13. Juli 2021, 19:46 Uhr

Die Tragödie an der Lahn vor 150 Jahren

13. Juli 2021, 19:46 Uhr
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Aus der Redaktion
In der Nähe der Dutenhofener Lahnbrücke befand sich eine Furt. FOTO: PRIVAT

Dutenhofen - Wer heute von Dutenhofen nach Atzbach spaziert oder radelt, überquert kurz nach der Brücke über die B49 die Dutenhofener Lahnbrücke. Seit 125 Jahren verbindet sie beide Ufer. Hätte man sie früher gebaut, dann wären an jenem schwarzen Mittwoch im Sommer 1871 nicht sieben junge Menschen ums Leben gekommen.

Als im Jahre 1834 auch in der hiesigen Region die Zollgrenzen fielen, war der Weg frei - für neue Wege. Die Wirtschaft bekam Auftrieb, und es reiften Pläne, die Lahn zu einem schiffbaren Wasserweg auszubauen, damit Massengüter wie beispielsweise Erze oder Steine billiger zum Rhein in den Fernverkehr gebracht werden konnten. 1844 schlossen die Anrainerstaaten Nassau, Preußen und das Großherzogtum Hessen einen Vertrag über den Ausbau der Lahn zu einer Schifffahrtsstraße. Nach mehrjähriger Bauzeit war ab 1848 die Lahn vom Rhein aufwärts bis nach Gießen schiffbar.

Was dem Handel dienen sollte, machte die Lage für die Menschen in Dutenhofen schwieriger - und gefährlicher. Denn wo sich heute das Naturschutzgebiet zwischen Dutenhofen und Atzbach erstreckt, lagen damals noch Äcker und Wiesen, die von Dutenhofener Landwirten bestellt wurden. Und die mussten morgens auf die Felder und abends zurück ins Dorf gelangen - durch die Lahn. Der Fluss war vor seinem Ausbau zur Wasserstraße und den dabei vorgenommenen Begradigungen ein träge dahinfließendes Gewässer, das man bei normalem Wasserstand an vielen seichten Stellen durchwaten konnte. Für Pferde-, Ochsen- oder Kuhgespanne gab es in der Dutenhofener Gemarkung zwei Furten - eine davon etwas unterhalb der heutigen Lahnbrücke.

Jahrzehntelang ging alles gut

Für Personen und leichtere Transportgüter gab es bis zum Bau der Brücke eine Fährverbindung mit einem Boot (Nachen). Dieses Boot war an einer die Lahn überspannenden Kette befestigt und konnte mit Stangen von einem Ufer zum anderen bewegt werden.

Jahrzehntelang ging alles gut, obwohl der Gemeinderat schon früh den Bau einer festen Brücke beantragt hatte. Was jedoch auf höherer Ebene am Geld scheiterte. Es kam der Sommer und jener Tag vor nunmehr 150 Jahren, der 12. Juli. Mit dem gemeindeeigenen Fährboot gelangten Fußgänger eigentlich sicher und trockenen Fußes an das jenseitige Ufer. Eigentlich, aber an jenem schwarzen Mittwoch zur Zeit der Heuernte war das Boot offensichtlich überladen.

Der damalige Gemeindevorsteher Georg Müller berichtet Folgendes zu der Tragödie: »Der 12. Juli 1871 war ein Unglückstag für die Gemeinde. Viele Einwohner waren auf den Wiesen am rechten Lahnufer mit Heumachen beschäftigt und mussten am Abend mit Nachen nach der Dorfseite hinüberfahren. Infolge Überladens sank der Nachen.« Sieben junge Menschen aus Dutenhofen ertranken - sechs Frauen im Alter zwischen 14 und 38 Jahren und ein 31-jähriger Mann. Nach der Tragödie dauerte es weitere 25 Jahre bis die Lahnbrücke fertiggestellt war. Heute geht man wie selbstverständlich über das Bauwerk, an dessen Geländer Liebesschlösser befestigt sind. Blickt man hinunter auf den Fluss, so schaut man auch auf die Stelle, die Dutenhofen jene Tragödie brachte. Wie aus dem Sterberegister der evangelischen Kirchengemeinde hervorgeht, sind in den zwei Jahrhunderten vor dem Bau der Brücke 28 Menschen im Dutenhofener Abschnitt der Lahn ertrunken. Günter Agel



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