21. Mai 2021, 21:42 Uhr

Die Heimat neu entdecken

Nach Monaten des Lockdowns dürfen die ersten Regionen in Hessen wieder Reisende empfangen. Noch prägt die Corona-Pandemie die Branche. Doch sie schaut bereits auf Trends, die bleiben könnten.
21. Mai 2021, 21:42 Uhr
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Von DPA

Hessen startet allmählich in die zweite Tourismussaison unter Corona-Bedingungen. In ersten Landkreisen erlaubt das Infektionsgeschehen wieder Übernachtungen in Hotels oder Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen, wenn auch unter strengen Auflagen. Die Anbieter können an Erfahrungen von 2020 anknüpfen und auf manchen Trend setzen, den Corona angestoßen oder vorangetrieben hat. Die Branche blickt gleichzeitig auf die Zeit nach der Pandemie und überlegt: Wo geht die Reise hin für den hessischen Tourismus? Einschätzungen von einigen Experten.

Der Verband: »Wir waren als Hessen immer das typische Kurzreiseland, für eine Wochenendreise mit einer Radtour oder Wanderung«, sagt Hartmut Reiße, der Geschäftsführer des Hessischen Tourismusverbandes, in Marburg. 2020 habe man festgestellt, dass sich die Dauer der Aufenthalte insbesondere im Sommer verlängert habe. »Das heißt, man kann davon ausgehen, dass der Haupturlaub durchaus auch in Hessen stattgefunden hat und nicht der Zweit- oder Dritturlaub.« Eine längere Aufenthaltsdauer der Gäste erwartete er auch für 2021.

Durch Corona habe es in manchen Bereichen einen schnelleren Nachfragewandel gegeben als allgemein prognostiziert worden sei, sagt Reiße weiter. Als Beispiel nennt er die Themen Regionalität und Authentizität, beides sei stärker nachgefragt. »Man will im Grunde genommen nicht das Allerweltsangebot haben, sondern man möchte schon, wenn man etwa essen geht, einen Bezug zur Region haben.« Hessen sollte seine Stärken auch im Bereich Wandern oder Radeln weiter fokussieren, denn der Outdoor-Trend werde anhalten.

Die Agentur: Die durch die Corona-Pandemie angestoßenen oder beschleunigten Veränderungen beschäftigen auch die Hessen Agentur, die sich etwa um Marketingstrategien kümmert. »Es gab eine Rückbesinnung auf den Urlaub im eigenen Land«, sagt Herbert Lang, der Leiter des Bereichs Tourismus bei der Hessenagentur. Der Boom sei insbesondere bei den Individualreisen zu spüren gewesen, bei den Buchungen für Campingplätze oder Ferienwohnungen.

In den Städten fiel demnach ein Großteil der Übernachtungen weg - weil es weniger Anlass für Städte- sowie Geschäftsreisen gab. Dafür wichen Reisende aufs Land aus. Hinzukomme die Hinwendung zum nachhaltigeren Reisen, listet Lang auf. »Diese Entwicklung zahlt auf unsere Ausrichtung ein, bei der wir die Städte und das Land mehr miteinander verzahnen wollen. Also, dass man für die Zukunft stärker darüber nachdenkt, einen Städteurlaub mit einem Urlaub in der umliegenden Region zu verknüpfen.« Da sei Corona ein Treiber gewesen, wobei diese Strategie bereits vor der Pandemie verfolgt worden sei.

Der Städtetourismus wird nach Einschätzung Langs wiederkommen. »Aber vielleicht unter anderen Bedingungen«, sagt er mit Blick auf digitale Angebote oder Hygienekonzepte. Bei Geschäftsreisen sei ein Umdenken nötig: »Da müssen wir uns auf ganz neue Geschäftsmodelle einstellen. Durch die Virtualisierung der Arbeitswelt - wir sitzen seit einem Jahr in Videokonferenzen - wird das Folgen etwa auf die Tagungslocations haben.«

Die Wissenschaft: Auf dem Geschäftsreisemarkt zeichnet sich kein »back to normal« (Rückkehr zur Normalität) ab, wie auch Andreas Kagermeier sagt, Tourismusgeograf an der Uni Trier. In anderen Bereichen dagegen erwartet er mit Blick auf Langzeittrends keine dauerhaften Veränderungen: Klassischerweise verbringe etwa ein Drittel der reisenden Deutschen den Haupturlaub im eigenen Land. Im Corona-Jahr 2020 seien es mit 45 Prozent deutlich mehr gewesen. Ob das ein stabiler Trend sei, sei jedoch noch offen.

»Ich denke, dass Corona nur ein Aspekt von vielen ist«, sagt Kagermeier. Es werde vielfach eine Rückkehr zu alten, traditionellen Mustern geben. Wobei es sein könne, dass Kurzreisen und zusätzliche Trips weiterhin stärker in Deutschland stattfinden werden. Klar sei: Hessen als klassisches Kurzziel stehe im Wettbewerb mit anderen Regionen. Potenziale zum Ausschöpfen sah der Forscher etwa im Bereich des Wellness- bis hin zum Luxustourismus.

»Durch Corona hat sich viel verändert, der Fokus liegt ganz klar auf Tagestourismus.« Das sagt Ralf Vogler, Tourismusforscher von der Hochschule Heilbronn, der im Rahmen einer Studie eine nachhaltige Tourismusstrategie in der hessischen Spessart-Region untersucht. »Was wir im Projekt erlebt haben: Den Leuten ist viel mehr bewusst geworden, wie wichtig es auch ist, Tagesreisen zu unternehmen. Weil die Menschen im Lockdown einfach raus wollten.« Dabei nähmen die Leute stärker ihre Region in den Blick. Aber: »Das Potenzial des heimischen Tourismus ist in vielen Regionen nicht ausgeschöpft, weil die Menschen noch in alten, bekannten Wegmustern denken.«

Bei den Übernachtungszahlen geht Vogler davon aus, dass gerade Regionen mit Bergen und Meer von der Corona-Krise profitieren werden - doch Hessen in puncto touristisches Bewusstsein. »Hessen wird keine Tourismusdestination wie Bayern oder Schleswig-Holstein. Aber wir werden - plakativ gesagt - vielleicht auch mehr als nur Frankfurt sein. Denn die Leute schauen sich mehr ihren Nahbereich an und stellen fest: Meine Heimatregion hat auch sehr viele schöne Ecken.« FOTO: DPA



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