06. April 2020, 19:07 Uhr

Wohnen in der Wache

06. April 2020, 19:07 Uhr
Leon Henzner (21) hat sich n eine Art freiwillige Quarantäne begeben, um die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr sicherzustellen. FOTO: DPA

Schwalbach - Für Feuerwehrmann Leon Henzner hat sich am 16. März das Leben komplett geändert. Der 21-Jährige ist an diesem Tag mit Sack und Pack in die Feuerwehrwache in Schwalbach am Taunus gezogen, dort wohnt und arbeitet er nun. »Wir bleiben hier mindestens bis zum 20. April«, erzählt der junge Mann an seinem coronabedingten neuen Wohnort mitten in der Stadt. Um die Freiwillige Feuerwehr in Schwalbach einsatzfähig zu halten, wurde die Abteilung geteilt und in Quarantäne geschickt.

Seitdem schläft Henzner gemeinsam mit drei Kollegen auf Feldbetten im Aufenthaltsraum, sein Homeoffice hat er im Büro des Stadtbrandinspektors aufgebaut. Geduscht wird in der Halle bei den Einsatzfahrzeugen. Aus Veranstaltungszelten, Planen und Schläuchen haben die findigen Feuerwehrleute Duschen gebaut. Handtücher, Duschgel und Shampoo liegen dort auf Biertischen. »Die Duschen sind top, das Wasser ist schön warm«, sagt Henzner lachend.

Die Teilung der Einsatzabteilung und die Quarantäne sind eine Idee des Stadtbrandinspektors Marco Richter und seiner Kollegen gewesen. »Eine Gruppe ist am Feuerwehrhaus, die andere mit ihren Fahrzeugen im städtischen Bauhof«, erzählt er. Der Hintergrund der Idee: Sollte sich in einer der Gruppen jemand mit dem Coronavirus infizieren, wäre der Brandschutz der Stadt immer noch gesichert.

Homeoffice im Feuerwehrhaus

Allerdings betrifft die neue Regelung nicht die gesamte Feuerwehr. Wer selbst zu einer Risikogruppe gehört oder entsprechende Angehörige hat, ist außen vor. So ist die Einsatzabteilung von 70 Leuten auf 25 Männer und Frauen geschrumpft. Die meisten leben nach wie vor zu Hause, sie und ihre Familienmitglieder haben keine oder kaum persönliche Kontakte mit anderen Menschen. Doch bei acht von ihnen sieht die Lage anders aus, sie sind vorübergehend von zu Hause ausgezogen - jeweils vier in den Bauhof und in die Feuerwehrwache.

»Ich wohne noch bei meinen Eltern, beide können kein Homeoffice machen, haben also noch vergleichsweise viele Außenkontakte«, erzählt Henzner.

Sein Kollege Alan Downing hat sich ebenfalls für den Aufenthalt im Feuerwehrhaus entschieden. Seine Frau sei in einer Apotheke angestellt, erklärt er. Der SAP-Entwickler arbeitet nun mit seinen Laptops im Archivraum der Feuerwehr. Ihre Familien sehen die Männer nur selten.

»Wir waren die erste Feuerwehr im Main-Taunus-Kreis mit dieser Regelung, mittlerweile sind andere nachgezogen«, berichtet der Stadtbrandinspektor. Wie viele der Brandschützer in Hessen so wie die Schwalbacher verfahren, weiß der Landesfeuerwehrverband mit Sitz in Kassel nicht. »Es gibt keine Übungen mehr, und die Wachen dürfen in der Regel nur noch für Einsätze betreten werden«, erklärt Geschäftsführer Harald Popp. Ihm sei bislang kein Corona-Fall innerhalb der Feuerwehren bekannt. In Hessen gibt es neben den Berufsfeuerwehren 2600 freiwillige Wehren mit 72 000 Mitgliedern.

Stimmung ist nach wie vor gut

Die Brandschützer in Schwalbach haben noch weitere Vorkehrungen getroffen, um sich zu schützen. So muss nach Einsätzen mit Körperkontakt sofort geduscht werden, die möglicherweise kontaminierte Kleidung landet ohne Umwege in einer umfunktionierten Mülltonne und wird gewaschen.

Mit Schutzkleidung inklusive Mundschutz sind die Feuerwehrleute gut ausgestattet, im Schnitt haben sie täglich einen Einsatz, wie auch in normalen Zeiten.

Ihre freiwillig gewählte Isolation sei anstrengend, berichten sie, doch die Stimmung nach wie vor gut. Wenn er mal alleine sein wolle, laufe er um den Block, sagt Henzner. »Nur Ostern ohne Familie wird schon happig.« dpa

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