29. September 2021, 20:43 Uhr

Corona-Kummer lässt Sorgentelefone klingeln

29. September 2021, 20:43 Uhr
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Von DPA
Kummer in der Corona-Krise hat viele Menschen zum Telefon greifen lassen. FOTO: DPA

- Dunkle Gedanken, Ängste und Einsamkeit: Die seelischen Folgen der Corona-Pandemie mit Lockdown und Kontaktbeschränkungen haben viele Hessen in den vergangenen Monaten zum Telefon greifen lassen. Anbieter von Sorgen- und Beratungs-Hotlines bemerken eine stärkere Nachfrage. »Wir führen das einerseits darauf zurück, dass es einen größeren Bedarf gab durch Einschränkungen, Ängste, durch soziale Isolation«, berichtet etwa Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen. Einen weiteren Grund sehe man darin, dass das Angebot der Telefonseelsorge stärker ins Bewusstsein gerückt sei.

Viele hätten festgestellt: »Da gibt es ein Angebot, das genau passt für diese Zeit, wenn Menschen überwiegend zu Hause sein müssen und anonym anrufen können«, sagt Möhrer-Nolte. Wobei das Sorgentelefon auch schon früher gut nachgefragt gewesen sein, ebenso das digitale Ratgeber-Angebot per E-Mail oder Chat. Im zweiten Quartal dieses Jahres seien fast 2200 Beratungsgespräche geführt worden.

Nach bundesweiten Daten des Netzwerkes »Telefonseelsorge«, zu dem nach eigenen Angaben mehr als 100 regionale Stellen in Deutschland gehören, gab es 2020 rund fünf Prozent mehr Anrufe (fast 1,28 Millionen) als 2019 sowie zehn Prozent mehr tatsächlich durchgeführte Gespräche (rund 1,03 Millionen). Der Anstieg bei den E-Mail-Kontakten betrage 28 und der bei den Chats über 70 Prozent. Auffällig für die vergangenen Corona-Monate sei, dass die Anrufer häufiger den Themenbereich »depressive Stimmung« als Grund für ihren Redebedarf nannten. »Also, dass Menschen sich sehr bedrückt, sehr überlastet fühlen und auch gerade in der Pandemie sehr erschöpft sind.« Ein weiteres großes Thema sei die Einsamkeit.

Ähnliches kann Annette Isheim vom Leitungsteam der katholischen Telefonseelsorge Frankfurt mitteilen: Die Zahl der Anruferinnen und Anrufer habe nicht nur zugenommen, sondern es seien auch viele Menschen darunter, die sagten, sich das erste Mal bei der Hotline zu melden. »Es riefen auf jeden Fall viele Menschen an, die durch Quarantäne und Lockdown keinen beziehungsweise einen schwereren Zugang zu anderen Unterstützungsangeboten hatten.« Zu der gestiegenen Nachfrage habe sicherlich auch beigetragen, dass kontaktlose und digitale Beratungsstrukturen bereits vorhanden waren.

Themen aus dem Menschlichen

Die Themen, wie Isheim weiter berichtet, berühren häufig das Zwischenmenschliche. »Also neben partnerschaftlichen insbesondere familiäre, freundschaftliche, nachbarschaftliche und kollegiale Beziehungen«. Diese Themen sowie die Aspekte Einsamkeit und Ängste hätten sich durch die Pandemie verstärkt oder verändert, da durch Corona neue Schwierigkeiten oder Konflikte hinzugekommen seien.

Auch die Telefonseelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) registrieren zahlreiche Anrufer. »Viele Beratungsteams arbeiten inzwischen an ihrer Belastungsgrenze«, teilt EKHN-Sprecher Volker Rahn mit. Zu Beginn der Pandemie sei das anders gewesen. »Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 stockte die hessen-nassauische Kirche ihre telefonischen und digitalen Beratungsangebote wie ›Pfarrer im Netz‹ massiv auf.« Doch die Nachfrage sei überraschend weder bei der Telefon- noch der Online-Seelsorge oder den ambulanten Diensten in den ersten Wochen nennenswert in die Höhe geschnellt. »Es scheint, als ob sich die Menschen zu Beginn gut mit der Situation arrangieren konnten.« Mittlerweile aber habe sich das Bild gewandelt: »Je länger die Corona-Krise andauerte, desto mehr kriselte es offenbar auch seelisch, erklärt Rahn.

Und was raten die Telefonseelsorger? »Das ist ganz individuell«, sagt Möhrer-Nolte. »Aber es ist schon ein wichtiger Schritt, aus der Einsamkeit, aus einer depressiven Stimmung rauszugehen, indem man nach außen tritt. Und das tun die Menschen ja, ob per E-Mail, im Chat oder am Telefon. dpa



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