07. April 2021, 20:28 Uhr

Arbeit als Basis für Veränderung

07. April 2021, 20:28 Uhr
Alltag lernen: Der Verein Integrative Drogenhilfe betreibt in Frankfurt Werkstätten, um Drogenabhängige durch Qualifizierung in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren. FOTO: RENATE HOYER

- Warme Luft strömt aus einer meterlangen röhrenförmigen Luftanlage in die weitläufige Schreinerei. Es ist laut. Mimoon steht einsam und verlassen vor einer Werkbank und hämmert auf ein Stück Holz. »Das wird ein Schloss«, sagt er. Mimoon lächelt. Das Schloss benötigt er für seinen aufklappbaren Werktisch. Den Tisch hat er selbst gebaut. In seinem früheren Leben wäre das undenkbar gewesen.

Der 55-Jährige hat keine handwerkliche Ausbildung. Er arbeitet auch nicht in einem kleinen Handwerksbetrieb. Mimoon arbeitet in der Schreinerei der Drogenhilfeeinrichtung Eastside in Frankfurt.

Früher war er mal Pizzabäcker und Gartenlandschaftsbauer, »von Holz hatte ich keine Ahnung«, sagt er. Er verfiel den Drogen, konsumierte Heroin und Kokain. Seit 15 Jahren substituiert er. »Damit habe ich mein Leben wieder im Griff«, sagt Mimoon. Seit 2013 arbeitet er in der Schreinerei. Wenn er die Chance bekäme, würde er gern hauptberuflich in einem Betrieb arbeiten.

Stufenmodell für derzeit 39 Klienten

Das ist eines der großen Ziele für die Leiterin des Eastside, Marion Friers. Für sie sei es »ein großer Traum«, wenn das Eastside mit Unternehmen kooperieren würde. 39 Klienten arbeiten derzeit, neben der Schreinerei in der Malerwerkstatt, im Gartenprojekt, in der Textilpflege und Gebäudereinigung. Das Ziel sei, die Drogenkonsumierenden schrittweise wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Arbeit sei auch für substituierende Drogenabhängige ein wichtiger Faktor zum Erkennen eigener Ressourcen, zum Aufbau von Vertrauen in die eigene Schaffenskraft und zum Einleiten von Veränderungsprozessen, sagt Alex Hoffmann, Leiter der Werkstätten.

Damit auch Drogengebrauchende in desolatem Gesundheitsstand einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können, entwickelte das Eastside ein Stufenmodell. Dieses sei individuell auf jeden Einzelnen ausgelegt und führe Schritt für Schritt an die qualifizierte Arbeit heran, sagt Hoffmann. Er und seine Mitarbeiter führen Aufnahmegespräche, fragen nach Wünschen, welche Fähigkeiten die Leute mitbringen, ob sie ihren Drogenkonsum im Griff haben und in welcher Lage sie sind, um arbeiten zu können.

Die Angebote reichen von einfachen stundenweisen Beschäftigungen bis hin zu sehr komplexen und verantwortungsvollen Tätigkeiten. Letztlich aber gehe es darum, den Leuten eine Perspektive zu geben, sagt Hoffmann. In der Wäscherei drehen sich die vollen Waschmaschinentrommeln. Stefan und Klaus stehen an der Ausgabe. Hinter ihnen steht ein vollgestopftes Regal mit sauberer Wäsche in großen Tüten. »Hier können die Bewohner ihre gewaschene Wäsche abholen«, sagt Stefan. Einer der Auftraggeber der Wäscherei ist das Polizeipräsidium. Die Wäsche wird für die Gewahrsamzellen benötigt. In der Woche gehen hier 50 bis 80 Handtücher und 100 Decken durch die Waschmaschinen und Trockner. Auch wenn den beiden Männern die »Wäsche schon aus den Ohren« käme, wie Klaus sagt, - die Arbeit ist wichtig für die Drogenabhängigen. Und das zeigen sie auch. »Im ersten Lockdown wurden die Arbeitsmarktmaßnahmen geschlossen. Dennoch arbeiteten unsere Klienten ehrenamtlich weiter. Sie wollten etwas zurückgeben«, sagt Leiterin Friers. Stefan Simon

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