19. August 2021, 20:41 Uhr

Die Schreibkünstlerin

Hochkonzentriertes Arbeiten unter Zeitdruck: 300 Silben pro Minute schafft Claudia Lingelbach in Kurzschrift. Die meisten der 137 Abgeordneten im hessischen Landtag erkennt sie an der Stimme.
19. August 2021, 20:41 Uhr
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Aus der Redaktion
»Willkommen im Landtag«: Wenn Claudia Lingelbach schreibt, ist es selbst für andere Stenografen sehr schwer, ihre Zeichen zu lesen. Jeder entwickele seine eigenen Kürzel und sein eigenes Schriftbild, sagt sie. FOTOS: HESSISCHER LANDTAG

Viele ihrer elf Kolleginnen und Kollegen kennt Claudia Lingelbach schon lange. Viel länger als seit ihrem Arbeitsantritt im Hessischen Landtag vor sechs Jahren. »Die deutsche Steno-Szene ist übersichtlich und gut vernetzt. Außerdem bin ich seit 24 Jahren auch in verschiedenen StenoVereinen, -Organisationen und -Verbänden aktiv. Da kennt man mit der Zeit zumindest alle aktiven Kolleginnen und Kollegen.« Lingelbach ist Stenografin im hessischen Parlament. Sie arbeitet seit 2015 in der Landtagsverwaltung. Davor war sie 31 Jahre lang im Universitätsdienst in Osnabrück und Marburg tätig.

Bei Plenarsitzungen und öffentlichen Ausschusssitzungen schreibt sie jedes Wort mit. Dabei erfasst Claudia Lingelbach auch Zwischenrufe, Beifall und Unmutsäußerungen. »Das kann keine Maschine leisten. Wir erkennen die Abgeordneten zum Teil an ihrer Stimme, ohne vom Blatt aufschauen zu müssen« - so beschreibt sie den sichtbaren Teil ihrer Arbeit, der in Beschlussprotokollen, analytischen Protokollen und Wortprotokollen mündet. Um sicherzugehen, läuft immer ein Aufnahmegerät mit. »Für Stenografen ist es sehr schwer, das Stenogramm eines anderen Stenografen zu lesen, da jeder seine eigenen Kürzel entwickelt und ein eigenes Schriftbild hat. Ich selbst schaffe je nach Tagesform und Text bis zu 300 Silben pro Minute, schreibe mit Bleistift und auf sehr glattem Papier. Aber es gibt auch Stenografen, die Stenofüller bevorzugen - das ist Geschmackssache.«

Da es sich um eine Aufgabe handelt, die viel Konzentration erfordert, schreiben die Stenografen in der Regel zehn Minuten am Stück und werden dann abgelöst. In Corona-Zeiten hat der Turnus 15 Minuten. Ein Klopfen auf dem Tisch zeigt dem Kollegen an, dass die Ablösung da ist, ein kurzer Blickkontakt dient der Bestätigung. Zurück im Büro, ist keine Zeit für eine Pause: Das Stenogramm muss in normale Schrift verwandelt werden. Dafür gibt es verschiedene Techniken: diktieren und von einer Mitarbeiterin abtippen lassen, selbst schreiben oder eine Mischform. Gesprochenes Wort ist selten druckreif, deshalb werden beim anschließenden Redigieren aus gesprochenem Wort richtige Sätze gemacht. Zum Beispiel wird aus »Die Corona-Infizierten halbieren« dann: »Die Zahl der Corona-Infizierten halbieren«. Die Recherche von Begriffen ist eine weitere wichtige und zeitaufwendige Tätigkeit.

Lingelbach hat Französisch und Geschichte für Gymnasien studiert, aber nie als Lehrerin gearbeitet. Die 60 Jahre alte Marburgerin, die ursprünglich aus Soest in Nordrhein-Westfalen stammt, begründet das mit den schlechten Berufsaussichten in den Achtzigerjahren. Deshalb machte sie damals außerdem eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin. Dabei kam sie das erste Mal mit der Kurzschrift in Berührung. Mittlerweile ist sie staatlich geprüfte Lehrerin für Stenografie. Eine klassische Ausbildung zum Stenografen gibt es nicht, ein akademischer Abschluss ist allerdings Voraussetzung für den Staatsdienst. So arbeiten im Hessischen Landtag zum Beispiel auch ein Sinologe und ein Volkswirt als Stenografen.

In Hessen und Schleswig-Holstein gibt es im Ländervergleich eine Besonderheit: Stenografen sind dort zusätzlich Geschäftsführer der jeweiligen Fachausschüsse. Die Tätigkeit ist sehr vielschichtig und umfasst den Entwurf der Einladungen, die Protokollführung sowie die Organisation von Reisen, Terminen und Anhörungen. Um diese Arbeit zu schaffen, müssen die Stenografen in der Geschäftsordnung des Landtages und in anderen rechtlichen Regelungen sattelfest sein.

Die Arbeit in den Ausschüssen macht für Lingelbach das Berufsfeld wesentlich interessanter, erleichtert die Protokollführung durch mehr Hintergrundwissen und trägt zu einem besseren Arbeitsklima durch engeren Kontakt mit den Abgeordneten und Mitarbeitern der Ministerien bei. Die Stenografin betreut in dieser Legislaturperiode den Innenausschuss. Sie war aber auch schon für andere Ausschüsse wie den Ausschuss für Wissenschaft und Kunst zuständig.

Da professionelle Stenografen in Deutschland rar sind, werden sie manchmal vom Bundestag und anderen Landtagen angefragt, wenn zum Beispiel große Anhörungen stattfinden. »Bei solchen Einsätzen lernt man immer viel dazu, weil überall die Arbeitsweisen und die Formalien für das Protokoll anders sind. Da kann man auch mal die eine oder andere Neuerung in den Hessischen Landtag mit zurückbringen.«

Manche Parlamente haben ihre Arbeitsweise inzwischen auf Audioredaktion umgestellt. Dort kommen dann spezielle Tontechnik, Computermitschriften und Spracherkennungssysteme zum Einsatz. Lingelbach macht das keine Angst. Sie weiß, dass eine solche Arbeitsweise einen hohen technischen Aufwand erfordert. Sie dagegen braucht nur einen Block und einen Stift.

Für Lingelbach ist Stenografie nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie sogar in ihrer Freizeit stenografiert; sei es, wenn sie alte Stenografiesysteme transkribiert, die man etwa in Kriegstagebüchern findet, sei es, dass sie an Wettschreiben teilnimmt. Was sie an ihrem Hobby fasziniert, ist, dass das Stenografieren keine Standes- oder Berufsgrenzen kennt. Unter den aktiven Stenografen gibt es von der Hausfrau bis zum Professor Angehörige aus allen Berufen - und längst nicht nur Profi-Stenografen. Und manchmal geht Lingelbachs Liebe so weit, dass sie zwei ihrer Hobbys miteinander verbindet: indem sie mit dem Fahrrad zu Wettbewerben fährt.



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