25. Oktober 2021, 19:19 Uhr

Babyleiche: Polizei rollt Fall neu auf

Der grausige Fund ist rund 22 Jahre her, nun unternehmen Polizei und Staatsanwaltschaft einen neuen Versuch, den Fall zu lösen. Ein Spaziergänger fand am 1. April 1999 im Feld zwischen den Büdinger Stadtteilen Vonhausen und Lorbach eine Babyleiche - abgelegt in mehreren Tüten. Nun ist ein DNA-Reihentest mit 600 Frauen geplant. Es gilt, die entscheidende Frage zu beantworten: Wer ist die Mutter des Mädchens?
25. Oktober 2021, 19:19 Uhr
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Aus der Redaktion

Sechs Monate ist er immer wieder an dem zugeschnürten blauen Müllsack vorbeigegangen, der an einer Hecke im Feld zwischen den Büdinger Stadtteilen Vonhausen und Lorbach lag. Immer wieder ärgerte sich der damals 38-jährige Spaziergänger über den Müll in der Landschaft. An Karfreitag 1999 schaute er genauer nach - und machte eine grausige Entdeckung: Im Müllsack lag ein totes Baby. Das neugeborene Mädchen bekam von den Ermittlern den Namen Sabrina. Die Mutter ist nach wie vor unbekannt. Nun unternehmen Staatsanwaltschaft Gießen und Polizeipräsidium Mittelhessen einen neuen, groß angelegten Versuch, um herauszufinden, wer das Kind zur Welt gebracht hat. Dass es lebend geboren wurde, steht für die Ermittler fest.

Entbindung eventuell Ende 1998

In einer Pressemitteilung der Polizeidirektion Friedberg vom 1. April 1999, dem Tag des Auffindens, hieß es: »Wie Beamte der PD Friedberg, Staatsanwaltschaft Gießen und ein Rechtsmediziner aus Gießen mittlerweile feststellen konnten, handelt es sich um die Leiche eines weiblichen Neugeborenen. Eine Liegezeit von sechs Monaten - wie der Finder meinte - wird von den Kriminalisten und der Rechtsmedizin für durchaus möglich gehalten.« Die Entbindung könnte Ende 1998 gewesen sein.

Reihentest am 6. und 7. November

Zweiundzwanzigeinhalb Jahre später, am Montag, berichtete Staatsanwalt Thomas Hauburger im Gespräch mit dieser Zeitung über die Zeit nach dem Fund. »Es gab einige Hinweise, die sind auch abgearbeitet worden. Da wurden auch Frauen konkret angesprochen, die konnten aber ausgeschlossen werden.« Man habe diese Frauen auch noch mal nach den nun neuesten DNA-Standards überprüft. Das Ergebnis auch diesmal: Keine der Frauen kann die Mutter des toten Mädchens sein.

Nun soll der DNA-Reihentest die Lösung des Falls einleiten, so hoffen die Ermittler. Am 6. und am 7. November wird er in Lorbach stattfinden. Dazu heißt es in einer aktuellen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft: »Daher werden im Laufe der kommenden Wochen insgesamt etwa 600 Frauen, die zum Zeitpunkt des Leichenfundes zwischen 13 und 30 Jahre alt und damals im Raum Büdingen wohnhaft waren, zur Abgabe einer freiwilligen Speichelprobe gebeten.«

Warum erst jetzt ein solcher Massentest? Hauburger verweist auf die Vielzahl sogenannter Cold Cases, Fälle also, die lange zurückliegen und bisher noch nicht aufgeklärt worden sind. Einen alten Fall noch mal unter die Lupe zu nehmen, bedeute einen hohen Personalaufwand. Es gebe aber keine spezielle Cold-Case-Einheit, deshalb könne man sich diese Fälle nur dann erneut vornehmen, wenn die Zeit dafür da sei, wenn also nicht andere, aktuelle Fälle aufzuklären seien.

DNA-Muster des Kindes komplett

Cold Cases zeigen auch, dass die Zeit nicht ausschließlich gegen die Ermittler arbeitet, sondern dass sie auch neue Möglichkeiten mit sich bringt, der Lösung eines Falles vielleicht den entscheidenden Schritt näher zu kommen. Bestes Beispiel ist die DNA-Analyse als Meilenstein in der Geschichte der Ermittlungsarbeit.

In der aktuellen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft heißt es: »Eine neue Bewertung des Falles unter Einbindung des Rechtsmedizinischen Institutes der Uni Gießen und einer parallel in Auftrag gegebenen Fallanalyse beim Hessischen Landeskriminalamt ergab, dass die Mutter aus dem unmittelbaren Nahbereich des Ablageortes stammen muss. Zudem konnte im Jahr 2020 ein vollständiges DNA-Muster des Kindes erstellt werden, über das die Mutter identifiziert werden kann.«

Bis heute tappen Polizei und Staatsanwaltschaft im Dunkeln, was die genauen Todesumstände beziehungsweise der Leichenablage betrifft. Und was die Identität von Sabrina und ihrer Mutter angeht. Allerdings habe eine Studie gezeigt, dass die Mutter in solchen Fällen in der Regel zwischen 13 und 30 Jahre alt sei und den Leichnam nahe ihrer Wohnung ablege, sagte Hauburger am Montag.

Ans Gewissen der Mutter appellieren

Die Hoffnungen sind nun auf den DNA-Reihentest gerichtet. »Wir halten diese Maßnahme für Erfolg versprechend«, sagte der Staatsanwalt und verwies auf die Kombination aus Öffentlichkeitsfahndung und DNA-Reihentest. Diese Kombination führe in etwa jedem dritten Fall zur Aufklärung desselben. Ein solches Vorgehen sei zudem wie ein »Appell an das Gewissen der Mutter«. ARCHIVFOTO: SCHEPP



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