08. November 2017, 22:23 Uhr

»Zum Ritual erstarrt«

Heute ist wieder Zeit zum Erinnern: an die Pogromnacht, an brennende Synagogen, an das Schweigen der Nachbarn angesichts der Misshandlungen jüdischer Mitbürger. Doch reicht das angesichts gegenwärtiger Herausforderungen?
08. November 2017, 22:23 Uhr
Das Porträt von Anne Frank in der Ausstellung »Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland«. (Foto: dpa)

Kerzen auf Stolpersteinen und vor ehemaligen Synagogen, Gespräche von Zeitzeugen und Reden, die zum Erinnern aufrufen: Das ist mittlerweile Routine an Tagen wie dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, oder am 27. Januar, dem Internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Alles gut gemeint, aber: »Gedenken allein reicht nicht«, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

Die Deutschen sehen sich zwar einerseits als »Erinnerungsweltmeister«, sagt der gebürtige Israeli. Doch die ritualisierte Gedenkkultur sei an ihre Grenzen gekommen. »Eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust ist heute in Deutschland dringend gefordert«, sagt Mendel.

Es sind nicht nur die Schlussstrichforderungen von AfD-Politikern, die Mendel und seinen Mitarbeitern Sorge bereiten. Auch im Alltag erleben sie Angriffe über soziale Medien oder anonyme Mails, teils mit deutlich antisemitischen Tönen. Auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Monat habe es »gezielte Provokationen und Einschüchterungsversuche durch Vertreter der Neuen Rechten« gegeben, berichtet Eva Berendsen, die Sprecherin der Bildungsstätte.

Eine Zunahme von Antisemitismus sieht auch der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel. Die meisten seiner Gemeindemitglieder verzichteten darauf, sich etwa durch das Tragen einer Kippa äußerlich als Juden zu erkennen zu geben. Laut einer Studie der Universität Bielefeld unter mehr als 550 jüdischen Befragten nahmen drei Viertel Antisemitismus als ein großes Problem in Deutschland wahr, nur ein Drittel von ihnen hatte selbst keine versteckt antisemitischen Andeutungen oder offenen Beleidigungen erlebt.

Im Umgang mit der in Frankfurt geborenen Anne Frank, der Namensgeberin der Bildungsstätte, sieht Mendel ebenfalls Anzeichen für fehlende Sensibilität. Nur wenige Wochen nachdem italienische Ultra-Fans mit dem Konterfei des im Konzentrationslager Bergen-Belsen an den Folgen von Hunger und Krankheit gestorbenen jüdischen Mädchens verhöhnten, postete ein Mann aus Wetzlar auf der Facebook-Seite einer rechtsnationalen Gruppe die Fotomontage eines Pizzakartons mit dem Bild Anne Franks und der Aufschrift »Die Ofenfrische«. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Selbst die eigentlich gut gemeinte Idee der Deutschen Bahn, einen der neuen ICE-Züge nach Anne Frank zu benennen, macht für Mendel eine fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit deutlich: »Anne Frank wurde schließlich in Zügen der Reichsbahn nach Auschwitz und nach Bergen-Belsen deportiert.«

»Ich finde es geschmacklos, einen deutschen Zug nach Anne Frank zu benennen«, sagt auch Manfred Levy von der Pädagogischen Abteilung des Fritz Bauer Instituts an der Frankfurter Goethe-Universität. Der Pädagoge teilt die Skepsis gegenüber dem »alljährlichen Gedenkmarathon« am 9. November. »Es werden sicher interessante, bewegende und aufrüttelnde Reden gehalten.«

In der Frankfurter Paulskirche werde es wohl wieder ähnlich sein wie in den Vorjahren: »Kaum Jugendliche, und die Mehrheit der älteren Gäste aus der jüdischen Gemeinde.« Also diejenigen, die bereits bestens wissen, was am 9. November 1938 geschah. »Ich habe den Eindruck, dass diese Feiern inhaltlich so zum Ritual erstarrt sind, dass sie keine Verbindung zur Gegenwart zulassen und somit nur noch wenige erreichen.«

Das dürfe nicht geschehen in einer Zeit, in der der AfD-Politiker Björn Höcke von einem »Denkmal der Schande« spreche. Es sei ein Alarmzeichen, wenn wie zu Jahresbeginn Stolpersteine in Dresden überklebt werden. Alarmierend sei auch, dass nach einer im September veröffentlichten Umfrage der Körber-Stiftung nur 59 Prozent der Schüler ab 14 Jahren wussten, dass Auschwitz ein Konzentrations- und Vernichtungslager war.

Levy hat deshalb einen ganz konkreten Vorschlag zur Verbesserung der Erinnerungskultur nicht nur am 9. November: »Wenn jedes Jahr eine andere Schule die Patenschaft für die Feier übernimmt und Jugendliche statt Politikern die Gedenkrede halten.«

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