18. Oktober 2021, 20:18 Uhr

Camp, aus dem die Träume waren

18. Oktober 2021, 20:18 Uhr
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Aus der Redaktion

- Die Grünfläche am Willy-Brandt-Platz ist kein besonders beliebter Ort. Die Frankfurter hasten an dem kleinen Areal zwischen Schauspiel und Eurotower, in dem früher die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Sitz hatte, eher vorbei, weil sie eine Tram erwischen müssen. Die Einzigen, die sich hier länger aufhalten, sind Touristen, denn bei denen ist die leuchtende Euro-Skulptur immer noch ein beliebtes Fotomotiv.

Es gab aber eine Zeit, da stand die Parkanlage im Fokus der politischen Aufmerksamkeit, nicht nur in Frankfurt, sondern auch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Fast zehn Monate lang befand sich hier das Camp von »Occupy Frankfurt«, ein quirliges, utopisches und zeitweise sehr dreckiges Protestlager, das wohl wichtigste der damals global aufploppenden Occupy-Bewegung in der Republik.

In dieser Woche vor zehn Jahren, am 15. Oktober 2011, wurden im Anschluss an eine Demonstration von Sympathisanten der US-Bewegung »Occupy Wall Street« unweit der damaligen EZB-Zentrale die ersten Zelte aufgebaut. Zunächst herrschte Euphorie unter den meist jungen und politisch völlig unerfahrenen Besetzern, die sich rasch Strom, WLAN und eine Küche besorgten, sich in Arbeitsgruppen organisierten und in ihren berüchtigten Vollversammlungen, den »Assambleas«, endlos über die Finanzmärkte, globalen Kapitalismus, Ökologie und die Zukunft der Menschheit stritten.

Die Stadtgesellschaft nahm das Occupy-Camp freundlich auf und war fast ein bisschen stolz, Bühne dieser Bewegung zu sein, die im Interesse von 99 Prozent der Weltbevölkerung sprechen wollte, die einem Prozent Superreichen gegenüberstünden.

Eine Zeit lang blieb die Stimmung im Occupy-Camp gut, die Diskussionen produktiv. Doch bald bekam das Selbstbild eines utopischen Raums, an dem jeder sprechen kann, Risse: Intern kam es zu Konflikten zwischen Occupy-Aktivisten, die nur für eine Regulierung der Finanzmärkte eintraten, und solchen, die eine umfassende Gesellschaftskritik formulierten. Die Debatten faserten aus und nahmen selbstzerstörerische Züge an, es gab Kritik aus der linken Szene an allzu platter Kapitalismuskritik, die teils nur »gierige Banker« in den Blick nahm. Krude Theorien und Anhänger von Politsekten kamen ebenso ins Camp wie Obdachlose und Angehörige der Roma-Minderheit, die endlich einen Ort in der Stadt fanden, wo sie nicht sofort verjagt wurden.

Nach fast zehn Monaten und immer lauter werdender Kritik an den hygienischen Zuständen im Camp hatte die Geduld der Stadt ein Ende: Am 6. August 2012 räumte die Polizei das Camp, die letzten Aktivisten gaben erschöpft auf. Inzwischen hatte ihr Protest aber dazu beigetragen, dass die linke Sammlungsbewegung »Blockupy« ihre Fühler nach Frankfurt ausstreckte, der harte Kern von Occupy Frankfurt fand in der Unterstützung für Geflüchtete oder NGOs neue Betätigungsfelder.

Das Camp mit seinen ausufernden Debatten hatte eine ganze Generation junger Frankfurter politisch geprägt. Dass Occupy politisierend gewirkt habe und an den Ideen der Bewegung bis heute etwas dran sei, bekommt man auch zu hören, wenn man mit Aktivisten von damals spricht.

Jan Umsonst, eines der bekannteren Gesichter des Frankfurter Camps, steht bis heute hinter der Grundidee von Occupy, auch wenn er nicht am Namen hängt. »Es ging mir ums Prinzip, für eine selbstorganisierte Welt mit Wissen und friedlichen Mitteln zu kämpfen«, erinnert der 48-Jährige sich. Er habe etwas gegen die »soziale, ökonomische und ökologische Zerstörung unserer Welt« unternehmen wollen. Durch die Corona-Pandemie und den Klimawandel werde heute für alle sichtbar, dass »unsere globalisierte und voneinander abhängige Welt mit jedem Jahr mehr ins Chaos abdriften wird«, so Umsonst. »Fridays for Future« und andere globale Protestbewegungen würden aber immer wieder auftauchen, »bis wir gewinnen werden oder unsere Welt durch die bestehenden Strukturen ins Chaos gestürzt werden wird und die Menschheit auf einem zerstörten Planeten eine wahrlich traurige Zukunft haben wird«.

Ein 2011 ebenfalls sehr bekannter Frankfurter Occupyer, der sich bis heute Thomas Occupy nennt und damals in stets derselben blau-gelben Trainingsjacke unzählige Interviews gab, beklagt, dass die Bankenbranche heute genauso intransparent und verlogen sei wie damals. Thomas Occupy ist bis heute davon überzeugt, dass das Camp vor allem durch politischen und medialen Druck von außen gescheitert sei - nicht an sich selbst.

Das sieht Novak Petrovic ganz anders. Der Frankfurter Immobilienhändler, der mit Leidenschaft auf gierige Banken und die intransparente Finanzbranche schimpft und dabei stets betont, er habe selbst in seiner Karriere unzählige Banker bestochen, findet, dass die Stadt sehr viel Geduld mit Occupy gehabt habe. Das Camp sei geräumt worden, »weil’s gar nicht mehr ging«, sagt der 64-Jährige. Die Bewegung habe es nicht geschafft, »die Euphorie der ersten Wochen zu halten«.

Petrovic war im Herbst 2011 auf einer Reise nach Kanada auf die Occupy-Bewegung gestoßen und wurde später der heimliche Sponsor von Occupy Frankfurt. Er war es auch, der am Ende mehrere Zehntausend Euro für die Entrümpelung der Grünanlage bezahlte. Politisch habe die Bewegung zwar wenig erreicht, sagt Petrovic. Aber er glaube, dass die Idee von Protestcamps etwa vor Banken oder anderen Institutionen jederzeit wiederbelebt werden könne. »Occupy ist ja nicht tot, die Idee ist gut und berechtigt.« Hanning Voigts



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