierlich ist auch das Kaninchen, das im nahen Gehege herumhoppelt, ein Meißner Widder mit schwarzbraunem Fell und langen Hängeohren. »Diese Kaninchen waren einmal sehr beliebt, heute zählen sie zu den bedrohten Haustierrassen«, sagt Jenny Rehs. Bis in die Fünfzigerjahre hätten vor allem Menschen, die kein Weideland besaßen und sich kein Großvieh leisten konnten, sie geschätzt »als Pelz- und Fleischlieferant«, erklärt sie der nun betreten dreinblickenden Gruppe. »Früher wurden Tiere nämlich nicht gehalten, um sie zu streicheln.«

Reise in die Vergangenheit

Im Hessenpark stehen nicht nur mehr als hundert historische Häuser, sondern dort leben auch viele Tiere leben, die einst in der Region gebraucht wurden und jetzt kaum mehr vorkommen, weil sie den Ansprüchen der modernen Landwirtschaft nicht mehr genügten. Jenny Rehs führt ihre Gruppen unter dem Motto »Das liebe Vieh« auf dessen Spuren quer durch den Hessenpark, der sich als zertifizierter »Arche-Park« dem Schutz und Erhalt alter Nutztierrassen verschrieben hat und diese gezielt züchtet. Den Meißner Widder zum Beispiel. Oder das Rote Höhenvieh, das Rhönschaf und das Vorwerkhuhn.

Rehs ist oft mit Publikum in dem Freilichtmuseum im Taunus unterwegs. Die Fachwerkhäuser bilden die Kulisse für kleine Stücke und Führungen, in denen die gelernte Schauspielerin und Theaterpädagogin den Alltag der Landbevölkerung in vorigen Jahrhunderten darstellt. Und in diesem spielte das liebe Vieh eine große Rolle. »Alle Tiere auf dem Bauernhof hatten einen Zweck«, sagt Jenny Rehs. Sie waren Bewacher, Beschützer oder Schädlingsbekämpfer, dienten als Arbeitskraft und bereicherten den Speiseplan. »Tiere waren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens.«

Wie eng das Verhältnis zwischen Mensch und Vieh zuweilen war, erläutert Rehs am 1709 erbauten Einhaus aus Mademühlen. »Da war alles unter einem Dach: Das Wohnhaus und der Stall.« Der Vorteil: »Die Menschen waren schnell bei den Tieren.« Der Nachteil: Die Tiere waren auch schnell bei den Menschen. »Und es hat manchmal ziemlich gestunken.«

Jede Menge Platz und Freiheit

Mief dünstete mitunter auch der Misthaufen aus, der gern für alle sichtbar im Hof aufgetürmt wurde, je höher, desto besser. »Ein großer Misthaufen war ein Zeichen, dass der Bauer viele Tiere hatte und wohlhabend war.« Ein Statussymbol - »so wie heute ein dickes Auto«. Da kann das Häuflein auf dem Holzkarren hinterm Zaun nicht gegen anstinken. Dafür stolziert ein Hahn wie aus dem Bilderbuch darauf herum, seine Hennen scharren am Boden nach Futter. Wie das Vorwerkhuhn war auch das Altsteirer Huhn früher weit verbreitet in Deutschland. Heute sind beide Rassen fast ausgestorben, weil die hochgezüchteten Legehennen und Masthähnchen der Massentierhaltung mehr Leistung bringen: Mehr Eier und Fleisch in kürzerer Zeit. Rehs erläutert anhand eines DIN-A4-Blattes, wie viel Platz ein Huhn in der Legebatterie hat. Im Hessenpark darf das Federvieh tagsüber frei herumlaufen.

An einem Gebäude drängen sich vier Jugendliche an der Stallluke und halten ihre Handys hinein. Als die Fotosession beendet ist, kann auch die Führungsgruppe einen Blick auf den Zuchterfolg des Deutschen Sattelschweins werfen: Eine Sau und ein halbes Dutzend Ferkel strolchen im Stall durchs Stroh. Rehs zieht ein paar Dinge aus ihrer Umhängetasche. »Was ist alles vom Schwein?«, fragt sie die Kinder. »Die Borsten vom Pinsel«, weiß die siebenjährige Amali. »In Gummibärchen ist Gelatine«, sagt ihr Bruder Milan. »Die wird aus Knochen gewonnen.« Aber zum Glück, schiebt der Elfjährige noch leise nach, gebe es ja auch vegane Gummibärchen. Und zum Glück haben die Sattelschweine viel Platz und Freiheit auf ihrer Weide im Hessenpark im Hochtaunus, so wie die Rinder, die Ziegen, die Schafe - anders als die meisten ihrer Artgenossen in der konventionellen Landwirtschaft, in der es um Ertrag und Leistung geht, oft auf Kosten der Tiere. Während ein Bauer um 1900 seine Familie und vier weitere Personen ernährt hätte, kämen seine Kollegen heute im Schnitt auf 155, sagt Rehs.

Die Eselinnen Maja, Lena und Lisa sind derweil wieder zurück auf der Wiese an der Windmühle. »Esel werden bis heute in vielen Regionen der Welt als Lasttiere eingesetzt«, sagt Annemarie Bank-Lauer, die sich im Hessenpark freiberuflich um die drei Stuten kümmert. Immerhin gehören Esel auch in Deutschland nicht zum aussterbenden Nutzvieh, sondern erfreuen sich großer Beliebtheit, und zwar nicht nur bei Kindern. Amali wittert ihre Chance: »Mama«, fragt sie, »können wir einen Esel haben?«



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