03. November 2017, 09:23 Uhr

#metoo

#metoo: "Mehr Emphatie kann das Problem lösen"

Der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein hat eine Debatte über Sexismus ausgelöst. Der Hashtag #metoo wurde zum Symbol für Diskussionen und Enthüllungen. Im Interview erklärt eine Politikwissenschaftlerin ihre Sichtweise.
03. November 2017, 09:23 Uhr
Frauen wehren sich seit Langem gegen Sexismus und sexuelle Gewalt. Dr. Alexandra Kurth sagt in einem Interview: Männer verhalten sich sexistisch, weil sie die Macht und die Möglichkeit dazu haben. (Foto: dpa)
Der Fall des mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein hat eine zum Teil kontrovers geführte Debatte über Sexismus ausgelöst. Wir haben Dr. Alexandra Kurth, Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, dazu befragt. Mit mehr Empathie könne man das Problem schon deutlich reduzieren, sagt sie.

Frau Dr. Kurth, sind Sie vom Ausmaß der Vorwürfe gegen Herrn Weinstein überrascht? Oder haben Sie so etwas befürchtet?

Dr. Alexandra Kurth: Bezogen auf die konkrete Person hat es mich insofern überrascht, dass er meines Wissens zuvor nicht im Fokus der Kritik stand. Im allgemeineren Sinne war es allerdings weniger überraschend, denn wir wissen aus vielen Forschungsarbeiten, welches Ausmaß Sexismus nach wie vor hat.

Wie kommt es, dass Männer sich noch im 21. Jahrhundert so verhalten?

Kurth:  Wir leben auch im 21. Jahrhundert in geschlechterhierarchisch strukturierten Gesellschaften. Männer verhalten sich sexistisch, weil sie die Macht und die Möglichkeit dazu haben, denn Sexismus wird nach wie vor viel zu selten sanktioniert.

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Auch britische Parlamentsabgeordnete sollen massenweise Frauen belästigt haben. Zu den mutmaßlichen Tätern gehört auch ein Ex-Minister. Die Situation in Westminster sei für Mitarbeiterinnen so unerträglich, dass sie sich in einer WhatsApp-Gruppe gegenseitig warnen, heißt es. Sind wir gerade bei einem Rückfall in die Barbarei – oder war es nie anders?

Kurth: Es ist schwierig zu beurteilen, ob es eine Zunahme von Sexismus gibt, oder ob sexistische (Straf-)Taten gerade vermehrt vom Dunkel- ins Hellfeld rücken, weil sich von Sexismus Betroffene häufiger trauen, ihr Schweigen zu brechen. Ganz allgemein lässt sich aber sagen, dass alle wissenschaftlichen Untersuchungen ein erhebliches Ausmaß an Sexismus festgestellt haben. Übereinstimmend lauten die Ergebnisse, dass es kaum Frauen gibt, die noch nie sexistische Erfahrungen gemacht haben. Außerdem werden sexistische Straftaten vergleichsweise selten zur Anzeige gebracht, das Dunkelfeld ist entsprechend hoch.

 

Infokasten

Definiton Sexismus

Laut Frau Dr. Kurth kann man den Begriff Sexismus im allgemeinen Sinne so definieren: Unter Sexismus fallen Haltungen, Äußerungen, Einstellungen, Taten, Strategien, Methoden und Ideologien, die zur Diskriminierung, Unterdrückung, Marginalisierung und/oder Verachtung einer Person oder einer Gruppe von Personen aufgrund ihres Geschlechts beitragen. (bb)



Warum reagieren die Frauen in Hollywood erst heute, also viele Jahre nach den Übergriffen? Auch der Vorwurf von Vergewaltigungen steht ja im Raum…

Kurth: Da Scham- und oft sogar Schuldgefühle eine häufige Folge sexualisierter Übergriffe sind, verwundert es nicht, dass die meisten Frauen schweigen. Von den Betroffenen wird der sexualisierte Übergriff in der Regel individualisiert, bisweilen selbst dann, wenn bekannt ist, dass auch andere Frauen vom gleichen Täter bedrängt und belästigt wurden. In gewisser Weise sind das rationale Entscheidungen. Viele haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass ihnen eine (Mit-)Schuld gegeben wird, dass man schlecht über sie spricht oder sich gar über sie lustig macht. Und immer dann, wenn es um berufliche Abhängigkeiten geht, gibt es zusätzlich die ebenso berechtigte Befürchtung, erhebliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen
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Eine überregionale Tageszeitung beklagte, dass prominente Schauspielerinnen sich seit Jahren weltweit für Gleichberechtigung starkmachen und das Selbstbewusstsein von Frauen stärken wollen, sich aber selbst nicht gewehrt haben. Woran liegt das?

Kurth: In geschlechterhierarchisch strukturierten Gesellschaften sind Frauen strukturell benachteiligt. Das betrifft zwar nicht alle Frauen gleichermaßen, aber keine ist gänzlich davon ausgenommen. Auch prominente Frauen wissen oder ahnen zumindest, welches persönliche Risiko sie eingehen, wenn sie konkret erlebten Sexismus publik machen – oder sich offensiv zur Wehr setzen.

Viele Menschen, Frauen wie Männer, sind unsicher, wie sie sich richtig verhalten. Jeder empfindet auch anders. Gibt es trotzdem so etwas wie Grundregeln, an die man sich halten kann?

Kurth: Die allermeisten Menschen wissen meines Erachtens sehr genau, was Sexismus ist und was nicht. Sie wissen sehr genau, was einen Flirt von einer sexualiserten Anmache unterscheidet, und sie merken auch, wenn sie die Grenzen überschreiten. Sexismus kommt in der Regel nicht deshalb vor, weil Menschen zu dumm sind, um zu wissen, was Sexismus ist, sondern weil sie Macht ausüben wollen. Meines Erachtens gibt es eine zentrale Grundregel: Sei empathisch! Also, versetze dich in die andere Person hinein und akzeptiere, dass sie anders empfinden kann als du selbst. Menschen machen Fehler, und sie können sich entschuldigen. Das wird fast immer akzeptiert.

 

Die allermeisten Menschen wissen sehr genau, was Sexismus ist und was nicht

Dr. Alexandra Kurth


Können Sie ein paar Beispiele für falsch und richtig geben?

Kurth: Das ist schwierig, denn zwischenmenschliche Beziehung sind individuell. Was für die einen in Ordnung ist, empfinden andere als übergriffig. Auf alle Fälle ist es falsch, in Stereotypen zu denken, weil man es als lästig empfindet, Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen in ihrer Individualität zu erfassen.

Ihr Fachbereich geht ja auch dieser Frage nach: Wie sehr prägt das Geschlecht menschliche Gemeinschaften? Haben Sie eine Antwort?

Kurth: Als politikwissenschaftliche Geschlechterforscherin bin ich natürlich davon überzeugt, dass die Geschlechterverhältnisse menschliche Gesellschaften ganz wesentlich prägen, denn sonst hätte ich mich beruflich anders orientiert. So ist das Geschlecht nach wie vor eine zentrale Kategorie für die Chancen und Möglichkeiten, aber auch die Ein- und Beschränkungen, die eine Gesellschaft für jede/n von uns bereithält. Und gleichzeitig sind Geschlechterverhältnisse wie alle gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach naturgegeben und statisch, sondern von Menschen gemacht und veränderbar. Anders ausgedrückt: Sexismus ist kein Naturphänomen, bei dem gleichsam automatisch Männer Täter und Frauen Opfer sind, sondern Sexismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, das von Männern wie von Frauen verändert werden kann.

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Der Hashtag #metoo wird seit Oktober in den sozialen Medien, um sexuelle Übergriffe und Belästigungen im Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein anzuprangern. Schauspielerin Alyssa Milano ermutigte Frauen ihre Erfahrungen unter #metoo zu verbreiten. Seitdem haben Millionen von Menschen den Hashtag genutzt, darunter viele Prominente.

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