22. Juni 2021, 21:16 Uhr

Die Lahn zum Fließen bringen

Die Lahn ist ein Fluss, der streckenweise einem Stausee gleicht. Das tut der Natur nicht gut. Ein Langzeitprojekt soll die Ökologie des Gewässers verbessern. Dafür müssen viele Akteure ins Boot geholt werden.
22. Juni 2021, 21:16 Uhr
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Von DPA

Die Lahn schlängelt sich auf fast 250 Kilometern dem Rhein entgegen und tut das an vielen Stellen so idyllisch, dass die Flusswelt noch in Ordnung scheint. Doch sie hat große Probleme - Chancen allerdings auch. Beides soll ein Langzeitprojekt in den Blick nehmen. Etwas mehr als die Hälfte des Zehn-Jahre-Vorhabens, das im Februar 2016 offiziell vorgestellt wurde, ist mittlerweile vorbei. An manchen Stellen ist bereits eine wildere Flusslandschaft entstanden. Die größte Herausforderung aber ist, die verschiedenen Interessen an dem Gewässer in ein Entwicklungskonzept für die Region münden zu lassen.

»Die Lahn befindet sich in einem ziemlich schlechten ökologischen Zustand«, sagt Stephan von Keitz, der Leiter des EU-Projektes mit dem Titel »Living Lahn«, also lebendige Lahn. Das Gegenteil ist vielerorts auf ihrem Weg durch einen kleinen Teil Nordrhein-Westfalens sowie durch Hessen und Rheinland-Pfalz der Fall: Viele Wehre verlangsamen die Strömung immer wieder, mit negativen Folgen für die Ökologie. Hinzukommen Schleusen oder Wasserkraftanlagen.

»Man könnte den Fluss auch als eine Ansammlung von Reservoiren bezeichnen, die hintereinandergeschaltet sind von einem Wehr zum nächsten«, erläutert von Keitz, der Referatsleiter beim hessischen Umweltministerium ist. Die Bauwerke bremsen Fische aus oder gefährden sie. Für eine große Artenvielfalt braucht es zudem unterschiedliche Wassertiefen und Strömungsbereiche.

Das EU-Projekt, bei dem der Bund, die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz sowie weitere Akteure im Boot sind und das Umweltministerium in Wiesbaden federführend ist, verfolgt zwei Stränge: Zum einen geht es um die Erstellung des Lahnkonzeptes. Das umfasst die Nutzung der Lahn als Bundeswasserstraße ebenso wie ihre ökologische Aufwertung oder den Hochwasserschutz. Zum anderen geht es um Maßnahmen etwa zur Renaturierung, die während des bis 2025 laufenden Projektes umgesetzt werden sollen.

Das Besondere an der Lahn: Sie ist eine Schifffahrtsstraße, auf der im Prinzip keine kommerzielle Schifffahrt stattfindet. Anrainerkommunen, Bürger, Verbände und Initiativen, die Wasserwirtschaft, Naturschützer oder der Bund als Zuständiger für die Wasserstraßen haben jeweils ihre Vorstellungen zur Zukunft der Lahn. So lautet das komplette Motto des Projekts denn auch: »Living Lahn - ein Fluss, viele Interessen«.

Bei der Erstellung des Konzeptes gehe es darum, diese unter einen Hut zu bekommen, sagt Markus Porth, Referent beim Umweltministerium. Daher sei bisher ein »komplexer Beteiligungsprozess« durchgeführt worden. Klar sei aber: »Man kann sich die Lahn nicht ins Mittelalter zurückdenken, sondern wir müssen versuchen, so weit wie es geht, die Ökologisierung voranzubringen.«

Zu den Einzelmaßnahmen des Projektes gehört die »Gisselberger Spannweite« bei Marburg. Dort bekam die Lahn mehr Platz und Verzweigungen. Die Idee dazu gab es schon vor dem »Living Lahn«-Vorhaben, zwischen August 2019 und Mai 2020 wurde sie umgesetzt. »Es handelt sich um eine sehr aufwendige Renaturierung«, erläutert Elke Ebelt vom zuständigen Regierungspräsidium Gießen. Das Ganze habe den Effekt, »dass es ganz viele Lebensräume für Tiere und Pflanzen schafft«. Profitieren sollen Fische oder bedrohte Tiere, aber auch angrenzende Landschaften.

Naturschützer halten das Lahnkonzept für so wichtig, weil dieses über die nächsten Jahrzehnte die Entwicklung des Flusses bestimme. »Ganz entscheidend ist, dass wir die Lahn wieder zum Fließen bringen«, sagt Mark Harthun, Geschäftsführer beim Naturschutzbund Hessen (NABU).



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