10. Juni 2021, 19:58 Uhr

»Ein Sieg fühlt sich anders an«

10. Juni 2021, 19:58 Uhr
Aufschub bis 2025: Ursprünglich sollte das Conti-Werk in Karben in zweieinhalb Jahren schließen. ARCHIVFOTO: PE

- Zehn Tage ist es her, da hat das Conti-Management eingelenkt und ein finales Angebot der IG Metall angenommen. In diesen eineinhalb Wochen ist im Karbener Werk einiges passiert. Die Gewerkschaftsmitglieder wurden in 23 Versammlungen über das Ergebnis informiert, um anschließend darüber abzustimmen. Seit gestern Mittag, 14 Uhr, steht fest: Die endgültige Werkschließung in Karben ist bis 2025 verschoben.

Heinz Peter Fröhlich bringt es auf den Punkt. »Ein Sieg fühlt sich anders an«, sagt er. Das Conti-Betriebsratsmitglied steht mit einigen Kollegen vor dem Werk an der Dieselstraße. Es ist kurz nach 14 Uhr. Gerade haben Michael Erhardt und Frank Grommeck das Ergebnis der IG-Metall-Abstimmung zur Einigung mit dem Conti-Management verkündet. Der 1. Bevollmächtigte der IG Metall und der Betriebsratsvorsitzende informieren: »Wir hatten eine sehr hohe Wahlbeteiligung von 75 Prozent.« 72,2 Prozent hätten dafür votiert. Erhardt: »Der Ball liegt jetzt wieder ganz klar bei Conti. Wie soll es weitergehen?«

Nachdem Mitte Mai die Große Tarifkommission der IG Metall Frankfurt den Ende April zum Erhalt des Conti-Automotive-Werks ausgehandelten Sozialtarifvertrag abgelehnt hatte, stimmten diesmal 429 von 594 dafür. Grommeck berichtet von einem »Ritt auf der Rasierklinge«, nachdem die IG-Metall mit fünf finalen Forderungen ans Management herangetreten war.

Der Automobilzulieferer hatte ursprünglich geplant, den Standort in zweieinhalb Jahren zu schließen. Das ist vom Tisch. Die Continental Engineering Services bleibt nun mit 187 Beschäftigten in Karben. Die endgültige Schließung des Werkes wird bis 2025 verschoben. Die Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung wurden verbessert. Betriebsbedingte Kündigungen werden bis Ende 2022 nicht wirksam. Zudem wird zusätzlich ein weiterer Härtefallfonds von 1 Million Euro geschaffen. Für Beschäftigte, die älter als 57 Jahre sind und das Unternehmen verlassen, wurden die Abfindungsregelungen nochmals verbessert. Das gilt allerdings nur für Mitglieder der Gewerkschaft.

Fröhliche Gesichter sucht man an diesem Mittag dennoch vergebens. »Für die meisten bleibt am Ende des Tages der Verlust des Arbeitsplatzes«, sagt Grommeck. Der tarifliche Teil sei erledigt, jetzt müsse so schnell wie möglich der betriebliche Teil angegangen werden. Grommeck spricht von einer »offenen Stichpunktliste mit 30 Punkten«, die man bei Conti bereits hinterlegt habe. »Die müssen angegangen werden. Dort stehen beispielsweise Regelungen rund um die Abfindungen drauf.«

Sozialplan und Altersteilzeit klären

Sascha Kreiner, der seine Ausbildung bei Conti 2014 begonnen hat und sich damals bereits gewerkschaftlich engagierte, sagt: »Im Vergleich zu ähnlichen Fällen stehen wir gut da. Dennoch kann man nicht von viel Freude sprechen, da es viele Arbeitsplätze betrifft.« Betriebsratsmitglied Heinz Peter Fröhlich sieht das ähnlich und fügt an: »Wir sind angetreten mit dem Ziel, die Schließung zu verhindern, und das haben wir nicht geschafft.« Über 150 Neinstimmen bei der Abstimmung würden auch eine deutliche Sprache sprechen. Das bestätigt auch Michael Erhardt. Der 1. Bevollmächtigte der IG-Metall betont, eine Neinstimme sei angesichts der »unsozialen Planungen des Conti-Managements sehr verständlich«. Er ergänzt: »Wir erwarten jetzt, dass der Sozialplan und die Altersteilzeit geklärt werden.«

Für die Standortentwicklung sei vereinbart worden, ein Projekt unter Einbeziehung der Stadt Karben und der Wirtschaftsförderung aufzulegen. »Wir müssen uns beim kompletten Stadtparlament, den Kirchen sowie dem Bürgermeister bedanken«, sagt Erhardt. »Der Einsatz und die Solidarität bis hierhin waren groß.« Das habe auch die Belegschaft so aufgefasst.

Auf Anfrage dieser Zeitung teilt Bürgermeister Guido Rahn (CDU) mit: »Der Standort Continental ist für Karben als einer der größten Arbeitgeber wichtig.« Die Stadt habe in enger Abstimmung mit der IG Metall für den Erhalt gekämpft. »Wir sind mit dem Teilerfolg zufrieden, da dadurch der Standort zumindest abgespeckt erhalten bleibt. Jetzt gilt es, möglichst bald neue Arbeitsplätze dort anzusiedeln.« Patrick Eickhoff

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