14. Februar 2017, 19:58 Uhr

»Wir brauchen offene Märkte«

Der neue US-Präsident Donald Trump hat so ganz eigene Vorstellungen, wie die Wirtschaftspolitik des Landes in Zukunft aussehen soll. Statt auf Freihandel setzt er auf Protektionismus. Auch im heimischen Raum ist die Verunsicherung spürbar, sagt Robert Malzacher, Leiter des Geschäftsbereichs International bei der Industrie- und Handels- kammer Gießen-Friedberg. Er rät aber zur Gelassenheit.
14. Februar 2017, 19:58 Uhr
Robert Malzacher

Herr Malzacher, Donald Trump im Weißen Haus. Beunruhigt Sie das?

Robert Malzacher: Auf alle Fälle hat der Machtwechsel im Weißen Haus zu einer Verunsicherung beigetragen. Immerhin ist die USA inzwischen unser größter Exportmarkt. Unsicherheit ist für die Wirtschaft Gift, weil Investitionen dann oft zurückgestellt werden oder ganz wegfallen. Nicht zuletzt geht es auch um viele Arbeitsplätze bei uns und in Europa.

Sie sind bei der IHK Gießen-Friedberg Leiter des Geschäftsbereichs International. Gab es schon besorgte Anrufe von Unternehmen, die geschäftlich stark in den USA engagiert sind? Immerhin gab es schon den Vorwurf aus dem Weißen Haus, Deutschland verschaffe sich auf Kosten der Amerikaner ungerechtfertigte Handelsvorteile durch einen zu schwachen Euro.

Malzacher: Ja, dieser Vorwurf kommt jetzt tatsächlich aus den USA. Wir werden die Trump-Administration sicher auch nicht mit dem Hinweis auf eine unabhängige Europäische Zentralbank davon abbringen können. Dies macht uns natürlich nicht gerade optimistisch für die Politik der USA gegenüber Deutschland und Europa. Aus persönlichen Gesprächen mit unseren Unternehmern merken wir in jedem Fall, dass diese Einschätzung vielfach geteilt wird und eine Verunsicherungen über die Auswirkungen der angekündigten wirtschaftlichen Maßnahmen und Ziele des amerikanischen Präsidenten besteht. Deutsche Unternehmen in den USA präsentieren sich bislang entspannter. Dies zeigen die Ergebnisse einer Umfrage der deutsch-amerikanischen Handelskammern. Das erste Stimmungsbild unter deutschen Firmen in den USA zeigt, dass 30 Prozent der Befragten positive Entwicklungen erwarten und 42 Prozent keine negativen Auswirkungen sehen. Unsere Kollegen halten uns weiterhin auf dem Laufenden und helfen unseren Unternehmen beim Handel mit den USA. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Europa und damit auch Deutschland vonseiten der USA Handelsbarrieren auferlegt bekommt, wird dies die deutsche Wirtschaft hart treffen. Aber es bleibt abzuwarten, wie der Kongress in den USA auf die Forderungen des Präsidenten reagieren wird. Die Auswirkungen werden wir jedenfalls voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr deutlicher sehen.

Wie stark ist das USA-Geschäft im Kammerbezirk ausgeprägt?

Malzacher: Der Außenhandel spielt in unserem IHK-Bezirk insgesamt eine große Rolle. Die Exportquote liegt bei 37,9 Prozent. Im Landkreis Gießen sogar bei 46,6 Prozent. 43 Prozent aller unserer exportierenden Firmen unterhalten Wirtschaftsbeziehungen mit den USA. Für hessische Unternehmen sind die USA der wichtigste Absatzmarkt. Der Anteil der USA an den hessischen Gesamtexporten liegt damit bei rund 12,1 Prozent. Exportiert werden vor allem chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, auch der Bereich EDV und Elektronik spielt im deutsch-amerikanischen Handel eine große Rolle.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, hält Trumps Wirtschaftspolitik für nicht zukunftsfähig. Wenn Trump seine Ankündigungen so umsetze, gefährde das Arbeitsplätze in Deutschland und in den USA. Wie sehen Sie die Situation?

Malzacher: Eric Schweitzer hat sehr deutlich gemacht, dass die tatsächliche Umsetzung der Ankündigungen von Donald Trump nicht nur Arbeitsplätze in Deutschland, sondern auch in den USA vernichten würde. Wie stark die wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder sind, zeigen auch 700 000 Arbeitsplätze in den USA von deutschen Unternehmen.

Was raten Sie Unternehmen, die starke Geschäftsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten pflegen?

Malzacher: Trump hat die amerikanische Wirtschaft bislang nicht komplett umgekrempelt. Die Absatz- und Entwicklungschancen für die Unternehmen bleiben nach wie vor bestehen. Die USA sind und bleiben ein wichtiger Handelspartner. Daran hat die Wahl von Donald Trump erst einmal nichts geändert. Wir müssen zudem abwarten, ob seine geplanten Steuersenkungen und Investitionsvorhaben vom Kongress angenommen werden. Wenn es zu einer Umsetzung der geplanten Steuersenkungen kommt, kann dies die amerikanische Wirtschaft erst einmal stärken. Aber sollte es tatsächlich zu einer protektionistischen Handelspolitik kommen, wird sich dies auch auf die US-Unternehmen mittel- und langfristig negativ auswirken.

Nicht nur in Deutschland geht ein wenig die Angst vor Trumps Credo »America First« um. Teilen Sie diese Angst?

Malzacher: Angst war und ist noch nie ein guter Ratgeber gewesen. Es bleibt offen, was von seinen Ankündigungen tatsächlich in die Tat umgesetzt wird.

Müssen deutsche Firmen ihre Strategie ändern und vermehrt den heimischen Markt in den Blick nehmen?

Malzacher: Der Einkauf, die Produktion, der Vertrieb leben von einer globalisierten Weltwirtschaft und der Arbeitsteilung. Zu glauben, dass die heimischen Märkte durch Abschottung Wohlstand und Wachstum halten können, ist falsch. So funktioniert die Wirtschaft schon lange nicht mehr. Unsere Wirtschaft braucht offene Märkte, um stark zu bleiben. Allerdings unterstütze ich die Haltung des DIHK-Präsidenten Eric Schweitzer, der betont hat, dass bessere Rahmenbedingungen für mehr Investitionen in Deutschland geschaffen werden sollten.

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