03. August 2021, 19:46 Uhr

Dorfrocker und Kommunalpolitiker

Er ist 31, verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn - das dritte Kind ist unterwegs. Sein Geld verdient Marcel Schlosser als Verwaltungsfachwirt beim Städteservice Laubach-Lich. Der Beltershainer ist mit Leib und Seele Fassenachter, engagiert sich in der Kommunalpolitik. Und er ist Abonnent der »Gießener Allgemeinen«. Im Rahmen unserer Serie »Junge Leser« beschreibt er Träume und Zukunftsängste, erzählt von seiner Familie, spricht über Werte und seinen ganz persönlichen Blick aufs Leben.
03. August 2021, 19:46 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Marcel Schlosser ist Chef der Grünberger CDU, sitzt im Stadtparlament und im Kreistag. Im September fordert er den Grünberger Bürgermeister Frank Ide heraus. Aber das ist hier nicht das Thema. Schlosser gehört zu den jungen Menschen, die sich kümmern, mitmachen, helfen, unterstützen, Dinge voranbringen möchten. Über den Griff nach den Sternen, also ein Mandat im Landtag oder im Bundestag, hat er nachgedacht, hat sich auch auf Landesebene in der CDU engagiert. Parteifreunde sagen, dass er Talent habe, wisse, worauf es ankommt. Er habe eine Meinung und auch Biss. Aber er selbst habe bald erkannt: »Das ist nichts für mich. Da ist mir zu viel Theorie im Spiel, zu viel Ideologie und zu wenig Pragmatismus.« Und so habe er sich wieder ganz auf die Kommunalpolitik konzentriert.

Seit 2015 ist Schlosser Vorsitzender des Stadtverbandes der CDU Grünberg. In diesem März führte er die CDU in den Kommunalwahlkampf. »Wir haben - gegen den Trend - leicht zugelegt, ein Mandat mehr geholt als vor fünf Jahren«, sagt er stolz. Und: »Wir haben wieder mehr junge Mitglieder.« Die Junge Union (JU) in Grünberg habe er reaktiviert. »Wir hatten zeitweise über 100 Mitglieder.« Auch im Kreistag engagiert er sich. »Ich bin eigentlich nicht der typische JUler. Ich bin auch kein Linker in der CDU, aber ich setzte mich schon für die Beschäftigten, die Arbeitnehmer ein.« Da stehe er voll hinter dem ehemaligen Bundessozialminister Norbert Blüm.

Aber die Kommunalpolitik ist nicht alles für ihn. Wie fast alle jungen Menschen, war er erst mal auf der Suche. In der Theo-Koch-Schule in Grünberg hat er seinen Mittlere-Reife-Abschluss gemacht, dann bei der Gemeinde Reiskirchen eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten absolviert und schließlich noch eins draufgesattelt: Heute arbeitet er als Verwaltungsfachwirt in der Stadtverwaltung Laubach, ist dort als Kassenleiter in der Abteilung des Kämmerers für die praktische Abwicklung von Einnahmen und Ausgaben zuständig. Der neue Laubacher Bürgermeister Matthias Meyer »macht seine Sache gut«.

Schlossers Traum ist es, mal irgendwann eine Weltreise zu machen, vor allem, um andere Kulturen kennenzulernen. Aber klar sei auch: »Meine Heimat ist und bleibt Beltershain, hier möchte ich weiter im Dorf aktiv sein. Früher hatten wir Landwirtschaft, ich war beim Heumachen dabei, weiß, wie man Kartoffeln setzt, kenne das ganze Programm, das es auf einem Bauernhof gibt.« Der schönste Ort liegt für ihn auch nicht in weiter Ferne: »Wenn ich im Urlaub war, dann muss ich unbedingt erst mal wieder auf dem Grünberger Marktplatz sitzen, einen Kaffee Crema schlürfen und mich an dem Fachwerkensemble erfreuen. Der Marktplatz ist unsere ›gut Stubb‹.«

In Grünberg kennen ihn viele, in Beltershain kennt ihn wohl jeder. Er sei schon früh in den Vereinen aktiv gewesen. »Mein Bruder ist leidenschaftlicher Fußballer. Das war nie mein Ding.« Ihn zog es in der fünften Jahreszeit in die Bütt und auf die Bühne. Fassenacht sei seine große Leidenschaft. Er tanze im Männerballett, und früher war er auch Teil der Garde. Als Sitzungspräsident geht er vorneweg.

Den Sinn für die Fassenacht haben ihm wohl seine Eltern mit in die Wiege gelegt. »Das liegt mir einfach im Blut.« Vater Hartmut, er stammt aus Mücke-Merlau, und Mutter Martina, eine gebürtige Beltershainerin, geben in der närrischen Jahreszeit alles für die Fassenacht. »Meine Mama hat auch lange die Tanzgarde trainiert.«

Früher sei die Fassenachtsabteilung Teil des Sportvereins gewesen. »Wir gründeten dann vor einiger Zeit einen eigenen Verein und haben heute immerhin rund 130 Mitglieder. Wir möchten das ganze Jahr über zeigen, dass wir da sind. Und auch etwas von dem Geld ans Dorf zurückgeben, das wir in der Kampagne einnehmen. In der Corona-Zeit haben wir beispielsweise einen Einkaufsservice angeboten.«

Er sei ein optimistischer Mensch, sagt Schlosser. »Ich schaue auch hoffnungsvoll in die Zukunft, aber wir wissen nicht, was noch kommt. Veränderungen wie der Klimawandel machen mir Sorgen.« Viele Menschen seines Alters lebten einfach in den Tag hinein, das sei ja nicht verkehrt. Aber man könne auch nicht über die Probleme hinwegschauen, sie ignorieren. »Wir müssen, gerade auch als Kommunalpolitiker, viel mehr Fragen stellen, uns breit informieren, bevor wir Entscheidungen treffen. Viele glauben blind das, was sie im Internet lesen. Das ist falsch. Eine Tageszeitung allerdings ist wirklich ein seriöses, ein zuverlässiges Medium.«

In seiner Familie werde schon immer die »Allgemeine« gelesen. »Mein Vater, der aus Merlau stammt, und meine Mutter lesen die ›Alsfelder Allgemeine‹, wir haben die ›Gießener Allgemeine‹ abonniert.« Gerade für das lokale und regionale Geschehen seien Tageszeitungen unerlässlich. Nachrichten aus Hessen und der Welt holt sich Schlosser mit der »Hessenschau« und der »Tagesschau« ins Haus. »In den sozialen Medien bin ich seit Jahren aktiv, aber ich bin vorsichtig, prüfe Dinge, bevor ich sie glaube. Für die Unterhaltung haben wir Streaming-Dienste abonniert. Radio höre ich vor allem im Auto. Damit kann ich guten Gewissens sagen: Ich bin immer gut informiert.«

Der Bau der Windräder in Grünberg sei ein typisches Beispiel dafür, dass man die Menschen mitnehmen müsse. »Wer versteht denn, dass Stadtwerke aus Nordrhein-Westfalen hier Windräder betreiben? Können die doch zu Hause bauen. Wie wäre es denn stattdessen mit einer Genossenschaft, von der Bürger sich Anteile kaufen können? Nun geht das aber offenbar immer so weiter, und die Folge ist, dass große Teile der Bevölkerung nicht dahinterstehen. Weil sie nicht gut informiert wurden, auch die Ortsbeiräte übrigens nicht. Obwohl Windräder ja grundsätzlich der richtige Weg sind.« Er sei aber auch der Meinung, dass die Menschen selbst aktiv werden müssen, indem sie auch mal für oder gegen eine Sache demonstrieren.

»Mich stört, dass der Ton sich verändert hat, dass Menschen mit Hass überzogen werden, nur weil sie eine andere Meinung haben.« Er halte sich da an Dinge, die er sich bei seinen Eltern abgeschaut habe. »Zum Beispiel Höflichkeit und Freundlichkeit, Rücksichtnahme, Toleranz und Hilfsbereitschaft.« Diese Werte möchte er auch an seine Kinder weitergeben. Sagt’s und schaut auf Töchterchen Anni Elisabeth, die ganz in sich versunken im Garten umherstreift.

Dann richtet er den Blick auf seine Frau Vanessa. »Manches habe ich aufgegeben - für die Familie.« Seine Frau habe er übrigens in der Gemeindeverwaltung Reiskirchen kennengelernt, wo beide eine Ausbildung absolvierten. »Wir haben uns schnell angefreundet«, sagt Vanessa Schlosser. Bei einer Kirmes in Bersrod habe es dann gefunkt. »Da war’s klar, dass es Liebe ist.«



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