14. Januar 2021, 20:27 Uhr

Kriminalität

Drogendealer berichtet: So werden sieht die Szene in Gießen ais

Ein Drogendealer hat sich bei seinen Geschäften in Gießen von einem Filmteam begleiten lassen. Er gibt Einblick in die Szene und sagt, die Polizei habe die Kontrolle über den Drogenhandel verloren.
14. Januar 2021, 20:27 Uhr
Dealer Banks dreht auf einem Spielplatz einen Joint.

Wer am hellichten Tag mit einer weißen Maske auf dem Kopf in einem dicken Auto durch Gießen fährt und eine große Supermarkttüte voll mit intensiv riechendem Cannabis auf dem Beifahrersitz liegen hat, muss sich sehr sicher sein. Der Mann, den das Magazin Vice für eine Reportage mit der Kamera begleitet, nennt sich Banks. Er ist Drogendealer, Gießen sein Revier. Der Mann lässt sich beim Abfüllen der »Ware« in einer Wohnung im Stadtgebiet und beim Verkauf in einem Hochhaus in der Weststadt filmen. Banks warnt vor synthetisch gestrecktem Gras und sagt, die Polizei habe die Kontrolle über den Drogenhandel verloren.

Recht unkonventionell war der Dealer mit dem Jugend- und Lifestyle-Magazin in Kontakt getreten: Er spazierte eines Tages in die Redaktion in Berlin und begann zu erzählen. Im Sommer 2020 traf sich ein Vice-Team mit Banks in Gießen. In dem 15-minütigen Beitrag ist zu sehen, wie der maskierte Dealer unter anderem an der Agentur für Arbeit vorbei in Richtung Wieseck fährt und mehrere Kilo Cannabis im 13. Stock eines Hochhauses an der Pater-Delp-Straße in der Weststadt verkauft.

Banks ist kein kleiner Fisch, wenn man bedenkt, mit welchen großen Mengen Drogen und Bargeld er und seine Komplizen hantieren. In einer Szene ist zu sehen, wie die Männer in einer Wohnung sechs bis sieben Kilo Drogen abwiegen und verpacken. Ein bis zwei Mal in der Woche erhalte er eine solche Lieferung - meist von niederländischen Gruppen der Organisierten Kriminalität. Die Räumlichkeiten seien auf einen anderen Namen gemietet - von jemandem ohne Vorstrafen.

Banks ist wohl kein Dealer, der selbst auf der Straße kleine Mengen Cannabis verkauft. Der junge Mann wirkt wie ein Zwischenhändler, der Großkunden beliefert. Er verkaufe bis zu 30 Kilo im Monat, erzählt er. Der Umsatz: bis zu 120 000 Euro. Dass er nach eigenen Angaben drei bis zehn Deals in einer Größenordnung von 800 Gramm am Tag mache, hält die Polizei für möglich. Gießen, sagt Banks, sei als Unistadt ein guter Standort für ihn als Drogenhändler - auch wegen der vielen jungen Menschen. Er betont, Konsumenten kauften ihre Drogen nicht beim »Bio-Hippie«. Cannabis sei eine der größten Einnahmequellen krimineller Strukturen. Dementsprechend oft komme es zu gewalttätigen Verteilungskämpfen. Auch ihm sei ein Messer an den Hals gehalten worden; er und seine Familie seien von Konkurrenten bedroht worden.

Mittlerweile habe er genug vom Geschäft, sagt er: Denn seit einigen Jahren werde Cannabis mit synthetischen Cannabinoiden gestreckt - mittlerweile sei dies zu 90 Prozent der Fall. Die Konsumenten seien ungewollt »Chemie-Junkies«, das gestreckte Gras mache körperlich abhängiger, sei gefährlicher. Banks nennt es »grünes Crack«.

Riskanter Konsum

Das Bundeskriminalamt (BKA) warnt vor dem Konsum solcher synthetisch gestreckten Cannabisprodukte. »Unkalkulierbare gesundheitliche Risiken« seien damit verbunden, sagt eine Sprecherin. Es sei bereits zu Todesfällen gekommen. Die synthetischen Cannabinoide »werden meist von organisierten Tätergruppierungen auf legale oder minderwertige Hanfprodukte aufgetragen und verkauft«. Die schwach oder gar nicht psychoaktiv wirksamen Zubereitungen werden so zu hochpotenten Stoffen. Es bestehe vor allem die Gefahr der Überdosierung, teilt das BKA mit. Die Konsumenten gingen davon aus, herkömmliches Cannabis zu konsumieren - und nicht Chemie-Cocktails. Bei den Wirkstoffen handele es sich meist um unerforschte Chemikalien, die unter unbekannten Bedingungen im Ausland hergestellt werden und deren Wirkung laut BKA »gänzlich unbekannt« sei.

Banks sagt in dem Video, der Handel mit Cannabis sei kaum mit dem Risiko verbunden, von der Polizei erwischt zu werden. Die Ermittler hätten die Kontrolle über den Drogenhandel in der Stadt verloren. Das Polizeipräsidium Mittelhessen widerspricht dem: »Wir gehen weiter gegen diese Form der Kriminalität mit Kontrollen vor und führen Ermittlungen durch«, sagt Behördensprecher Jörg Reinemer mit. So habe es 2020 mehrfach Festnahmen im Zusammenhang mit Marihuana gegeben, bei denen Drogen im zweistelligen Kilobereich sichergestellt worden seien.

Dass Gießen mit seiner Alterstruktur prädestiniert ist für den Drogenhandel, könne nicht gesagt werden - es sei aber durchaus möglich, sagt Reinemer. Durch die Nähe zu Frankfurt und die zentrale Lage mit Anbindungen an die Autobahnen A 45 und A 5 werde die Stadt und das Umland genutzt, um größere Mengen Betäubungsmittel zu deponieren und dann weiterzuverteilen. Diese Drogen seien aber wohl nicht alleine für den Verkauf in Mittelhessen und der Wetterau bestimmt.



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