26. Juli 2021, 20:39 Uhr

Comeback der Präsenzmessen

Es fehlt der Händedruck - online alleine reicht nicht. Mit dieser Überzeugung bläst die deutsche Messewirtschaft zum Neustart nach Corona, auch am wichtigen Standort Frankfurt. Doch die Präsenzmessen in alter Form wird es wohl nicht mehr geben.
26. Juli 2021, 20:39 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA
Eine Präsenzmesse, so wie man sie kannte: 2019 drängten sich die Besucher auf der Buchmesse in Frankfurt an den puristisch gestalteten Buchregalen des norwegischen Pavillons. Auch nach Corona werden Messen vor Ort anders aussehen, mutmaßt die Branche. ARCHIVFOTO: DPA

Die Frankfurter Buchmesse, die erste IAA in München, Anuga und Art Cologne: Der deutsche Messekalender ist in diesem Herbst fast so gut gefüllt wie vor der Corona-Krise. Nach 18 Monaten Zwangspause wollen die Messegesellschaften endlich wieder durchstarten und mit internationalen Präsenzveranstaltungen bei Ausstellern und Fachbesuchern punkten. Neuerliche Absagen wegen der Delta-Variante des Coronavirus sollen dabei mit ausgefeilten Hygiene-Konzepten verhindert werden. Der Branchenverband AUMA schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden durch die vielen abgesagten Messen inzwischen auf deutlich über 40 Milliarden Euro seit Beginn der Pandemie im März 2020. Im letzten Jahr seien rund 70 Prozent der Messen abgesagt worden und in diesem Jahr seien es auch schon über 60 Prozent, sagt AUMA-Geschäftsführer Jörn Holtmeier.

Der Frankfurter Messechef Wolfgang Marzin glaubt fest an die Zukunft der Präsenzmessen: »Die zwangsweise vollständige Verlagerung von Veranstaltungen in den digitalen Raum hat wie unter dem Brennglas deutlich gemacht, dass die physische geschäftliche Begegnung ihre Funktion für den Geschäftserfolg behält, vielleicht sogar ausbauen wird.« Deutschlands umsatzstärkste Messegesellschaft hat im Corona-Jahr 2020 zwei Drittel ihres Umsatzes verloren und einen Verlust von 122 Millionen Euro verbucht, wobei 2021 eher noch schlechter läuft. Immerhin konnte Marzin bislang Entlassungen vermeiden, Stellen werden im Frankfurter Messe-Torhaus aber dennoch abgebaut, wie an den anderen Messestandorten auch. Die Nürnberger Firma Hoff-Interieur GmbH bezeichnet sich selbst als »Marktplatz der Welt«, weil sie ihre Wohn-Accessoires in weltweit mehr als 300 Handwerksbetrieben herstellen lässt und dann an Einzelhändler vertreibt. Während der Pandemie habe man viel Zeit und Geld in digitale Projekte gesteckt, Webshops verbessert und die Produkte dreidimensional visualisiert, berichtet Firmenchef Lars Adler. »Das sind alles Dinge, die auch nach der Pandemie bestehen bleiben werden, aber Messen nicht ersetzen können.« Die Sortimente könnten ihre volle Wirkung nur inszeniert in emotionalen Themenwelten entfalten, der Kunde müsse sie haptisch wahrnehmen. Die digitalen Formate aus der Zwischenzeit haben ihre Grenzen im zwischenmenschlichen Bereich, glaubt man auch beim Verband. »Die Geschäftspartner kennenlernen, das geht nur im persönlichen Kontakt«, ist AUMA-Geschäftsführer Holtmeier überzeugt. »Gemeinsam Geschäfte zu machen, basiert auf Vertrauen, das kann man online nicht ersetzen. Es braucht einfach den Händedruck.« Auch der Messeverband verweist auf die direkten Möglichkeiten, die jeweiligen Produkte oder Dienstleistungen mit allen Sinnen zu erleben, sich einen Eindruck über den Gesamtmarkt zu verschaffen und letztlich auch auf die Funktion der Zufallsbegegnung, die schon am Anfang von vielen guten Projekten gestanden habe. Gerade bei Konsumgütern sei es für die Messe-Fachbesucher unverzichtbar, sich persönlich von der Qualität der Waren zu überzeugen, sagt auf der Einkäuferseite der Geschäftsführer des Handelsverbands Wohnen und Büro, Christian Haeser. »Auch das Aufspüren neuer Trends ist nur im Rahmen einer Präsenzmesse möglich« Die Einkäufer wünschen sich aber sehr wohl digitale Zusatzangebote, die auch Kosten sparen sollen. »Es wird Sprünge geben bei der Integration sinnvoller digitaler Elemente«, sagt Frankfurts Messechef Marzin. Vieles ist schon vor Corona auf den Weg gebracht worden, wie zusätzliche Informationsangebote, Termintools oder die gezielte elektronische Ansprache von Teilgruppen.

Teilnehmer schauen verstärkt aufs Geld

Gleichzeitig achten die Teilnehmer verstärkt auf ihre Kosten beim Messeauftritt: Delegationen werden verkleinert, Übernachtungen möglichst reduziert. Wegen des fehlenden Messegeschäfts haben in Frankfurt bereits mehrere Hotels dichtgemacht: Dem Fünf-Sterne-Flaggschiff Hessischer Hof folgten zuletzt drei Häuser der Kette Flemings, weitere Betriebe könnten bald folgen, fürchtet der örtliche Hotel- und Gaststättenverband. Marzin weist aber auf die vielen vor Corona neu eröffneten Häuser: »An mangelnden Übernachtungsmöglichkeiten in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region wird keine unserer Veranstaltungen scheitern.« Schon die wieder auf Präsenz umgestellte Buchmesse des Deutschen Börsenvereins wird im Oktober zeigen, wohin die Reise geht.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos