Hessen

Die Gäste schlafen im Kühlschrank

Fridolins erstes Mal steht kurz bevor, sein Körper gibt ihm deutliche Signale. Ständig gähnt die kleine Griechische Landschildkröte, frisst und bewegt sich weniger. Eindeutig: Der Kleine, dessen wahres Geschlecht noch ein paar Jahre unklar bleiben wird, ist reif für die Winterstarre im Frankfurter Schildkrötenhotel.
03. November 2021, 20:36 Uhr
Redaktion
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Diese Phase gehört zum Leben Griechischer Landschildkröten«, betont Dr. Ulf Riedel, Tierarzt in Frankfurt-Bockenheim. »In der Natur haben sie im Winter auch nichts zu fressen. Diese Ruhepause brauchen die Tiere für ihre Gesundheit, ihren Stoffwechsel, ihren Fortpflanzungszyklus.« Wenn sie dagegen unter Wärmelampen wachgehalten werden, wachsen sie zu schnell, werden quasi gemästet. Es drohen Gesundheitsschäden.

Viele Halter wissen das, aber sind sich unsicher, wo sie das Tier ruhen lassen sollen. Daher bietet Riedel seit 15 Jahren einen Überwinterungsservice in seinem »Schildkrötenhotel« an. Nur dass die Hotelgäste keine Minibar haben, sondern selbst im Kühlschrank übernachten. Ein Euro pro Tag kostet der Service. »Früher hat man die Schildkröten oft im Keller in eine Laubkiste gesetzt«, weiß der 57-Jährige, »aber jetzt sind die Häuser isoliert und die Keller oft zu warm.« Damit die Tiere aber in Winterstarre fallen, monatelang ohne Futter und mit wenigen Herzschlägen pro Minute auskommen, brauchen sie vier bis sechs Grad Celsius. Das lässt sich nur im Kühlschrank konstant gewährleisten - draußen im Garten folgt auf einen milden Dezember oft ein eiskalter Februar. Im Kühlschrank in der Küche, der ständig geöffnet wird, haben die Tiere keine Ruhe. Und für ein separates Gerät ist oft kein Platz. Als sich die Anfragen wegen der Überwinterung häuften, entschloss sich Riedel daher, seinen gepanzerten Patienten zu helfen. »Ich habe einen Gastro-Kühlschrank angeschafft«, berichtet er. »Erst waren es 20 Schildkröten, die dort Platz fanden, inzwischen sind wir mit über 200 bald an der Kapazitätsgrenze.«

Für Fridolin ist alles ganz neu, er ist ein »Erstschläfer«. Immerhin durfte er bis heute morgen noch fressen - seine liebste Beschäftigung neben Klettern und Sonnenbaden. »Die Auffassung, dass die Tiere sich vor der Starre komplett entleeren müssen, ist überholt«, sagt Riedel. Wie alle Schildkröten wird er genau untersucht, quasi auf Herz und Panzer geprüft. Schon im August hat seine Halterin mehrere Kotproben von ihm abgegeben. Wenn Parasiten festgestellt werden, müssen diese per Wurmkur beseitigt werden, solange die Tiere fressen. Kranke Tiere dürfen nicht in die Winterstarre.

»Hotelchef« studierte in Gießen

Daher ist Fridolins Halterin froh, dass der Kleine fit ist - auch wenn der Abschied schmerzt. Wie viele hängt sie sehr an ihrem Panzertier, dass jeden Morgen zutraulich oder, wie Riedel sagt, »in froher Essenserwartung« ankommt.

»Schildkröten sind faszinierende Tiere«, weiß der Arzt, der selbst seit 30 Jahren drei Exemplare hält. »Überhaupt nicht langweilig, wie manche denken. Es macht richtig Spaß, sie zu beobachten.« Nach seinem Studium der Tiermedizin in Gießen beschäftigte er sich zunächst mit Papageien. Inzwischen ist er als Reptilienspezialist bekannt, auch wenn er weiterhin andere Tiere behandelt, Menschen von Holland bis zum Bodensee kommen mit ihren Schildkröten zu ihm in seine Praxis, die er seit 1993 hat. Außerdem macht er Dienste im Zoo. »Ich arbeite jedes Wochenende, meine Familie kennt es gar nicht anders«, sagt der engagierte Tierarzt.

Auch sein Praxisteam besteht aus Schildkröten-Fans, einige Mitarbeiter halten selbst welche. »Es ist erstaunlich, mit welchem Engagement viele Menschen ihren Garten für die Tiere umkrempeln«, berichtet Riedel. Denn, ganz wichtig: »Man muss sie im Freiland halten, ob im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse. Sie brauchen Sonnenlicht. UV-Lampen können das nicht ersetzen. »

In der Übergangszeit geht es in Deutschland aber nicht ohne die Lampen. Fridolin hat seit Anfang Oktober darunter sein Sonnenbad genommen. Jetzt im Vorbereitungsraum des Schildkrötenhotels, quasi im Foyer, bekommt er auch noch eine - erst langsam wird die Temperatur für jede Schildkröte abgesenkt, bis sie Anfang November in eine Kiste in den Kühlschrank kommt.

Pflaster mit Namen auf dem Rücken

Neben »Fridolin« warten schon »Olga« und »Olli«. Jedes Tier hat ein Pflaster mit seinem Namen auf dem Rücken. »Sonst weiß ich bei 200 Schildkröten nicht mehr, welche ich schon untersucht habe«, sagt der Arzt. Die Tiere werden wöchentlich kontrolliert. Falls sie etwa zu viel Gewicht verlieren oder eine Rötung am Panzer auftritt, müssen sie aufgeweckt werden. »Es ist immer möglich, dass Krankheiten übersehen werden«, weiß Riedel. »Bei der Kontrolle sehen wir, wenn etwas nicht stimmt.« Fridolin hat sich nach der Untersuchung in seinen Panzer zurückgezogen. Noch ein Abschiedsblick auf seinen Menschen? Fehlanzeige. Er wird als Erstschläfer etwa zwölf Wochen starren, Ältere schlafen bisweilen länger. Danach ruft die Praxis, wenn alles gut geht, seine Halterin an: »Fridolin ist aufgewacht.« Ein emotionaler Moment - jedenfalls für eine Seite. »Die Schildkröten sind beim Wiedersehen noch nicht in der Lage, sich zu freuen«, weiß Riedel, »aber die Leute sind immer wahnsinnig glücklich.«

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