19. Dezember 2017, 19:50 Uhr

Wirtschaften mit ethischer Bilanz

Ziel eines Unternehmens ist in der Regel die Gewinnmaximierung. Wer Überschüsse erwirtschaftet, kann wieder investieren. Das ist im Prinzip auch bei der Gemeinwohl-Ökonomie der Fall. Doch diese alternative Wirtschaftsform orientiert sich in erster Linie an den Werten Gerechtigkeit, Menschenwürde, Solidarität, Nachhaltigkeit und Mitentscheidung.
19. Dezember 2017, 19:50 Uhr

Bilanzen gehören zum unternehmerischen Handeln. Sie stellen Einnahmen und Ausgaben gegenüber und weisen unterm Strich einen Gewinn oder Verlust aus. Doch was ist eine Gemeinwohl-Bilanz? Die Firma Foster Naturkleidung in Marburg hat ihr Zahlenwerk für 2016 auf ihrer Homepage veröffentlicht. Das Unternehmen verwendet für seine Produkte reine Naturfasern, setzt auf Nachhaltigkeit bei Rohstoffen (bevorzugt aus kontrolliert biologischem Anbau und Tierzucht) und kurze Transportwege.

Kriterien für die Beurteilung in der Gemeinwohl-Bilanz sind unter anderem im Bereich Menschenwürde die Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung. Bei der Solidarität ist es die gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit oder in der Kategorie Umwelt die Förderung ökologischen Verhaltens der Mitarbeiter oder die Reduktion ökologischer Auswirkungen. So beteiligt sich die Firma seit 1996 in Marburg an einem Solarstromprojekt. Weiterer Strom wird laut Unternehmen aus Wasserkraft bezogen. Von 1000 möglichen Punkten erreichte Foster in der Bilanz 462. Ein sehr guter Anfang.

Als Begleiter dieses sechsmonatigen Bilanzierungsprozesses fungierte unter anderem Jörg-Arolf Wittig von der Regionalgruppe Rhein-Main der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Die Gruppe hatte sich vor sechs Jahren gegründet, um das Konzept der Initiative bekannt zu machen und Unternehmen, Schulen und Organisationen dafür zu gewinnen. Bisher konnte die Gruppe vier Firmen, darunter einen der führenden internationalen Anbieter für Event- und Medientechnik, satis&fy in Karben mit rund 400 Mitarbeitern, dafür gewinnen, einen Gemeinwohlbericht erstellen zu lassen. Die Waldorfschule in Bad Nauheim sei gerade dabei, weitere Schulen wollten folgen, erklärt Wittig.

In Hessen gibt es seit September 2016 eine weitere GWÖ-Vereinigung, die Regionalgruppe Lahn-Eder, gegründet von Marburger Unternehmern und regionalen Akteuren. Ihr Gebiet erstreckt sich von Frankenberg an der Eder über Marburg bis Gießen. »Langfristig will die GWÖ ein Regelwerk etablieren, das den Zweck des Wirtschaftens, nämlich das Wohl der Gesellschaft und gelingende Beziehungen zu Mensch und Umwelt, in den Vordergrund stellt. Geld sollte dabei das Mittel sein, und nicht die Anhäufung desselben der Zweck des Wirtschaftens«, sagt Dirk Posse. Und verweist auf Artikel 38 der hessischen Verfassung: »Die Wirtschaft des Landes hat die Aufgabe, dem Wohl des ganzen Volkes und der Befriedigung seines Bedarfs zu dienen.« Ein Gemeinwesen könne die Regeln, nach denen gewirtschaftet wird, so definieren, dass alle davon profitieren – was ursprünglich auch die Idee der sozialen Marktwirtschaft gewesen sei – und damit zum Beispiel ein weiteres Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich verhindern.

Voller Saal bei Regionalkonferenz

Einen weiteren Erfolg kann die nordhessische Regionalgruppe aufweisen: Die Stadt Frankenberg hat in Zusammenarbeit mit Lahn-Eder ein durch EU-Leader-Mittel gefördertes Programm für die Region Burgwald-Ederland auf den Weg gebracht. Im Rahmen dessen sollen Unternehmen und Gemeinden informiert und beraten werden, eine Gemeinwohlbilanz aufzustellen. Dafür gab es eine EU-Förderung über 32 000 Euro. Die Stadt Cölbe war eine der ersten Kommunen der Region, die sich der GWÖ-Initiative anschloss.

Bei der Lahn-Eder-Gruppe ist man optimistisch, dass die Idee weitere Kreise zieht. Anfang November fand die zweite Regionalkonferenz »Nachhaltig Handeln« mit dem Schwerpunkt »Wirtschaften fürs Gemeinwohl« in Cölbe und Marburg statt: »Der Auftaktvortrag von Christian Felber, dem Impulsgeber der Idee, in einem Marburger Kinosaal musste wegen Überfüllung vor Beginn geschlossen werden, sodass 50 bis 100 Interessierte nicht mehr in den mit 350 Sitzplätzen ausgestatteten Kinosaal hereinkonnten«, erinnert sich Posse. (Foto: dpa)

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