18. März 2020, 22:27 Uhr

»Wir werden Sie vermissen«

Hessen igelt sich wegen der Coronakrise weiter ein. Nun sind auch viele Geschäfte dicht, ebenso Kinos, Freizeitparks und Sportplätze. Kommunen kündigen Kontrollen an, setzen aber auf einsichtige Bürger.
18. März 2020, 22:27 Uhr
Ingrid Linken aus Hanau-Steinheim verlässt auf dem Frankfurter Flughafen den Gepäckbereich. Sie kam mit einer Maschine des Ferienfliegers Condor aus Babardos. Der Flug war Teil der Rückholaktion für gestrandete Touristen. Foto: dpa

Ade Shopping-Bummel, Kneipenabend und Sportgruppe: Die Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie schränken den Alltag der Hessen immer stärker ein. Nach den Schul- und Kita-Schließungen zum Wochenanfang griffen am Mittwoch die weiteren Anordnungen der Behörden. Viele Geschäfte mussten schließen, Gaststätten dürfen nur noch zwischen sechs und 18 Uhr öffnen. Außerdem machten Kinos, Tier- und Freizeitparks dicht sowie Sport- und Spielplätze. Disco-Nächte sind nun vorerst ebenso passé wie Besuche in Spielhallen, Museen oder Schauspielhäusern.

Die Maßnahmen sollen die weitere Ausbreitung des Erregers SARS-CoV-2 bremsen. Die Zahl der bestätigten Fälle in Hessen stieg bis Mittwochnachmittag auf 547, am Vortag waren es 381 gewesen. Ein 68-jähriger Wiesbadener starb an den Folgen der Infektion.

Shopping: Landesweit und auch auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil sind nun viele Läden zu. Die Filialen der großen Modeketten informierten ihre Kunden mit Schildern in den Schaufenstern über die Situation, viele verwiesen auf ihr Online-Angebot. »Wir werden Sie vermissen«, schrieb ein Geschäft für Damenmode auf ein Schild an seine Kundinnen. Wichtige Dinge des täglichen Bedarfs können die Menschen weiterhin kaufen: Geöffnet bleiben unter anderem der Einzelhandel für Lebensmittel, Lieferdienste, Apotheken, Drogerien, Tankstellen, Banken oder Wochenmärkte. So soll etwa der Wiesbadener Wochenmarkt wie gewohnt mittwochs und samstags stattfinden - die Stände werden jedoch weiter voneinander entfernt postiert als üblich.

Kontrollen: Halten sich alle an die Regelungen? Das zu überprüfen, sei Aufgabe der Ordnungsbehörden, teilte das Sozialministerium mit. Kommunen kündigten bereits Kontrollen an, etwa Frankfurt: »Die Stadtpolizei des Ordnungsamtes kontrolliert im Rahmen der Ressourcen, nach Verhältnismäßigkeitgesichtspunkten und unter Eigenschutzaspekten«, teilte die Stadt mit. Kontrolliert werden soll im Rahmen des normalen Streifendienstes. »Eigens ins-tallierte ›Corona-Streifen‹ wird es nicht geben.« Man setze auf die Kooperationsbereitschaft der Frankfurter.

Kinderbetreuung: Da Kitas und Schulen wegen des Coronavirus seit Montag geschlossen haben, werden zahlreiche Kinder nun zu Hause betreut. Manche Schüler machen angesichts des milden Wetters ihre Schulaufgaben im Garten. Einige Kommunen reagierten auf die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen und setzen die Gebühren für diese Einrichtungen zunächst aus. Ob das generell möglich ist, hänge auch von den Satzungen der einzelnen Kommunen ab, teilte ein Sprecher des Hessischen Städtetags mit. Unter Umständen benötige man einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung (siehe Text unten)

Gerichte: Immer mehr Richter in Hessen sagen geplante mündliche Verhandlungen ab. Wie eine Stichprobe der Deutschen Presse-Agentur ergab, wird an vielen Gerichten im Land nur noch in Ausnahmefällen mündlich verhandelt. Man wolle so einen »Teil dazu beitragen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen«, sagte etwa ein Sprecher des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) in Kassel. Verfahren ohne mündliche Verhandlung finden hingegen in der Regel weiterhin statt. Auch Klagen und Schriftsätze können den Angaben der Gerichte zufolge eingereicht werden. Landesweite Absagen von mündlichen Verhandlungen sind nach Angaben des Justizministeriums wegen der richterlichen Unabhängigkeit grundsätzlich nicht möglich. Danach entscheidet jeder Richter selbst, ob er verhandelt - oder eben auch nicht.

Flughafen: Am Frankfurter Flughafen hat die Bundespolizei schon am ersten Tag des Einreiseverbots mehr als 150 Fluggäste aus Nicht-EU-Ländern abgewiesen. Einige seien bereits wieder in die Herkunftsländer zurückgeflogen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei am gestrigen Mittwoch. Die Übrigen warteten auf der Wache oder im Transitbereich auf ihre Rückflugmöglichkeiten, zu denen die Fluggesellschaften gesetzlich verpflichtet seien. Die Passagiere kämen aus vielen verschiedenen Staaten wie den USA, Brasilien oder Thailand. Die Bundespolizei setzt seit Dienstagabend das wegen der CoronaKrise verhängte weitgehende Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger um.

Rückholaktion: Bei der Rückholaktion für im Ausland gestrandete Touristen sind die Maschinen des Ferienfliegers Condor voll besetzt. »Die Leute sind extrem erleichtert«, berichtete eine Sprecherin am Mittwoch in Frankfurt. In einigen Zielländern wie beispielsweise der Dominikanischen Republik hatte es zunächst geheißen, dass gar keine Flieger aus Europa mehr landen dürften. Inzwischen habe man die Hindernisse aber abgeklärt.

Auch die Lufthansa ist voll in die verschiedenen Rückholaktionen eingebunden, wie das Unternehmen berichtete. Die Gesellschaften absolvierten in diesen Tagen 139 Rückholflüge in die Heimatländer Deutschland, Schweiz, Österreich und Belgien. In München landete am Nachmittag aus Tunis eine erste Lufthansa-Maschine aus der von der Bundesregierung bezahlten Luftbrücke.

Hochzeiten und Trauerfälle: Die Landeshauptstadt Wiesbaden lässt zur Zeremonie für bereits terminierte Trauungen maximal zehn Gäste inklusive Brautpaar zu (Stand 18. März). Die Anwesenden werden namentlich und mit Anschrift erfasst, wie die Stadt mitteilte. Strengere Regelungen auch bei Beerdigungen: Alle 21 Trauerhallen sind demnach geschlossen, Trauerfeiern finden bis auf Weiteres vor den Hallen im Freien statt. An Bestattungen und Urnenbeisetzungen können nur noch direkte Angehörige beziehungsweise maximal 25 Menschen teilnehmen.

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