24. November 2017, 17:18 Uhr

Wir und der Spatz

24. November 2017, 17:18 Uhr

Sie sind überall: Wir teilen unsere Betten, Häuser und Gärten mit ihnen. Wohin wir auch kommen: Sie sind bereits da, unter, neben und über uns. Auf Müllhalden, in Parks, in Bahnhöfen, auf Flughäfen, in der Tiefsee und in der Luft. Tiere sind allgegenwärtig und wir waren und sind vielen von ihnen eng verbunden. Auf ganz unterschiedliche Weise. Tiere machen einen bedeutenden Teil unserer Geschichte aus – als Kompagnons, Beute, Quelle von Arbeitsenergie, als Fettspeicher, als Rohstoffe, als Götter, als Opfer, als Symbole von Stärke und Macht. Unsere Beziehungen zu ihnen sind wechselhaft und widersprüchlich. Und sie werden ständig neu ausgehandelt.

Historische Sicht

Um die Vielfalt dieses engen Tier-Mensch-Verhältnisses zu beleuchten, muss man nicht in die Ferne schweifen. Setzen Sie sich einfach mit etwas Essbarem auf den Marktplatz und warten ab: Innerhalb kürzester Zeit wird Ihnen vielleicht die Aufwartung von einem kleinen braun-grauen Vogel gemacht werden – und vermutlich kommt dieser Haussperling nicht allein, sondern bald mit einer ganzen Bande. Die hätten jetzt gern alle was ab von Ihrem Pausenbrot.

Aus historischer Sicht trägt dieser kleine Besucher einen ganzen Rucksack an Bedeutungszuschreibungen. Man kann ihn aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Früher galt er meist einfach nur als dreist, frech und triebhaft. Ein wenig ansehnlicher Allerweltsvogel, der nicht einmal schön sang, sondern eher monoton tschilpte. Vor allem aber machten sich die Spatzen über das Hühnerfutter in den Hinterhöfen, über Sämereien in den Gärten und Getreide auf den anliegenden Feldern her. Grund genug, sie bis weit ins 20. Jahrhundert gezielt zu vergiften, Kopfprämien auszusetzen oder sie wenigstens im Winter von den Futterhäuschen für die »sympathischeren« Singvögel fernzuhalten.

Heute blicken wir anders auf den Vogel. Er gilt als gefährdet. Und damit erzählt der Spatz Bände davon, wie schnell sich unsere Umweltbeziehungen verändern können. Dazu gehört auch, dass der Lebensraum von wilden Tieren durch Pestizideinsatz und Flächenversiegelung verloren gegangen ist. Die Tiere leiden auch an unserem ausgeprägten Ordnungssinn, der kein Unkraut und kein undurchsichtiges Gebüsch zu ertragen scheint. Aber diese neue Interpretation zeigt auch, dass sich die Gesellschaft darauf verständigt hat, Tiere auch jenseits ihres unmittelbaren Nutzens für den Menschen zu betrachten, ihnen gewisse Rechte einzuräumen, die in Tier- und Naturschutzgesetzen festgeschrieben sind.

Nachdenken über uns

Der Vogel, der da vielleicht vor Ihnen herumhüpft und auf die Krumen hofft, die Sie fallen lassen, ist eben nicht einfach nur ein Spatz. Es hängt von der Perspektive ab. Für den einen ist er ein lärmender Lästling, für den Zweiten ein schlauer und anpassungsfähiger Stadtmitbewohner, für den Dritten ein Krankheitsüberträger, für den Vierten eine zu schützende Art. Das Nachdenken über Tiere stößt also fast zwangsläufig ein Nachdenken über uns an. Wie sich die Beziehungen in historischen Zeiten geändert haben, wird in den kommenden Beiträgen einer genaueren Betrachtung unterzogen. Besonders interessant wird es natürlich da, wo es kracht, wo traditionelle Grenzen gesprengt werden, wo es zu Konflikten kommt. Denn hier zeigt sich, was für ganz unterschiedliche Tiere im Einzelnen eigentlich gemeint sind, wenn in den öffentlichen Debatten von dem Wolf, der Katze oder der Schnecke die Rede ist. Dr. Anna-Katharina Wöbse Justus-Liebig-Universität Gießen

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