18. Juni 2021, 19:22 Uhr

Auweia, der Hahn legt keine Eier

Hühner sind angesagt, ein Muss. Meine Familie macht nicht jede Mode mit, aber das Thema stand bei uns schon lange auf der Agenda. Einen Zaun haben wir bereits vor zwei Jahren gekauft. Dann kam dies und das und jenes - und dann auch noch Corona. Von Hahn und Hennen war da keine Rede mehr. Im April meldete sich überraschend unsere älteste Tochter Hannah aus ihrer Stadtwohnung zu Wort: »Wollen wir nicht zusammen Hühner anschaffen?« Ja, wir wollen! »Bei euch natürlich.« Klar. Wo sonst?
18. Juni 2021, 19:22 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Kater Findus sagt: »Hühner sind dumm.« Er und der alte Petterson sind die Hauptfiguren in den wirklich witzigen, lehrreichen und manchmal zu Tränen rührenden Kinderbüchern von Sven Nordqvist. Der kleine freche Findus ist ein findiger Kater, aber von neuesten wissenschaftlichen Studien weiß er nix. Denn Wissenschaftler sagen: Hühner sind gar nicht dumm. Seit drei Wochen haben wir eine kleine Schar auf dem Grundstück - und wir können diese Erkenntnisse bestätigen. Aber auch, dass Hühner manchmal gemein, ja sogar hinterhältig sind. Dass Hähne lügen, wenn es darum geht - Sie wissen schon. Aber die Hühnerschar kann auch etwas sehr Schönes (außer Eier legen). Wenn sie wie selbstvergessen mit der Suche nach Futter beschäftigt ist, dann macht uns das auch locker. Wenn die Hennen still am Zaun stehen und in die Ferne schauen, dann halten auch wir inne. Hühner bei all ihrem Tun und Nichtstun zu beobachten, beruhigt ungemein, tut der Seele gut.

Das Hühnerhaus

Aber noch mal zurück auf Anfang. Auf den Anruf der Tochter folgten turbulente Wochen. Meine Frau und ich sind zwar sozusagen mit Hühnern aufgewachsen, aber das ist lange her. Unser Wissen über das Federvieh war also nur noch rudimentär: Sie fressen, scharren, krähen, gackern - und legen Eier. Nun haben wir unsere Kenntnisse aufgefrischt. Und auch die Töchter Hannah, Neele und Kara sowie Schwiegersohn Felix haben in der Internet-Suche oft Begriffe eingegeben wie: »Hühnerfutter«, »Hühnerklappe« und »Legenest«. Dazu »Hühner, Fuchs und Habicht« - oder auch »Rotmilben«. Wir alle haben gebaut (Felix ist ein wahrer Baumeister), gestrichen, gehämmert, getüftelt. Es gab blaue Daumennägel, und der Vater hat noch mehr graue Haare.

Was wir nicht googeln mussten, waren Namen für die Hühner. Für die Töchter war klar: Sie sollen wie die Glucken von Petterson und Findus heißen, also Prillan, Mathilda, Fia, Henrietta und so weiter. Der Hahn, das sei ja wohl klar, werde Caruso genannt. Felix war es offenbar egal, aber in mir regte sich Widerstand. Aber dazu komme ich noch. Hannah hatte auch schon klare Vorstellungen davon, welche Rasse es sein sollte: Schwedische Blumenhühner. War ja klar. Wenn sie mal ein Haus haben, werden sie es schwedenrot anstreichen. Und Hannah ist ein großer Fan der Geschichten von Astrid Lindgren. Meine Frau tendierte eher zu Sundheimern, das sind Zweinutzungshühner (Eier und Sonntagsbraten), die aktuell bei Hobbyhühnerhaltern sehr beliebt sind.

Die große Nachfrage nach beiden Rassen und die Vogelgrippe zwangen uns zum Warten. Kein Huhn zu kriegen, höchstens befruchtete Eier. Aber wer von uns brütet die aus? Und woher wissen wir, ob aus den Eiern Hennen oder Hähne schlüpfen? Wir sind strikt gegen Dinge wie schreddern. Insofern zogen wir uns feige (oder doch eher klug?) aus der Affäre und warteten einfach ab.

Während wir warteten, suchten wir eine passende Behausung (ein kleines Gartenhaus), dazu Futtertrog und Wasserspender, Legenester. Kieselgur, das hatten wir gelesen, brauche man auf jeden Fall, um Rotmilben in Schach zu halten. Das sind üble Blutsauger, die Hennen und Hähnen nachts zu Leibe rücken. Unternimmt man nichts dagegen, gehen die Hühner elendig zu Grunde. Also kaufte ich ein paar Kilo. Dann kam das Haus. Töchter und Felix bauten es auf. Es blieb einige Wochen im halbfertigen Zustand stehen. Weil wir ja noch keine Hühner hatten, machten wir uns keinen Druck.

Der erste Tag

Dann ging alles ganz schnell: Hannah rief an einem Freitagabend an. »Ich kann morgen zwei Blumenhühner und einen Blumenhahn abholen. Und wir könnten noch zwei Hennen von anderen Rassen bekommen.« Das hörte sich gut an. Aber es bedeutete auch: Samstag Großeinsatz, die ganze Familie. Gott sei Dank kann jeder einen Hammer oder einen Pinsel halten, Akkuschrauber ist auch kein Problem. Mich hielt man von der jungen Truppe fern. Und siehe da: Am Abend konnten die Hühner einziehen. Weil das Glück gerade auf unserer Seite war, konnten wir noch am selben Tag zwei Hühner im Nachbardorf abholen: Sundheimer, allerdings nicht reinrassig. Trotzdem eine gute Nachricht. Nur kommen die bei uns nicht irgendwann in den Topf. Unsere Hühner, sagen die Kinder, werden nicht getötet. Wir werden sehen.

Die erste Nacht

Zurück zu diesem Supersamstag. Mit einem einfachen Steckzaun hatte ich ein Provisorium für die Hühner geschaffen, 20 Meter vom Hühnerhaus entfernt. Ohne gesicherte Verbindung. Im Hühnerwahn denkt man eben nicht an alles. Dann kam der Abend und die Dämmerung. Die Stalltür stand einladend offen, aber die Hühner gingen alle ihren eigenen Weg. Nur der Gockel versuchte tapfer, seine Schar irgendwie hinter (oder vor) sich zu versammeln. Was nicht gelang. Gut, er ist noch jung. Erst gingen wir ruhigen Schrittes hinter den Hühnern her, vermieden hektische Bewegungen. Nach einer halben Stunde verlor einer nach dem anderen die Fassung. Zuerst der Vater, ist ja klar. Dann irgendwie alle. Meine Frau schaffte es schließlich, nacheinander drei Hennen zu packen und im Hühnerhaus abzusetzen. Sie blieben sogar, musterten alles und erkannten mit Kennerblick: Das ist unser neues Zuhause. Alles da: Sitzstangen, Nester, Wasser, Futter. Felix hat das Haus sogar gedämmt. Außerdem bietet es Schutz vor Waschbär, Fuchs, Marder und allem, was da kreucht und fleucht.

Irgendwann waren alle Hennen im Haus. Nur der Hahn lieferte sich mit uns einen erbitterten Kampf. Mithilfe des Steckzauns und einer Menschenkette trieben wir ihn in die Enge. Die letzte Szene erinnerte mich an das Ende des Films »Zwei glorreiche Halunken«. Da treffen Clint Eastwood, Eli Wallach und Lee Van Cleef am Rande eines Friedhofs zum Showdown aufeinander. Bei uns gab es keine Toten, aber der Hahn zeigte uns schon am ersten Tag, dass er ein Kämpfer ist, ein Mann, der seine Freiheit liebt - und seine Hühner. Minutenlang stand er vor der Tür, dann, ganz plötzlich, ging er rein. Einfach so. Geschlagen, aber nicht gebrochen. Für mich war in dem Moment klar: Der Hahn muss Geronimo heißen, so wie der legendäre Apachenhäuptling. Aber niemals Caruso. Na ja, noch wurde er nicht getauft.

In der folgenden Nacht träumte ich von Waschbären und von einem Fuchs, der mit einer Henne im Maul davonläuft. Von einem verfressenen Habicht, der ein Blumenhuhn entführt. Und von blutsaugenden Monstermilben. Zigmal stand ich am Fenster, schaute ins Dunkel. Alles ruhig. So blieb es bis zum Morgengrauen. Erschöpft schlief ich ein.

Tiere sind unsre Freunde, wir haben/hatten schmusige Katzen, allerlei Zwergkaninchen. Jima ist nach Aischa unsere zweite Hündin. Wir alle lieben Jima sehr, obwohl sie gerne Vögel jagt. Im Winter füttern wir Sperling, Meise und Rotkehlchen, aber auch die Rabenkrähen schauen vorbei. Und was passiert jetzt? Die Krähen kommen und klauen Eier. Stolzieren ins Hühnerhaus und bedienen sich. Gut, »klauten« wäre das richtige Wort, denn wir haben sie überlistet. Mit einem Vorhang. Aber sie sind schlau - und ausgestanden ist das Thema sicher noch nicht.

Applaus für Hennen

Wenn ich das Wort Hühner höre, dann denke ich an Eier: Frühstücksei, Spiegelei, Rührei, Omelett, Ei im Kuchen, Ei zum Panieren der Schnitzel. Unsere Kinder denken an Spiel und Spaß, verwöhnen und hätscheln. Ich soll jetzt eine Hühnerschaukel bauen - und eine Treppe, die ins Nirgendwo führt. Die Glucken bekommen so was Ähnliches wie Müsli und jeden Tag frischen Salat - mit Soße nach Wahl. Sie haben ein eigenes Bad, ohne Wasser, aber mit viel Sand. Wenn eine Henne ein Ei gelegt hat, bekommt sie Applaus. Übrigens nimmt der Hahn jede Eiablage persönlich ab und gackert nach Vollzug lauter als alle Hennen zusammen. Braver Hahn! Vielleicht sollten wir ihn weder Caruso noch Geronimo nennen. Sondern Konstantin, so wie der Hahn in der Kinderserie »Neues aus Uhlenbusch«. Ist lange her, als die im Fernsehen lief, aber sie ist immer noch gut. Da singt eine Kinderschar: »Für Gockel Konstantin hat fliegen keinen Sinn. Er muss am Boden bleiben - und uns die Zeit vertreiben.« Und dann kommt der Refrain: »Auweia, auweia, der Hahn legt keine Eier.« Die eingängige Melodie summe ich fast immer, wenn ich am Hühnergehege vorbeigehe. Und Konstantin schaut mich jedes Mal wissend an. Fotos: Hannah



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